Kein Geld, kein Bankkonto, keine Kreditkarte – Millionen Menschen in Europa sind vom elektronischen Zahlungsverkehr ausgeschlossen. Überdurchschnittlich häufig trifft es Frauen, so eine aktuelle Studie
In Europa leben 93 Millionen Menschen ohne oder nur mit stark eingeschränktem Zugang zum modernen Zahlungsverkehr. Dieser "finanzielle Graben" kann sich auch im sozialen Umfeld der Betroffenen niederschlagen: Wer im Internet Flüge buchen, beim Online-Versandhändler Kleider bestellen oder im Restaurant Freunde zum Essen einladen will, ist ohne Bankkonto und Kreditkarte aufgeschmissen. Eine Studie von MasterCard wirft nun ein Schlaglicht auf benachteiligte Gesellschaftsgruppen im Zahlungsverkehr.
Besonders dramatisch ist demnach die Situation der "finanziell Ausgeschlossenen": Sie sind im Schnitt 40 Jahre alt und ihnen fehlt jeglicher Zugang zum Zahlungsverkehr – auch zu Bargeld. 55 Prozent davon sind Frauen, 51 Prozent sind verheiratet. 40 Prozent haben in den letzten drei Monaten keinerlei Einkommen erzielt. Die fehlenden Mittel wirken sich auch auf die Mobilität aus: 81 Prozent haben ihr ganzes Leben im gleichen Land gewohnt.
Ebenfalls schwierig ist die Lage der "finanziell Unterversorgten": Sie verfügen zwar über Bargeld, haben jedoch keinen Zugang zum elektronischen Zahlungsverkehr. Auch bei ihnen liegen der Altersdurchschnitt bei 40 Jahren und der Frauenanteil bei 55 Prozent. Tendenziell sind in dieser Gruppe mit 37 Prozent weniger Verheiratete vertreten. 36 Prozent haben in den vergangenen drei Monaten Sozialhilfe (oder eine vergleichbare Unterstützung) erhalten, 33 Prozent hatten ein Arbeitseinkommen. Auch von ihnen hat die große Mehrheit (83 Prozent) ihr ganzes Leben im aktuellen Wohnsitzland gelebt.
Bargeld Zahlungsmittel erster Wahl
Nicht über genügend Geld zu verfügen ist für rund ein Viertel in beiden Gruppen der wichtigste Grund dafür, über kein Bankkonto zu verfügen. Andere gaben an, sie bräuchten kein Konto. Mehr als jeder Zehnte gab an, kein Bankkonto führen zu dürfen. Auch Misstrauen gegenüber den Banken kann ein Grund sein, kein Konto zu besitzen, so die Studie.
Praktisch alle Betroffenen zahlen ihre Mieten (98 Prozent) und Einkäufe (95 Prozent) bar. Ihre Bargeldreserven verstecken sie in ihrer Wohnung.
Immerhin zwei Drittel besitzen ein herkömmliches Mobiltelefon, mit dem sie jedoch keine Zahlungen veranlassen können – dafür bräuchten sie ein Smartphone. Ebenfalls zwei Drittel können sich denn auch unter dem Begriff "Mobile Banking" nichts Genaues vorstellen. Für ein Viertel der Betroffenen ist zudem der Zugang zu Computern stark eingeschränkt.
Auch in Deutschland ein Problem
Die bisher größte Studie zum Thema wurde im Auftrag von MasterCard vom britischen Marktforschungsinstitut Ipsos MORI durchgeführt. Im Juni und Juli 2013 wurden dazu 631 Personen in sechs Ländern (Vereinigtes Königreich, Frankreich, Spanien, Italien, Polen und Russland) befragt.
Das Armutsrisiko in Deutschland liegt nach Daten des Statistischen Bundesamtes unter dem EU-Durchschnitt. Trotzdem seien die zentralen Ergebnisse auch auf Deutschland übertragbar, da fehlender Zugang zu elektronischem Zahlungsverkehr auch andere Bevölkerungsschichten treffe und das Risiko von Benachteiligung mit sich bringe, so MasterCard.
pat
Links
Ipsos MORI-Studie im Auftrag von MasterCard: Road to Inclusion (16. September 2013)

