20 Jahre Euro, 10 Jahre Krise: Die OeNB-Chefökonomin zieht Bilanz

Doris Ritzberger-Grünwald ist die Direktorin der Hauptabteilung Volkswirtschaft der Oesterreichischen Nationalbank,

Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) lud am 2. und 3. Mai zur ihrer Jahreskonferenz zum Thema 20 Jahre Euro. Ein Anlass, über die Rolle der Zentralbanken in Europa nachzudenken. Die OeNB-Chefökonomin Doris Ritzberger-Grünwald erzählt im Interview, wie sich der volkswirtschaftliche Instrumentenkasten durch die Krise verändert hat, was noch zu tun bleibt und welche internationalen Herausforderungen auf Europas Finanzwesen zukommen.

EURACTIV: Vor 20 Jahren haben elf EU-Staaten den Euro als gemeinsame Währung eingeführt. Was hat gut funktioniert, wo muss nachgebessert werden?

Ritzberger-Grünwald: Vereinfacht kann man diese 20 Jahre in zwei Etappen einteilen. Die ersten zehn Jahre werden oft als „goldene Jahre“ bezeichnet. Die Wirtschaft ist gewachsen, die Arbeitslosigkeit war relativ niedrig. Alles lief nach Plan. 2008 kam die große Finanzmarktkrise – diese hat die zweite Hälfte bestimmt. Die große Frage, die wir uns jetzt von der Seite der Geldpolitik stellen, ist: Wie hat sich die EZB geschlagen? Wurden die richtigen Instrumente eingesetzt? War man rechtzeitig dran? Sehr viele stellen einen recht positiven Befund aus.

Und jetzt ist die Frage, wie wir zu einem „New Normal“ kommen [Anm. d. Red.: Als „New Normal“ wird die Neugestaltung der Finanzwirtschaft nach der Krise bezeichnet] und wie es in Zukunft weitergehen soll. Allen ist jedenfalls klar, dass wir nicht so schnell zur Normalität zurückkehren, wie gedacht. Die Wirtschaftsdaten sind im Moment leider nicht so gut, wie erhofft. Insofern muss man mit diesem „New Normal“ noch etwas warten. Aber im Großen und Ganzen sind wir ganz gut aufgestellt. Man hat im Euro-Raum viele neue Instrumente geschaffen. Neue Instrumente, die auch bei anderen Notenbanken in Kraft sind und teils von anderen übernommen wurden. Das reicht von TLTRO’s – langfristigen Liquiditätsbereitstellungen zur Kreditbelebung – bis zu den teilweise umstrittenen Negativzinsen.

Diese neuen Instrumente werden wahrscheinlich bleiben. Man wird vielleicht nicht immer alle benutzen, aber wir haben sie auf Vorrat, um sie im Fall des Falles aktivieren zu können.

Das klassische Instrument ist der Leitzins. Der ist aber derzeit so niedrig, dass die EZB kaum mehr Spielraum nach unten hat. Wie wäre sie heute aufgestellt, um auf eine Krise zu antworten?

Die EZB könnte noch viel mehr Papiere kaufen, wenn sie müsste. Andere Länder haben mehr gekauft und das ist gut gegangen. Eine große Veränderung, die man nicht übersehen sollte, ist, was derzeit im Bereich von Tenderoperation gemacht wird [Anm. d. Red.: Das wichtigste Instrument der EZB, über das die Zinsen und die Liquiditätslage gesteuert werden und der geldpolitische Kurs verdeutlicht wird]. Früher war das sehr restriktiv. Da gab es Auktionen, in denen Banken um das verfügbare Geld geboten haben. Also nach dem Motto: Wer bietet mehr. Wer mehr geboten hat, hat das Geld dann bekommen. Heute ist es so: Wenn die Banken die Sicherheiten haben, die wir vorschreiben, dann bekommen sie so viel Geld wie sie wollen.

Alle diese Instrumente haben kleine Schrauben, an denen man drehen könnte, um noch mehr zu tun. Aber eigentlich hoffen alle, dass das nicht notwendig ist, weil der Instrumentenkasten schon sehr breit aufgestellt ist. Er wirkt auch, beziehungsweise haben wir mehr Erfahrung bei der Anwendung. Also zum Beispiel, wie Forward Guidance wirkt [Anm. d. Red.: Die Kommunikation einer Zentralbank über ihre zukünftige Geldpolitik. Etwa Mario Draghis berühmtes „Whatever it takes“] – wie schnell das wirkt, welche Marktsegmente es erreicht. Darauf lässt sich gut aufbauen, falls es wirklich notwendig sein sollte.

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Wie muss es in der Eurozone jetzt weitergehen? Welche Reformschritte sollen als nächstes kommen?

Es fehlt noch einiges, um die Eurozone zu vervollständigen. Stichwort Bankenunion, Stichwort Kapitalmarktunion, Stichwort Euroraum-weite Einlagenversicherungen. Vielleicht schaffen wir es sogar irgendwann, uns auf eine zentralisierte Fiskalpolitik zu einigen. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass es einen gemeinsamen Finanzminister gibt und alle Budgets von Brüssel aus gesteuert werden. Aber die eine oder andere Aufgabe könnte zentralisiert werden – etwa bei Infrastrukturinvestitionen. Die sind ja zu einer sehr internationalen Angelegenheit geworden. Wenn sie etwa eine Eisenbahntrasse von Norden nach Süden bauen wollen, brauchen sie dazu wahrscheinlich fünf, sechs Länder, die mitziehen. Da macht es schon Sinn, auch auf der fiskalpolitischen Ebene mehr zu zentralisieren, um leichter zu Entscheidungen zu kommen.

Während der Krise haben wir gesehen, wie sehr sich viele auf den Euro beziehungsweise auf die EZB verlassen haben. Nach dem Motto: Die EZB wird es schon richten. Aber das geht nicht ewig und es würde viel besser funktionieren, wenn andere wirtschaftspolitische Bereiche mit an einem Strang ziehen.

Derzeit schwächelt die Wirtschaft in Europa. Was lesen Sie daraus?

Da wird das zweite Halbjahr 2019 sehr spannend, weil man da sehen wird, ob wir im ersten Quartal nur eine Konjunkturdelle gehabt haben oder ob die Wirtschaft wirklich weiter runterrutscht und die nächste Rezession kommt. Ich hoffe natürlich nicht, aber es wird spannend, wenn klar wird, ob das der Fall ist. Sowohl für die Geldpolitik als auch für die Banken.

Nehmen wir an, es ist nicht bloß eine Delle. Was würde das für Europa bedeuten?

Das würde bedeuten, dass wir einen Konjunkturabschwung sehen. Das ist allerdings auch normal nach einer Phase der Hochkonjunktur. Wichtig ist, dass die Wirtschaft nicht zu drastisch abstürzt und da ist für mich persönlich das Thema Vertrauen sehr wichtig. Wir haben schon bei der letzten großen Krise gesehen, dass es wirklich schwierig wird, sobald sich die Finanzmarktteilnehmer gegenseitig nicht mehr vertrauen. Oder wenn die Unternehmen das Vertrauen verlieren und aufhören zu investieren. Derzeit schwirren einige Faktoren herum, die das begünstigen könnten. Also zum Beispiel der Brexit: Ich höre immer mehr Unternehmen sagen, sie könnten mit einem Brexit ganz gut umgehen, sie sind vorbereitet. Vielleicht könnten sie mit einem Brexit sogar besser umgehen, als mit der jetzigen Situation, die nur Unsicherheit bedeutet. Dieses dauernde Verschieben, ohne klare Spielregeln zu haben – das ist es, was die Unternehmen offensichtlich als größtes Bedrohungsszenario empfinden.

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Spüren Sie eine allgemeine Tendenz in der Welt, dass es weniger Klarheit gibt? Ein weniger sicheres Investitionsklima?

Ich habe das Gefühl, dass die Leute durch die neuen Medien sehr viel mehr Informationen haben als früher. Das bringt auf der einen Seite mehr Transparenz aber auf der anderen Seite kann diese Menge an Informationen auch zu mehr Verunsicherung führen. Dazu kommt die Globalisierung. Unsere Absatzmärkte sind jetzt mitunter sehr viel weiter von uns entfernt und die Märkte sind stärker miteinander verflochten. Man sieht viel mehr davon, was auf der anderen Seite der Welt passiert. Zum Beispiel das Stichwort Seidenstraße, die soll schließlich um die halbe Welt wachsen. Da sind extrem viele Investitionen unterwegs. Aber ob das gut geht und wessen Interessen da bedient werden…

Was ist Ihre Perspektive zur Seidenstraße? Eher positiv, eher skeptisch?

Heute hat bei der Konferenz jemand gesagt: Hier werden Investitionen vorangetrieben, die vor allem auch die Nachfrage in China ankurbeln sollen und die Finanzierung kommt aus China. Es ist ein chinesisches Projekt. Und im Wesentlichen geht es hier um chinesische Interessen. Aber natürlich sind viele dabei und wollen dabei sein und sollen auch dabei sein. Es könnte hier ein wirklicher Zusammenschluss passieren und eine bessere Infrastrukturschiene in diese Richtung der Welt entstehen. Aber ich glaube, es ist zu früh, das zu beurteilen und zu sagen, ob die Entwicklung gut oder schlecht ist. Sie überrascht mich jedenfalls nicht, China wird irgendwann in der Zukunft die dominierende Wirtschaftsmacht sein. Das ist eine simple Rechnung. Dass sie sich gut vernetzen wollen, ist klar. Die Chinesen zu ignorieren wäre jedenfalls der völlig falsche Weg. Kooperieren ist gut, aber es muss auf gleicher Augenhöhe passieren, also auf Gegenseitigkeit basieren. Das ist glaube ich der richtige Ansatz, den muss man auch transportieren. Wenn sie bei uns investieren, dann müssen wir auch bei ihnen investieren dürfen.

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Wie ist der europäische Bankensektor in diesem internationalen Kontext aufgestellt?

Der Bankensektor in Europa wurde bisher kaum konsolidiert, das war auch ein großes Thema bei der Konferenz heute. Wir haben Tausende von Banken und das ist natürlich nicht so wahnsinnig produktiv. Die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Umfeld könnte sicher noch verbessert werden, um den Bankensektor schlagkräftiger zu machen. Es gibt über 6000 Banken in Europa, wir sind „overbanked“, wie wir sagen. Amerika dürfte da viel schlagkräftiger und effizienter aufgestellt sein.

Wie könnte man das lösen?

Man könnte den Zusammenschluss von Banken fördern. Gerade erst wurde in Deutschland versucht, zwei große Banken zusammenzuführen. Das ist nicht gelungen. Aber wenn riesige Einheiten aus Amerika oder aus Asien agieren, sind wir mit unseren vielen kleinen Einheiten unter Umständen nicht vorne dabei.

Das heißt Sie befürworten größere Banken?

Naja, natürlich sind kleinere Einheiten flexibler. Die Frage ist, wie der Bankenmarkt in Zukunft überhaupt aussehen wird. Wenn ich etwa an N26 denke, eine Bank die ausschließlich digital arbeitet, dann gibt’s da ja noch ganz andere Zukunftsszenarien. Aber es gibt sehr viele verschiedene Segmente im Bankenmarkt, die bearbeitet werden können, von Retail, Großkunden, Privatkunden, Start-Ups, Studenten, Senioren und so weiter. Da wird sich noch einiges tun, bis Europa die richtige Struktur findet. Vieles geht in Zukunft digital, aber sicher nicht alles. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ältere Generation da rasch und umfassend mitzieht. Das sind aber genau die, die das Geld haben. Die Studenten sind schon massiv auf den digitalen Plattformen unterwegs und die werden natürlich auch älter, treten in einen Job ein, verdienen Geld und können dann anlegen. Aber es gibt auch andere Altersgruppen, bei denen die Banken natürlich auch aktiv sein wollen. Da wird sich in den nächsten Jahren viel tun.

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