Ulrike Rabmer-Koller: KMUs als Schlüssel zum Klimaschutz

"Schon seit vier Jahren fordern wir eine europäische KMU-Strategie. Resultat: Sie ist im Programm der neuen Kommission, und ja, ich gehe davon aus, das Von der Leyen die Strategie aufgenommen hat, weil wir das überall transportiert haben." [SMEunited]

Nach vier Jahren Interessensvertretung für KMUs zieht Ulrike Rabmer-Koller Bilanz. Sie sieht die europäische KMU-Strategie als persönlichen Erfolg, will grüne MEPs von der Rolle der KMUs im Umweltschutz überzeugen, und vermeidet bewusst den Begriff „Lobbyismus“.

Die österreichische Geschäftsfrau Ulrike Rabmer-Koller gibt im Januar 2020 nach vier Jahren das Amt als Präsidentin der europäischen KMU-Interessensvertretung „SMEunited“ ab. Sie ist Vizepräsidentin der Wirtschaftstkammer Österreich, Mitglied im Präsidium des Österreichischen Wirtschaftsbundes und Geschäftsführerin der Rabmer Gruppe.

Ulrike Ramber-Koller sprach mit Philipp Grüll von EURACTIV.de.

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Nach vier Jahren als Präsidentin verlassen Sie nun SMEunited – Was empfinden Sie dabei?

Wehmut. Ich habe vier Jahre lang daran gearbeitet, die Organisation neu aufzustellen und in der Interessensvertretung für KMUs mehr zu erreichen – und gerade jetzt, wo es an die Umsetzung geht, bin ich nicht mehr dabei. Doch ich freue mich über unseren großen Erfolg: KMUs sind wieder ganz oben auf der europäischen Agenda.

Auf der Website von SMEunited schrieben Sie, Ursula Von der Leyen habe Ihre Forderungen nach einer KMU-Strategie aufgenommen. Wie liefen die Gespräche mit der Kommission, um das zu erreichen?

Schon seit vier Jahren fordern wir eine europäische KMU-Strategie. Resultat: Sie ist im Programm der neuen Kommission, und ja, ich gehe davon aus, das Von der Leyen die Strategie aufgenommen hat, weil wir das überall transportiert haben.

Sehen Sie das als persönlichen Erfolg?

Ja, das ist der große Erfolg von SMEunited, für den wir vier Jahre gearbeitet haben.

Gab es auch Misserfolge?

Leider ja, es gab immer wieder Rückschläge – obwohl wir uns stets stark für das Prinzip „Think Small First“ eingesetzt haben, wurden viele Regelungen beschlossen, die für KMUs besonders herausfordernd waren. Ein Beispiel ist die Datenschutz-Grundverordnung.

Wie hätte die DSGVO aussehen müssen, um die Bedürfnisse von KMU mehr zu beachten?

Ihre Ausgestaltung führte dazu, dass die Strafmaßnahmen massiv KMUs trafen. Große Unternehmen konnten es sich mit eigenen Abteilungen schneller richtigen und sich besser vorbereiten, doch die kleinen waren bürokratisch überlastet.

Vor Ihrer Arbeit auf EU-Ebene waren Sie in der österreichischen Unternehmensvertretung tätig. Was hat Sie nach Ihrem Wechsel nach Brüssel besonders überrascht?

Der Gesetzwerdungsprozess ist ganz anders, man muss alle Schritte im Auge behalten. Oft hat man beim Vorschlag der Kommission gute Arbeit geleistet, und dann kann sicher Vorschlag im späteren Verlauf noch dramatisch ändern. Das ist der größte Unterschied zum Nationalstaat.

Also reicht es nicht, nur mit der Kommission zu sprechen – wer sind denn die anderen wichtigen Partner für europäische Interessensvertretung?

Das europäische Parlament und der Rat der EU. Man muss mit Allen Gespräche führen. Erste Ansprechpartnerin war zwar die Kommission, doch ich habe auch die jeweilige EU-Ratspräsidentschaft genützt, um mit Regierungen in Kontakt zu treten. Auch im Parlament hatten wir viele Termine.

Sie haben in den letzten Jahren viele Präsidentschaften erlebt – gab es dabei ein Land, dass Sie besonders positiv oder negativ in Erinnerung haben?

Nein, die Zusammenarbeit war mit jeder Präsidentschaft sehr gut. Für mich war es aber bei der österreichischen Präsidentschaft besonders einfach, da ich viele der wichtigen Entscheidungsträger bereits persönlich kannte.

Welche Rolle spielen wechselnde Fraktionsmehrheiten im EU-Parlament? Jetzt haben wir beispielsweise eine starke grüne Fraktion, der manche wenig Wirtschaftsnähe unterstellt.

Wir sind ein unparteiischer Verband und sind mit allen Playern im Gespräch. Ich hatte viele Termine mit Organisationen für Umwelt- und Konsumentenschutz, um dort klarzulegen, was es für KMUs bedeutet, wenn ein Gesetz im Fokus von großen Unternehmen gemacht wird. Aber natürlich sind wirtschaftsaffine Gruppen im Parlament – EPP, RENEW – einfachere Gesprächspartner, weil sie von vornherein ein anderes Verständnis haben.

Ihre eigenen Erfahrungen als Unternehmerin haben Sie in Österreich gemacht – sind die dortigen Herausforderungen denn mit jenen für KMUs in ganz Europa vergleichbar?

Ja, es gibt nationale Unterschiede, doch im Großen und Ganzen sind die Themen ähnlich: Globalisierung, Digitalisierung, Klima- und Umweltschutz. Auch Fachkräftemangel ist von Schweden bis Italien und von Portugal bis Bulgarien gleich problematisch.

Unter Ihrer Präsidentschaft legte SMEunited den Fokus auf Nachhaltigkeit. Welche Rolle können KMUs im europäischen Green New Deal spielen?

Ich bin überzeugt: KMUs sind der Schlüssel zum Erreichen der Klimaschutzziele. Auf der einen Seite haben wir viele innovative Unternehmen, die mit modernster Technologie einen Beitrag leisten – mein eigenes Unternehmen beispielsweise. Wir können Lösungen anbieten. Auf der anderen Seite steht die schiere Vielzahl von Unternehmen. Wenn jedes einzelne einen Beitrag leistet, beispielsweise durch effizientere Ressourcen-Nutzung oder erneuerbare Energien, haben wir einen extrem starken positiven Effekt – und nicht nur für das Klima, denn meist bringen Klimaschutzmaßnahmen wie Investitionen in Ressourcen- und Energieeffizienz auch Kosteneinsparungen.

Aber ist diese Ansicht in Brüssel verbreitet? Akzeptieren beispielsweise grüne MEPs, dass KMUs dem Umweltschutz dienen?

Wir versuchen hier, Überzeugungsarbeit mit allen Stakeholdern zu leisten. Gestern war der Ko-Präsident der europäischen Grünen im Europäischen Parlament, Philippe Lamberts, bei uns. Wichtig ist uns das Zusammenspiel von Wirtschaft und Umwelt, und zwar über Anreize, nicht über Verbote. Sonst vertreiben wir Wirtschaft und Industrie, und haben alle nichts davon. Es braucht eine Win-Win-Situation.

„Interessensvertretung“ nennt man meistens „Lobbyismus“, das hat im Deutschen eine negative Konnotation. Wie gehen Sie damit um?

Ich betreibe Interessensvertretung für KMUs auf europäischer Ebene, und führe Gespräche mit allen Stakeholdern. Das ist für mich „Lobbying“. Aber ich verwende bewusst lieber den Begriff „Interessensvertretung“ als „Lobbying“, weil es im Deutschen – anders als im Englischen – diese negative Konnotation gibt.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrer Präsidentschaft?

Ich habe daheim ein dynamisches Unternehmen, da kommen neue Innovationen und neue Märkte auf uns zu – langweilig wird mir sicher nicht. Nach wie vor bleibe ich Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich sowie Mitglied der europäischen Industrie-Strategiegruppe. Und mir liegt das Thema Klima- und Umweltschutz sehr am Herzen, hier werde ich mich weiter engagieren.

In einem Interview von 2016 sagten Sie, Sie brauchen zum Glück wenig Schlaf. Das heißt, mehr Schlaf wird es auch in Zukunft nicht geben?

(lacht) Ach, schon, ein bisschen mehr.

 

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