„Strategie für digitalen Binnenmarkt muss EU-weiten Datenverkehr sichern“

John Higgins [Lisbon Council/Flickr]

Die europäische Politik muss den IKT-Sektor vor Diskriminierung schützen und die Transparenz fördern, damit der digitale Binnenmarkt erfolgreich sein kann, fordert John Higgins, Generaldirektor von Digital Europe im Interview mit EURACTIV Deutschland.

John Higgins ist der Generaldirektor von DigitalEurope und ein Vorstandsmitglied der Universität von Warwick und e-skills, dem Digital Sector Skills Council des Vereinigen Königreichs. Er ist Vorsitzender verschiedener Industrieausschüsse innerhalb des britischen Industrieverbands (CBI) und der World IT Services Association, WITSA.

EURACTIV.de: Was ist Ihre Position zur digitalen Agenda der EU?

HIGGINS: Wir unterstützen die Art und Weise, wie die Europäische Kommission die digitale Agenda der EU vorantreibt, sehr. Wir begrüßen die Tatsache, dass ihrer Strategie für den digitalen Binnenmarkt durch Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Priorität eingeräumt wurde. Die Strategie enthält viele ehrgeizige Maßnahmen, von denen wir glauben, dass sie dabei helfen, das Kernziel zu erreichen, mehr Arbeitsplätzen und Wachstum in Europa zu schaffen.

Wir begrüßen auch den Verweis der Strategie auf die Modernisierung der Industrie und des öffentlichen Sektors in Europa. Dieser Prozess der digitalen Umwandlung vorhandener Organisationen wird 75 Prozent der Vorteile durch die Digitalisierung generieren. Wir, zusammen mit anderen Regierungen der Mitgliedsstaaten, hätten gerne einen stärkeren Fokus auf diesen Aspekt der Strategie.

Welche Rolle hat die Unternehmerschaft im digitalen Binnenmarkt? Wo sehen Sie die kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) in den nächsten zehn Jahren?

Das digitale Unternehmertum ist entscheidend für den zukünftigen wirtschaftlichen Erfolg Europas. Um es den Unternehmen zu ermöglichen, hier geschäftlich erfolgreich zu sein, muss Europa seine E-Leaders fördern – Leute, die verstehen, wie man ein Unternehmen aufbaut und die Probleme und Chancen der digitalen Technologien nutzt.

Europa sollte Innovation durch einfache, flexible Regeln für Unternehmen und Verbraucher fördern. Europa sollte globale Visionen einer digitalen Gesellschaft entwickeln. Wir sehen dank der heute verfügbaren digitalen Möglichkeiten mehr und mehr multinationale Kleinunternehmen. Die politischen Entscheider müssen es den kleinen und mittleren Unternehmen so einfach wie möglich machen, auf den Weltmarkt zuzugreifen. Eine wichtige Methode ist die Sicherung grenzüberschreitender Datenflüsse.

KMUs profitieren am meisten von einem gut funktionierenden digitalen Binnenmarkt und sie verlieren am meisten, wenn er nicht zustande kommt. Wie gut sie in einem Jahrzehnt aufgestellt sind, hängt sehr stark davon ab, wie erfolgreich die Strategie zum digitalen Binnenmarkt ist.

Wie sollte die EU kleinere und mittlere Unternehmen unterstützen und sie ermutigen, in Richtung digitale Innovation zu gehen?

Insbesondere Cloudcomputing ist eine Technologie, bei der die KMUs zögern. Wir helfen, dabei zu helfen, ihre Zweifel zu überwinden. Hier die vier wichtigsten Instrumente, die wir dafür entwickelt haben:

  • Das Cloud in Practice Programme (CiPP)
  • Der CloudWatchHUB, zusammen mit unseren sechs Partnern im CloudWATCH-Konsortium
  • Der Cloud Scout Fragebogen, ein einzigartiger Kurs über die Belohnung für den Übergang zur Cloud und wie man um mögliche Stolpersteine auf dem Weg herumkommt
  • CloudWATCH Webinars, eine sehr erfolgreiche Reihe von 60-minütigen Seminaren über eine Auswahl von Problemen im Zusammenhang mit Clouds.

Wir arbeiten bereits seit zwei Jahren an diesen Projekten, und aus unseren Kontakten mit KMUs wird deutlich, dass die Vorteile der Cloud in Bezug auf die Verbesserung der Effizienz und der Kostenreduzierung zu groß sind, um ignoriert zu werden.

Ihre Organisation repräsentiert Unternehmen aus der gesamten EU. Sehen Sie beim digitalen Fortschritt oder den digitale Fertigkeiten große Lücken zwischen den Ländern?

Es gibt eine ziemliche große Lücke zwischen den schnelleren Anwendern und den Nachzüglern. Wie man erwarten könnte, sind die Länder im Norden Europas unter den begeistertsten Technologieanwendern. Finnland, Dänemark, Schweden, Belgien und Holland rangieren beständig unter den Top-Fünf-Ländern, sowohl beim digitalen Fortschritt (Konnektivität, Internetnutzung, digitale öffentliche Dienstleistungen etc.) als auch bei den digitalen Fertigkeiten. Bei den digitalen Fertigkeiten, auch eSkills genannt, müssen aber alle Länder besser werden. Die Nachfrage nach Arbeitnehmern mit eSkills übersteigt das Angebot. Das Problem wird größer. Es wird geschätzt, dass bis 2020 825.000 Fachkräfte mit eSkills in der ganzen EU fehlen werden. Auf europäischer Ebene versuchen wir zu helfen, indem wir die Kampagne eSkills for Jobs 2015 der Kommission betreiben.

Wie kann die digitale Agenda dabei helfen, jene Menschen zu unterstützen, die von einem digitalen Ausschluss gefährdet sind?

Viele Informations- und Kommunikationstechnologien bieten eine große Bandbreite von Zugangs- und Inklusionsvorteilen für Nutzer mit bestimmten Fähigkeitsprofilen und Präferenzen wie taube, schwerhörige, blinde oder sehbehinderte Nutzer, andere benachteiligte Nutzer sowie ältere Bürger.

Die digitalen Technologien haben eine größere Beteiligung an Arbeits-, sozialen und Freizeitaktivitäten ermöglicht, alles von Heimarbeit, über Onlineshopping bis zu den sozialen Medien hat die Beteiligung verbessert und neue Möglichkeiten für diese Nutzer geschaffen.

Viele dieser Fortschritte stammen von branchengeführten, selbstregulierenden Initiativen und wurden nicht durch Regulierung ausgelöst. Wir glauben, dass das eine gute Basis für das Lösen des Problems „eInclusion“ ist.

Es gibt jede Menge Diskussionen über die Regeln, die den digitalen Binnenmarkt steuern sollen, und ganz besonders über die Netzneutralität. Was denken Sie, wie wird sich der derzeitige Neutralitätsvorschlag der EU auf die Innovation in ihren Industrien auswirken?

Ein offenes Internet, Innovation und Investitionen in alle Teile des Internet-Ökosystems sind eine Voraussetzung für einen wettbewerbsfähigen und dynamischen IKT-Sektor in Europa und die Quelle für eine große Auswahl gehaltvoller und innovativer Inhalte und Dienstleistungen. DigitalEurope unterstützt eine wettbewerbsfreundliche Politik, die vor Diskriminierung schützt und die Transparenz fördert, während sie Branchenvereinbarungen befürwortet, von denen die Verbraucher, Unternehmen und die öffentlichen Verwaltungen gleichermaßen profitieren.

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