PwC-Chef: Wirtschaftliche Spannungen werden anhalten

Bob Moritz ist "Global Chairmann" von PwC. [PwC]

Die Weltwirtschaft verlangsamt sich schneller als erwartet, warnte der Internationale Währungsfonds am Montag, nur wenige Stunden vor der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums in Davos. Chinas schwindendes Wachstum, der Brexit und das Risiko einer Eskalation des von den USA geführten Handelskrieges belasten die globale Wertschöpfung.

Vor diesem Hintergrund wächst auch der Pessimismus bei Firmenchefs, wie die jüngste globale Umfrage des Beratungsunternehmens PwC zeigte. Im Interview mit EURACTIV.com empfiehlt Bob Moritz Unternehmen und Regierungen, schnell und entschlossen zu handeln, um „Risiken in Chancen“ zu verwandeln.

Bob Moritz ist „Global Chairmann“ von PwC. Er sprach am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos mit Jorge Valero von EURACTIV.

Deutet der aktuelle globale Abschwung bereits eine neue Wirtschaftskrise an?

Basierend auf den Statistiken, die wir mit unserer Umfrage erhalten haben, gibt es definitiv ein abnehmendes Vertrauen in die Wirtschaft. Außerdem scheint es weniger Vertrauen zu geben, dass die Ziele, die sich die CEOs gesetzt haben, erreicht werden. Aber wir sehen dies nicht automatisch als einen Schritt in Richtung Rezession.

Wenn man sich die vergangenen 21 Jahre ansieht, besteht tatsächlich eine gute Korrelation zwischen dem Vertrauen der CEOs und dem BIP-Wachstum. Ich würde deswegen deutlich sagen: Was wir heute sehen, ist eine sich verlangsamende Wirtschaft, aber keine Situation, die katastrophal in die falsche Richtung oder per se in die Krise führt. Die Frage ist eher, wie Länder und Unternehmen nun im Umfeld einer solchen „Verlangsamung“ – im Gegensatz zu einer absoluten Rezession – agieren wollen.

Einer der Gründe für den Rückgang ist der Handelskrieg zwischen den USA und China. Glauben Sie, dass sich die Handelsspannungen noch verschärfen werden? US-Präsident Donald Trumps „Endziel“ scheint ja darin zu bestehen, China einzudämmen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich vorhersagen kann, wohin diese Handelskriege führen werden. Ich kann auch wenig über die Motive von Präsident Trump vorhersagen. Aber es ist klar, dass es einige bedeutende Herausforderungen gibt, die nicht nur den Handel, sondern auch das geistige Eigentum und andere damit verbundene Aspekte betreffen. Ich glaube, dass die Spannungen anhalten werden. An dem einen Tag gibt es neue Hoffnung, am nächsten Unsicherheit.

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Die Botschaft hier ist also, dass es in der nächsten Zeit viele Höhen und Tiefen geben wird. Daher stellt sich die Frage, wie wir sicherstellen können, dass CEOs und Staatschefs sich nicht mit solchen kurzfristigen „Höhen und Tiefen“ auseinandersetzen, sondern eher mit den langfristigen Trends.

China ist ein Land, das wirtschaftlich noch viel in petto hat. Auch wenn wir jetzt hören, dass sich sein Wachstum gegenüber dem Vorjahr verlangsamt hat: Mit 1,4 Milliarden Menschen und einem Wachstum von über sechs Prozent – und selbst wenn dies auf fünf oder vier Prozent zurückgeht – gibt es immer noch viele Möglichkeiten für chinesische Unternehmen und die chinesische Regierung, sich zu entwickeln. Dies gilt gleichzeitig auch für nicht-chinesische Unternehmen, die dort Geschäfte machen wollen.

Wie sollten Unternehmen sich nun verhalten?

In unserer Befragung sagten einige CEOs, dass sie ihre Strategien für die Lieferketten, den prognostizierten Konsum oder die Investitionen in den vom Handelskrieg betroffenen Ländern ändern wollen. Ich komme also noch einmal auf dieses Thema: Sollte man die Strategie anpassen und schnell handeln, um auf direkte Probleme und Herausforderungen zu reagieren? In einigen Fällen ist das eine echte Herausforderung, könnte aber auch Chancen bergen. In dieser Hinsicht denke ich, dass einige der Länder auf der Welt größere Vorteile bieten können, als aktuell angenommen wird. Wir müssen also herausfinden, wie wir dieses Negativ [den Handelskrieg] in ein tatsächliches Positiv verwandeln können.

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Dabei ist überraschend, dass westeuropäische Unternehmenschefs laut Ihrer Umfrage den Handelskrieg oder den Protektionismus nicht einmal zu den drei größten Risiken zählen [diese sind Überregulierung, Populismus und politische Unsicherheiten]. Wie interpretieren Sie das?

Was wir im vergangenen Jahr vor allem beobachten konnten, war, dass es heute viel mehr Bedrohungen gibt. Wenn Sie sich also die europäischen Länder ansehen, konzentrieren [die Firmen] sich wahrscheinlich mehr auf Themen wie zum Beispiel Steuern. Oder Brexit: Wohin geht der Weg des Vereinigten Königreichs – aus der EU-Perspektive und aus der britischen Perspektive? Sie konzentrieren sich auf knappe Ressourcen, zum Beispiel den Mangel an hochqualifizierten Nachwuchskräften. Sie interessiert natürlich auch, dass es in einigen Ländern Überregulierung gibt.

Das bedeutet nicht, dass der Handelskrieg egal ist. Es ist nur so, dass einige der anderen Risiken letztendlich höher auf der Agenda standen als der Handelskrieg.

Es geht im Großen und Ganzen darum, dass es derzeit zahlreiche Prioritäten gibt. Die Frage muss sein, wie wir mit der Fülle von Gesamtrisiken und Unsicherheiten umgehen. Und dies müssen die Firmen bei der Festlegung ihrer Strategien berücksichtigen.

Was ist Ihrer Meinung nach dann das Hauptthema in den kommenden zwölf Monaten?

Meiner Ansicht nach ist die wichtigste Frage, wie man schnell handelt, um sich ergebende Chancen zu nutzen. In jeder Herausforderung stecken große Chancen für die Menschen. Es geht um das tatsächliche, praktische Reagieren und um schnelles Handeln.

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