„Uber und Airbnb dürfen nicht nur Goldesel für Aktionäre in Kalifornien sein“

Michel Bauwens, Gründer der P2P Foundation. [P2P Foundation]

Die Sharing Economy entzieht der lokalen Wirtschaft ihren Wert, indem sie Sozialbestimmungen umschifft, warnt Michel Bauwens. Ein einfaches Verbot wäre auf lange Sicht jedoch unklug, sagt er im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Michel Bauwens beschäftigt sich als Schriftsteller und Forscher mit den Themen Technologie, Kultur und Geschäftsinnovationen. 2005 gründete er die P2P Foundation, eine globale gemeinnützige Organisation, die sich mit Peer-to-Peer-Technologien, Governance und Eigentum befasst.

EURACTIV: Im Mittelpunkt der Debatte zur Sharing Economy stehen häufig die Themen Besteuerung und soziale Sicherung. Taxifahrer in Brüssel beschweren sich zum Beispiel über unfairen Wettbewerb seitens der Uber-Fahrer und sagen, diese würden keine Beiträge zur Sozialversicherung zahlen. Wie sehen Sie die Situation? Sollten Uber-Fahrer wie Taxifahrer reguliert werden?

Michel Bauwens: Ganz allgemein, ja. Neue Modelle wie Uber und Airbnb konkurrieren unter ganz anderen Bedingungen auf dem Markt und versuchen, das Arbeitsrecht zu umgehen. Es spricht also vieles dafür, zunächst einmal gleiche Spielregeln für alle zu schaffen.

Das allein reicht jedoch nicht aus. Aus Sicht der selbstständigen Erwerbstätigen bieten diese Unternehmen kein sicheres Einkommen. Die Lage ist prekär. Dabei bräuchten gerade sie einen besonderen Schutz, weil sie kein fixes Gehalt haben. Hier muss man einen Ausgleich finden.

Manche Uber-Fahrer haben durchaus ein festes Einkommen. Tagsüber arbeiten sie vielleicht als offizielle Taxifahrer und abends dann für Uber, um etwas dazuzuverdienen.

Ich bin mir sicher, dass das teilweise der Fall ist. Insgesamt jedoch erreichen Uber-Fahrer im Durchschnitt einen Stundenlohn von etwa 13 Euro. Oft geht man davon aus, dass sie in Vollzeit arbeiten, doch das tun viele gar nicht. Man muss sich die Interessen aller Arbeiter ansehen, nicht nur die der bezahlten Arbeitnehmer, sondern auch die der Selbstständigen.

Einzelne Länder und Städte verfolgen ganz unterschiedliche Ansätze bei der Regulierung von Uber oder Airbnb. Manche von ihnen wollen die Unternehmen komplett verbieten. Was wäre in Ihren Augen am sinnvollsten?

Uber oder Airbnb in der Stadt zu haben, ist wie bei einer großen Supermarktkette: Sie verdrängt die kleinen lokalen Alternativen und entzieht der Wirtschaft vor Ort einen gewissen Wert. Die Bedenken sind meiner Ansicht nach also berechtigt.

Ich halte es jedoch für keine gute Idee, etwas Neues zu verbieten, nur weil man eine alte Geschäftsform wahren möchte. Das hieße nämlich auch, mögliche Innovationen zu blockieren.

Seoul verfolgt einen, wie ich finde, guten Ansatz. Dort hat man Uber nur vorübergehend verboten, um der Wirtschaft vor Ort Zeit zu geben, lokale Applikationen zu entwickeln. In Seoul haben die Politiker also nicht nur das alte System verteidigt, sondern der neuen Wirtschaft die Möglichkeit geboten, erst lokal zu wachsen, bevor jegliche Wertigkeit zu Investoren ins Ausland fließt. Das halte ich für einen legitimen Weg, mit der Situation umzugehen.

Vorstellbar wäre auch der taiwanesische Ansatz. Hier haben sich die unterschiedlichen Interessengruppen, also die Taxifahrer, Nutzerverbände und die Regierung an einen Tisch gesetzt. Als Uber dann schließlich auf den Markt kam, gab es kein großes Durcheinander. Alles lief in geregelten Bahnen ab und war für die verschiedenen Interessengruppen im Land akzeptabel.

Ein anderes Beispiel ist Helsinki. Hier soll es innerhalb der nächsten zehn Jahre bald gar keine Autos mehr geben. Taxifahrer, Uber-Fahrer und Busbetreiber sind alle in einen systematischen Ansatz eingebunden.

Es gibt also mehrere gute Lösungsansätze in dieser Angelegenheit und das ist auch legitim.

Die Apps sind gerade deshalb so erfolgreich, weil sie gute Dienste zu so günstigen Preisen anbieten. Wenn sie nun aber unter die normale Sozial- und Steuergesetzgebung fallen, könnte das doch die Sharing Economy zerstören.

Jede Branche muss ihre tatsächlichen sozialen und ökologischen Kosten anerkennen. Die große Gefahr bei einer unregulierten Uber-Wirtschaft ist, dass diese Kosten nicht gedeckt werden.

Die Sharing Economy behauptet zum Beispiel, sie wäre umweltfreundlich, weil sie bestehende, noch nicht voll ausgeschöpfte Ressourcen effizienter nutzt. Das funktioniert jedoch in der Praxis meistens gar nicht. In Madison, Wisconsin, ging den Taxifahrern ein Drittel ihres Einkommens verloren, weshalb sich eine prekäre Uber-Klasse gebildet hat, die für nur 13 Euro die Stunde arbeitet. All diese Fahrer konkurrieren miteinander und fahren die ganze Nacht über durch die Gegend – Hunderte von leeren Autos, die darauf hoffen, diesen einen Fahrgast zu transportieren. Das verschärft das Problem der Luftverschmutzung.

Ich widerspreche also ihrem Argument. Es wird viel eingespart, indem man Kosten an andere Akteure weiterverlagert. Uber und Airbnb investieren zum Beispiel nicht in die Infrastruktur. Daher ist es kein Wunder, wenn sie wettbewerbsfähiger sind. Sie müssen keine Hotels bauen oder Taxilizenzen bezahlen.

Man darf also nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern muss den Blick tiefer auf die ausgelagerten Kosten lenken. Gerade mit Blick auf den Klimawandel, sollten wir uns das sicherlich zu Herzen nehmen.

Sie klingen insgesamt eher kritisch. Bringt die Sharing Economy ihrer Ansicht nach denn auch Vorteile mit sich?

Ich sehe sehr viele Vorteile in der Sharing Economy, solange sie nicht nur als Goldesel für Aktionäre in Kalifornien dient. Sie sollte eher reguliert werden wie der Rest der Wirtschaft auch, wo man Verantwortung für soziale und ökologische Kosten übernehmen muss, dann aber auch die Vorzüge genießen kann.

Das ist alles, was ich damit sagen will. Ich bin nicht gegen das Modell der Sharing Economy an sich, sondern gegen ihre ultra-neoliberale Auslegung. Die meisten sagen, es wird schon alles irgendwie gut gehen, aber oftmals ist das dann eben doch nicht der Fall.

Viele Menschen arbeiten Teilzeit in der Sharing Economy und tauschen im Laufe des Tages gern mal die Hüte. Je nach Tätigkeit ist man mal angestellt und mal Arbeitgeber. Das heißt, man braucht eine Sozialversicherung, die all diese unterschiedlichen Beschäftigungen abdeckt. Wie können Gesetzgeber mit dieser Komplexität umgehen, ohne sich dabei in Bürokratie zu verstricken?

Das ist eine schwierige Frage. Langfristig brauchen wir, denke ich, ein universelles Statut. Die Klassenteilung in eine gut abgesicherte Arbeiterschicht mit fixem Gehalt und eine unabhängige Arbeiterschicht mit prekären Einkommensverhältnissen ist auf Dauer nicht tragbar. Jeder Erwerbstätige sollte das Recht auf eine Rente haben, auf eine Krankenversicherung und so weiter. Dieses gegenseitige Unterbieten ist nicht gesund. Anstatt also bestehende Schutzmechanismen auszuhebeln, sollten wir eher die unsicheren Modelle aufrüsten.

Smart in Belgien halte ich für eine gute Lösung. Das ist eine schnell wachsende soziale Organisation mit etwa 75.000 Mitgliedern, die einen gemeinsamen Fonds für ihre freiberuflichen Kollegen angelegt haben. Die Mitglieder bekommen also all ihre Rechnungen innerhalb einer Woche durch diesen Fonds gezahlt. Außerdem hat man dort ein virtuelles Gehalt eingeführt. Wenn man ein gewisses Minimaleinkommen erreicht, gilt man automatisch als Gehaltsträger, jedoch ohne die untergeordnete Bindung. Man ist dann ein unabhängiger Arbeitnehmer, der selbst über sein Leben bestimmen kann. Gleichzeitig genießt man aber auch die Sicherung durch den Sozialstaat. Das ist der Weg nach vorne: Gleichgesinnte in der Arbeitswelt schaffen, die zusammen auf neue soziale Umstände reagieren können.

In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, die Peer-to-Peer-Economy werde die Welt retten. Sie werde ein neues wirtschaftliches Zeitalter einläuten, das Sie als „Postkapitalismus“ bezeichnen. Können Sie kurz beschreiben, worum es dabei geht?

Zurzeit entstehen zwei Arten der Peer-to-Peer-Wirtschaft. Die erste ist die Sharing Economy. Sie ist eine Art verbreiteter Marktplatz, auf dem Menschen direkt tauschen, mieten und vermieten können, indem sie zum Beispiel Plattformen wie Uber oder Airbnb nutzen. Diese Plattformen sind privater Natur, gehören also nicht der Allgemeinheit.

Die Alternative, die ich und auch einige andere vorschlagen, sind „Plattformkooperativen“, wie sie auf der Webseite „Internet of Ownership“ von Nathan Schneider ausgewiesen werden. Dort gibt es bereits mindestens 250 solcher Zusammenschlüsse – zum Beispiel Uber-Fahrer-Genossenschaften. Fahrer und andere Akteure der Sharing-Gemeinschaft bekommen also ihre eigene Plattform geboten und können dort ihre Gewinne in die eigenen Netzwerke und Kapazitäten reinvestieren.

Eine andere Netzwerkwirtschaft ist die „Commons Economy“ [Wirtschaft des Allgemeinguts]. Diese liegt vor, wenn sogenannte Wissensarbeiter ihre produktiven Erkenntnisse teilen und zum Beispiel kostenlose Software oder Open-Design anbieten. Das Wissen, die Software zu erstellen, auf sie zuzugreifen oder sie zu gestalten, wird zum freien Gesellschaftsgut. Die Software entsteht durch freie Beiträge und nicht durch die vorgeschriebene Arbeit eines Unternehmens. So werden Allgemeingüter geschaffen – keine käuflichen Waren. Schließlich lässt sich nichts verkaufen, das zuhauf kostengünstig reproduziert werden kann. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt in diesem Modell. Es ist das Herzstück dieser Wirtschaftsform – die Wertschöpfung, die bereits außerhalb der Logik von Arbeits- und Produktionsgütern liegt. Dieses Konzept ist tief in seinem Kern schon postkapitalistisch. Um den Kern herum gibt es all diese unternehmerischen Zusammenschlüsse, wie zum Beispiel die Linux-Wirtschaft. Sie alle sind auf einem Marktplatz tätig, ohne die Offenheit und die gemeinsame Ressource zu zerstören.

Diese Wirtschaftsform ist dem „Fair use economy“-Bericht zufolge bereits für ein Sechstel des US-amerikanischen BIPs verantwortlich. Und das halte ich für sehr interessant. Denn in dieser Commons Economy muss der Markt die Gemeinschaft und auch die gemeinsame Ressource berücksichtigen, ohne dass es dabei die Möglichkeit gäbe, soziale oder ökologische Kosten auszulagern. Das ist meiner Meinung nach schon ein großer gesellschaftlicher Fortschritt, denn der Markt muss sich tatsächlich an diese neue Logik halten.

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