MasterCard-Direktorin: „Brexit würde für uns kaum etwas verändern“

Ann Cairns.

Blockchains haben wahrscheinlich stärkere Auswirkungen auf das MasterCard-Geschäft als ein möglicher Brexit, betont Ann Cairns, MarsterCard-Direktorin für internationale Märkte, im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Als Direktorin für internationale Märkte ist Ann Cairns verantwortlich für das Management aller Märkte und kundenbezogene Aktivitäten außerhalb Nordamerikas. Ihr Büro hat sie in London.

Die Ungleichheiten sind im Krisenverlauf größer geworden. Die Menschen fürchten, die Situation könnte sich mit der Digitalisierung der Wirtschaft noch weiter verschlechtern. Glauben Sie, dass dies der Fall sein wird, wenn man jetzt untätig bleibt?

Wenn wir nichts unternehmen, während wir uns auf das Internet der Dinge zubewegen, schaffen wir eine Welt, in der manche Menschen vernetzt sind und andere nicht. Die Kluft zwischen ihnen wird noch ausgeprägter sein. Dadurch, dass nicht alle Menschen finanziell eingebundenen sind oder nichts im Internet kaufen können, profitieren diese womöglich gar nicht von Online-Rabatten und Sonderangeboten. Arme Menschen zahlen also meist mehr für alltägliche Dinge. Dieses Problem muss europaweit angegangen werden. In Westeuropa sind heutzutage 90 Millionen Bürger finanziell ausgegrenzt.

Blockchains haben sich als ein vielversprechendes Instrument erwiesen, in das viele Unternehmen bereits investieren – auch MasterCard. Ist das eher ein Verteidigungsmanöver oder bietet es tatsächlich neue Geschäftsmöglichkeiten?

Blockchains sind eine ganz spannende neue Technologie. Wir entwickeln derzeit in unseren Forschungszentren neue Anwendungsfälle, um zu herauszufinden, wie wir sie mit unserem Kernsystem verbinden können. Blockchains werden nicht alle Probleme in der Welt lösen. Aber wie jede neue Technologie bringen sie etwas Neues und Besseres. Sie bieten eine dezentrale Verwaltung, wodurch es weltweit nur ein Aufzeichnungssystem gibt. Somit tragen sie zur Integrität der Datenaufzeichnungen und der unabhängigen Abstimmung bei. Also fallen all die bisher notwendigen Verfahren zur Überprüfung des Hautgeschäftsbuches weg. Das spart uns viel Zeit und Geld. In unseren Augen ist das ein positiver Schritt die Zukunft.

Worin sehen Sie die größten Geschäftschancen oder Anwendungsbereiche?

Es ist noch sehr früh, darüber Auskunft zu geben. Meiner Meinung nach aber können Blockchains angewendet werden, wenn viele unterschiedliche Parteien involviert sind – zum Beispiel bei der Handelsfinanzierung. Wenn man ein europäischer Händler ist und Seide aus China kauft, muss diese versendet werden. Dann haben Sie Akkreditive. Viele Zwischenstationen sind bis zur Ankunft der Seide in die Transaktion involviert. Blockchains könnten genau in diesem Bereich genutzt werden. Denn überall dort, wo Logistikfirmen, Finanzunternehmen, Zulieferer und Käufer in eine Transaktion verwickelt sind, ist es sehr nützlich, eine Version der Wahrheit zu haben.

Haben Sie über das laufende Verfahren, das die Kommission letztes Jahr gegen MasterCard eingeleitet hat, diskutiert?

Ich habe mich heute hier beim European Business Summit noch nicht mit dem EU-Kommissar [Günther Oettinger] unterhalten. Er ist gleich nach seiner Rede gegangen.

Wie ist der derzeitige Stand?

Kein Kommentar.

[Ein MasterCard-Vertreter gab an, man könne diesen Fall nicht diskutieren, da es sich um einen Wettbewerbsfall handle.]

Haben Sie einen Plan-B, sollten sich die Briten entscheiden, die EU zu verlassen? Welche direkten Auswirkungen hätte das auf Sie?

Seitdem  MasterCard in fast 200 Ländern geschäftlich aktiv ist, funktioniert die Technologie unabhängig von der geopolitischen Struktur überall gleich. Wir tun das schon bei grenzüberschreitenden Finanztransaktionen. Was auch immer in Großbritannien geschieht, wofür sich auch immer die britischen Wähler entscheiden, es wird keine großen Veränderungen für uns bringen.

Also würde ein Brexit Ihr Geschäft nicht beeinträchtigen?

Ich bin sicher, dass Brexit geschäftliche Auswirkungen haben wird. Wie ich jedoch gerade erklärt habe, ist unser System darauf ausgelegt, mit den Ländern Geschäfte zu betreiben, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Was die Finanzströme oder die grundlegende Funktionsweise der Technologie angeht, ändert sich jedoch kaum etwas.

Abgesehen vom politischen Kontext bessert sich die Situation aus wirtschaftlicher Sicht nicht wirklich. Es fehlt eine europäische Strategie zu Wiederbelebung der Wirtschaft.

Europa hat eine Staatsschuldenkrise hinter sich. Dennoch zeigen die Europäer noch immer ein annehmbares Maß an Verbrauchervertrauen. Unsere Geschäfte beziehen sich auf das, was die Menschen tatsächlich kaufen. Es lässt sich beobachten, dass die Menschen weniger Waren kaufen, dafür aber mehr in persönliche Erfahrungen investieren. Sie gehen zum Beispiel lieber mit der Familie in ein Restaurant, anstatt einen Haushaltsgegenstand zu kaufen. Das geschieht auf der ganzen Welt. Die Menschen leben ihr Leben noch immer so, wie sie es möchten. Sie entscheiden, wofür sie ihr Geld und ihre Zeit opfern. Ich denke, die Europäer hatten schon immer eine recht gute Work-Life-Balance. Das sieht man auch an ihrem Konsumverhalten.

Ist man in Europa also viel zu pessimistisch?

Wenn ich mir so ansehe, wie die Menschen ihr Geld ausgeben und ihr Leben leben, denke ich nicht, dass sie zu pessimistisch sind.

Wie geben denn Europäer Geld aus?

In Europa laufen noch immer 70 Prozent aller Geschäfte über Bargeld. Bargeld kostet zwischen 0,5 und 1,5 Prozent des BIPs eines jeden Landes. Ich spreche hier nicht von Betrug, sondern einfach nur von der Verwaltung des Bargeldes. Man muss es zählen, hin und her bewegen. Wenn Regierungen all ihre öffentlichen Ausgaben bargeldlos regeln würden, würden sie damit nicht nur dem europäischen BIP helfen, sondern auch als Vorbild im digitalen Raum voranschreiten. Das schafft wirkliches Wirtschaftswachstum.

Und es würde dabei helfen, Korruption zu bekämpfen.

In der Tat. Es wird der Korruption und Schattenwirtschaft entgegenwirken. Auch die Sicherheit und Transparenz der Zahlungsströme werden so gestärkt.

Beim Weltwirtschaftsforum letztes Jahr sagte John Cryan, Vize-Vorstand von Deutsche Bank AG, dass sich das Bargeld innerhalb der nächsten zehn Jahre selbst abschaffen könnte. Sehen Sie das genauso?

Das denke ich nicht. Bargeld und digitale Zahlungsoptionen werden noch viele Jahre nebeneinander existieren. In Großbritannien hat es letztes Jahr den Wendepunkt gegeben, als Wirtschaftstransaktionen zu 50 Prozent elektronisch abgewickelt wurden. In Europa steht das Vereinigte Königreich bei Online-Zahlungen ganz oben. Ich glaube also nicht, dass es in zehn Jahren kein Bargeld mehr geben wird. Es wird aber bedeutend weniger werden. Die Regierungen können dabei eine wichtige Rolle spielen.

Auch das Risiko der Cyberkriminalität würde sinken.

Cyberkriminalität ist ein Thema, dem wir viel Zeit und Energie widmen. Wir schaffen in unserem System immer mehr Sicherheitsschichten, um Angriffe abzublocken. Die Verbraucher sind ziemlich gut geschützt, wenn sie ihre Karte nutzen. In der Regel steht man unter dem Schutz seiner Bank. Wenn Sie ihr Portemonnaie verlieren würden und es ist Bargeld darin, werden Sie es womöglich nicht wiederbekommen. Sie kriegen aber wahrscheinlich alles zurück, was über Ihre Karte gezahlt wird. Es gibt noch eine weitere Verteidigungslinie: Unsere Systeme erkennen verdächtige Zahlungsmuster.

Auch in Zukunft wird es Cyberkriminalität geben. Sie ist schon jetzt überall. Wir müssen den Verbrechern nur immer einen Schritt voraus sein. Das ist der Kernteil unserer Innovationsarbeit.

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