Kann Freihandel die Folgen des Klimawandels abfedern?

Die Landwirtschaft wird im Klimawandel leiden. Doch Freihandel könnte ökonomische Verluste ausgleichen. [Foto: Patryk Kosmider / Shutterstock]

This article is part of our special report Zukünftige Anforderungen an die deutsche Landwirtschaft.

Schlechtere Ernten, Hunger, teurere Lebensmittel: Weltweit bedroht der Klimawandel die landwirtschaftliche Produktion. Doch freier Handel könnte die Verluste begrenzen, meint der Forscher Hermann Lotze-Campen im Interview mit EURACTIV.de.

Hermann Lotze-Campen ist Leiter des Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Mitautor einer neuen PIK-Studie zum Einfluss des Klimawandels auf  die ökonomischen Verluste in der Landwirtschaft. 

Ein Drittel der Weltbevölkerung konnte bislang mit der landwirtschaftlichen Produktion ihren Lebensunterhalt sichern. In Zukunft dürfte das jedoch schwieriger werden. Eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zeigt: Schon ein kleiner Anstieg der globalen Mitteltemperatur kann Konsequenzen für regionale Ernten haben. Lässt sich das beziffern?

Wir haben zwei globale Computersimulations-Modelle miteinander verknüpft. Eines bestimmt die Veränderung der Ernteerträge durch Klimaveränderungen – also Temperaturveränderungen, Rückgang und Zunahme der Niederschläge etc. Das andere ist ein agrarökonomisches Modell, das die Veränderung der Ernteerträge aufnimmt. Damit haben wir dann zu berechnen versucht, wie sich die Agrarpreise verändern werden – und wie hoch der ökonomische Schaden für Produzenten und Konsumenten sein könnte.

Sicher ist: Allein durch die Veränderung der Ernteerträge infolge von Klimaveränderungen entstehen gegen Ende des Jahrhundert ökonomische Schäden, die bei etwa 0.8 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung liegen dürften. Dies entspricht ca. 2.5 Billionen US-Dollar. Wenn also – Szenario eins – der Handel nicht weiter liberalisiert wird, also auf dem Niveau von heute bleibt, ist mit großen Einbußen zu rechnen.

Wenn wir – Szenario zwei – als Anpassungsmaßnahme den Agrarhandel weiter liberalisieren und ein Teil der Produktion leichter in andere Regionen verschoben werden könnte, könnte der Gesamtschaden um mehr als die Hälfte auf etwa 0.3 Prozent der Wirtschaftsleistung reduziert werden. Die Produktion könnte dann nämlich eher dort stattfinden, wo die klimatischen Veränderungen weniger stark sind oder wo sich neue Optionen ergeben.

Was ist genau gemeint, wenn Sie von Freihandel sprechen?

Nun, komplett freien Handel gibt es natürlich nicht. Es geht darum, die existierenden Handelsbarrieren im Agrarsektor wie Zölle und andere Maßnahmen sukzessive abzubauen, um den Agrarhandel zu erleichtern. Es wird ja bereits seit langem diskutiert, gerade auch in der Welthandelsorganisation, welche Möglichkeiten es gibt, existierende Handelsbarrieren in Zukunft schneller abzubauen.

Welche positiven Effekte gäbe es denn nach Ihrer Untersuchung konkret?

Wir können davon ausgehen, dass die gemäßigten Breiten vergleichsweise weniger vom Klimawandel betroffen sein werden, teilweise kommen dadurch sogar positive Effekte zustande, z.B. durch höhere Temperaturen in Skandinavien oder Kanada. Ärmere Länder aber, etwa in den Tropen und Subtropen, wären härter getroffen. Würde sich der Handel mehr öffnen und diversifizieren, könnten diese Länder leichter in den Jahren importieren, wenn dort die Ernten schlecht ausfallen. In einem offeneren Handelssystem würde tendenziell das Preisniveau für Nahrungsmittel sinken. Davon würde vor allem die ärmere Bevölkerung in den von schlechten Ernten betroffenen Ländern profitieren.

Das ist allerdings eine Vereinfachung. Man muss natürlich berücksichtigen, dass auf der anderen Seite auch etwas exportiert werden müsste. Das allerdings berücksichtigen wir in unserem spezifischen Agrar-Sektor-Modell bis jetzt noch nicht.

Führt freier Handel nicht dazu, dass durch die EU-Exporte die bestehende Agrarproduktion in Entwicklungsländern verdrängt wird oder zukünftige Produktionsmöglichkeiten gar nicht erst entstehen?

Agrarhandel und dessen politische Aspekte sind fraglos ein komplexes Problem. Zu einem offenen Agrarhandel gehört auch, dass die reichen Länder wie Deutschland aufhören, ihre Produkte etwa durch Einfuhrbeschränkungen zu schützen oder subventioniert auf dem Weltmarkt verkaufen. Momentan schotten sich die reicheren Länder meist noch ab und schützen zum Beispiel die einheimische Produktion von Zucker, Rindfleisch und Baumwolle. Diese Produkte können auch in vielen tropischen Ländern unter fairen Rahmenbedingungen wettbewerbsfähig produziert werden.

Unser Modell geht jedoch von einer Öffnung der Märkte in beide Richtungen aus. Freihandel kann keine Einbahnstraße sein. Zudem müsste die Öffnung der Märkte unbedingt auch mit einer besseren Ausbildung, sozialen Sicherungssystemen sowie der Verbesserung von lokalen Technologien und Technologie-Transfer-Maßnahmen in ärmere Länder einhergehen.

Im Jahr 2050 wird es neun Milliarden Menschen auf der Welt geben, lautet oft das Argument der Politik für die industrielle Landwirtschaft. Dabei konstatierten bereits 2008 im Weltagrarbericht 400 Wissenschaftler im Auftrag von Weltbank und UN: Für neun Milliarden Menschen wird längst genug produziert, die Hungernden sind aber zu arm, um sie zu kaufen. Warum wäre freier Handel trotzdem wichtig?

Wir versuchen mit dem Mythos aufzuräumen, dass jedes Land die gesamten Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf im Inland produzieren kann oder sollte. Es kann in jedem Land, auch in Deutschland, zu Ernteausfällen kommen, darum sagen wir: Es kann nicht das Ziel sein – gerade bei zunehmend unsicheren Produktionsbedingungen durch den Klimawandel – dass sich jedes Land allein versorgen will. Man muss flexibel reagieren können.

Nordamerika, Europa und Teile von Asien werden vergleichsweise glimpflich davonkommen, wohingegen vom Klimawandel jene Länder stärker betroffen sein werden, die bislang viel weniger zu den Klimaveränderungen beigetragen haben, etwa Südasien, Nordafrika und zum Teil auch Lateinamerika. Es wäre also eine Frage der Gerechtigkeit, hier Möglichkeiten zum Ausgleich zu schaffen.

Welche Rolle muss Ressourcenschutz bei all dem spielen?

Natürlich werden Agrarflächen weiter ausgedehnt werden, wenn nicht gegengesteuert wird. Wenn es flexiblere Handelssysteme gibt, kann Produktion dahin verlagert werden, wo die Bedingungen besser sind. Das kann dazu führen, dass Ressourcen effizienter genutzt werden, aber auch dazu, dass bislang wenig genutzte Flächen intensiver bewirtschaftet oder auch ausgedehnt werden. Beim Landnutzungs-Management – vor allem zur Vermeidung der tropischen Entwaldung – müssen also in jedem Fall flankierende politische Maßnahmen ergriffen werden, unabhängig vom Handel.

Der Handel ist nicht allein entscheidend. Und natürlich müssen auch andere Maßnahmen ergriffen werden, um potentielle negative Effekte des internationalen Handels zu vermeiden. Politisch muss das durch gute Rahmenbedingungen etwa beim Wasser-, Natur- und Bodenschutz begleitet werden.

Stichwort Bodenqualität: Passiert diesbezüglich politisch genug?

Verlässliche Landnutzungsrechte und Bodenschutz sind noch unterbelichtete Themen, aber sie werden künftig eine große Rolle spielen müssen. Politische Regulierung wird immer wichtiger werden, um sicherzustellen, dass Agrarflächen und Waldflächen schonend bewirtschaftet werden. In Europa wird seit Jahren über eine Bodenschutzdirektive auf europäischer Ebene diskutiert. In unserer Analyse ging es eher um die Frage: Entscheiden wir uns für einen hohen oder niedrigen nationalen Selbstversorgungsgrad und für mehr Flexibilität bei der globalen Versorgung mit Nahrungsmitteln?

 

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