„Staatliche Hilfe würde die Deutsche Bank letztlich in den Ruin treiben“

Das größte deutsche Geldhaus will sich radikal umbauen. [Bild: Jorg Hackemann / Shutterstock.com]

Die Deutsche Bank ist eine der großen Investmentbanken Europas – und in der Krise. Ihr Zusammenbruch würde wohl zu einer neuen Finanzkrise führen, meint Finanzexperte Michael Schröder im Interview mit EURACTIV.de. Öffentliche Hilfen hält er jedoch für falsch.

Michael Schröder ist Senior Researcher im Forschungsbereich „Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement“ am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sowie Senior Research Consultant am Financial Research Center der Fudan-Universität in Shanghai.

EURACTIV.de: Für die aktuellen Probleme der Deutschen Bank macht Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel frühere Fehler des Managements verantwortlich – nicht die Spekulanten, wie das Geldhaus selbst. Wie ist ihre Einschätzung?

Michael Schröder: Ich bin kein Insider zum Thema Deutsche Bank, aber hier spielen sicher viele Dinge hinein – auch die Nullzinspolitik, die ja allen Banken zu schaffen macht. Zudem hat die Verschärfung der Bankenregulierung, die Kosten für Investmentbanken erhöht und Geschäftsmöglichkeiten einschränkt.

Spekulative Aktivitäten beeinflussen natürlich den Aktienkurs. Aber der bestimmt nicht unbedingt den inneren Wert des Unternehmens, und hat damit nur kurzfristig negative Folgen, wenn es nicht zu Herdeneffekten kommt. Die Deutsche Bank könnte mit einem anderen Management besser aufgestellt sein, aber dieses allgemeine Argument müsste im Einzelfall erst belegt werden.

Wegen Hypothekengeschäften in den USA droht der Bank eine Strafzahlung von 14 Milliarden US-Dollar. Was ist zu erwarten, wenn es nicht bald zu einer glimpflichen Einigung mit dem US-Justizministerium käme?

Wenn die Deutsche Bank 14 Milliarden zahlen müsste, wäre der Verlust enorm, denn sie hat für diese Prozesse  viel zu geringe Rückstellungen bilanziert. Inwieweit der Verlust noch tragfähig wäre, ist schwer zu sagen. Aber die Bank wäre dann in einem existenzgefährdenden Stadium.

Die Bank ist vernetzt in der ganzen Finanzwelt, der IWF stuft sie als gefährlichstes Bankhaus der Welt ein. Würde ein Zusammenbruch einen neuen Crash auslösen?

Nicht nur Europa- sondern auch weltweit würde der Zusammenbruch für enorme Turbulenzen in der Finanzwelt sorgen und würde durch die weltweiten Vernetzungen wohl zu einer neuen Finanzkrise führen. Letztlich würden die Marktteilnehmer dann zu recht völlig panisch reagieren, und das hätte verheerende Auswirkungen auf die Aktienkurse. Dennoch: Wenn der Staat öffentliche Hilfe anbieten würde, würde er die Bank letztlich in den Ruin treiben. Denn damit sagte der Staat: Wenn wir nicht helfen, seid ihr eigentlich insolvent und führte damit die tatsächliche Insolvenz herbei. Darum kann man das eigentlich nicht tun.

Staatliche Unterstützung wäre also keinesfalls der richtige Weg?

Es gibt mit dem EU-Stabilitätsmechanismus einen geregelten Ablauf, der allerdings bisher nie getestet wurde. Demnach würden, wenn eine Bank in Schieflage gerät, die Eigentümer (= Aktionäre) und die Gläubiger der Bankanleihen in Regress genommen, weil der Aktienwert stark sinken würde und Bankanleihen ausfallen würden. Auch die Sparer würden im Falle einer Insolvenz einen Teil ihrer Einlagen verlieren. Wenn danach immer noch die Notwendigkeit zur Hilfe bestünde – und das wäre mit Sicherheit so -, würde der Staat eingreifen und die Bank, wie bei der Commerzbank, zeitweise übernehmen. Er würde Eigenkapital zuschießen und wäre damit vermutlich der wichtigste (Mit-)Eigentümer der Bank.

Im schlimmsten Fall würde sogar der Staat in Schwierigkeiten kommen, wenn er das Eigenkapital nicht mehr aufbringen kann und sich hoch verschulden müsste. Das sehe ich beim deutschen Staat zwar nicht, aber die Folgen einer Krise der Deutschen Bank wären sicher dramatisch und eine neue Finanzkrise weltweit erwartbar.

Es gäbe also doch eine Chance, dass öffentliche Hilfe fruchtet…

Man könnte die Bank versuchen zu sanieren, Teile retten und umwandeln und irgendwann wieder an den Kapitalmarkt führen, wie es auch bei etlichen Banken in den USA nach der Finanzkrise gemacht wurde.  Die Finanzkrise wurde irgendwie schon gemeistert, besonders erfolgreich in den  USA durch intelligente Rekapitalisierung und Reprivatisierung.

Manche Befürworter staatlicher Hilfen sagen: Würde die Bundesrepublik Anteile an dem Haus erwerben, könnte sie Einfluss auf das Gebahren des Bankhauses nehmen. 

Staatliche Unterstützung und Rekapitalisierung geht nicht einfach so, sondern nur, wenn die Bank kurz vor dem Konkurs steht.

Kritiker sagen, wenn das spekulative Geschäft in der Bank verbleibe, sei es umso schwerer, die normalen Anleger zu schützen. Was ist ihre Einschätzung?

Also ein Trennbankensystem gibt es ja in Deutschland. Die Deutsche Bank muss umstellen, und auf dem Weg ist sie auch. Die Frage ist: Ist ihr Geschäftsmodell weiterhin tragfähig. Der Großteil ihrer Bankgeschäfte läuft im Investmentbereich. Die Bank führt vor allem Kapitalmarktgeschäfte und andere Investmentgeschäfte durch, und dieses Modell ist in eine Sackgasse gekommen – auch  durch  die Regulierung, weil diese bestimmte riskante Geschäfte eindämmen oder teurer machen soll.

Die Bank hat zu spät auf die stärkere Regulierung reagiert?

Sie kam eigentlich recht gut aus der Krise 2007/2008 heraus. Als Investmentbank war sie in Deutschland die einzige Bank und in Europa eine der großen. Das Modell Geschäftsbank aber ist viel umkämpfter, die Deutsche Bank begäbe sich damit in ein bislang für sie nicht besonders erfolgreiches Geschäftsfeld und steht in Deutschland in Konkurrenz mit den recht erfolgreichen Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Kann die Deutsche Bank sich trotzdem noch allein retten?

Der Aktienkurs ist zwar gesunken, hat sich aber etwas stabilisiert – somit ist die Deutsche Bank seit ein paar Tagen immerhin in einem ruhigeren Fahrwasser. Drücken wir alle der Bank im eigenen Interesse die Daumen, denn eine Rettung der Deutschen Bank würde für uns alle sehr teuer werden.

US-Strafe: Deutsche Bank im freien Fall

Die Deutsche Bank will ihre Probleme alleine lösen - aber die Anleger glauben ihr nicht.

IWF: Deutsche Bank ist größte Bedrohung für globales Finanzsystem

Die Deutsche Bank ist die wohl riskanteste Bank der Welt, warnt der Internationale Währungsfonds (IWF). EURACTIV-Kooperationspartner Milano Finanza berichtet.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.