Expertin für fairen Handel: „Das Label Fair Trade Town bringt auch viel Marketing“

Ana Asti, brasilianische Expertin für Fair Trade [Foto: MISEREOR e. V.]

Fairer Handel von lokalen Waren kann einer Kommune wirtschaftlichen Auftrieb geben, den Ärmsten ein besseres Einkommen bieten und eine Stadt attraktiver machen, meint die Brasilianerin Ana Asti. Das will sie nun beweisen – und ihre Heimatstadt  Rio de Janeiro zum „Fair Trade Town“ machen.

Ana Asti ist Sozialwissenschaftlerin, Unternehmerin, Beraterin und bereitet derzeit im Auftrag des Bürgermeisters die Bewerbung Rio de Janeiros als Fair Trade Town vor. Asti ist Geschäftsführerin von SEDES – des brasilianischen Sekretariats zur Entwicklung einer solidarischen Wirtschaft -, und war bis Mai 2015 die Vertreterin Lateinamerikas im Weltvorstand der World Fair Trade Organisation (WFTO).

Sie bereiten gerade die Bewerbung von Rio de Janeiro als Fair Trade Town vor. Damit wird Rio die erste „faire“ Hauptstadt Lateinamerikas, die gezielt den fairen Handel auf kommunaler Ebene fördert. Wie kamen Sie zu dieser riesigen Aufgabe? 

Ich befasse mich schon lange mit der Frage, wie sich der lokale Konsum fördern lässt und mehr Märkte für Produkte aus Fairem Handel geschaffen werden können. 2001 begann ich, mit Frauen in den Favelas, den Armenvierteln von Rio, im Bereich Fairer Handel zu arbeiten, die Produktion von Textilien und den lokalen Vertrieb anzuregen. Seit 2009 bin ich im Vorsitz der World Fair Trade Organisation (WFTO) und lernte wahnsinnig viel über die Fair Trade Bewegung. Ich flog durch die ganze Welt – Indien, Hongkong, Afrika, Europa – um zu erfahren, wie man den regionalen Markt stärkt statt ausschließlich zu exportieren. Und ich lernte Bruce Crowther kennen, den Begründer des Fair Trade Town Konzepts in Großbritannien. Crowther, ein lokaler Oxfam-Unterstützer, hat die Kampagne 2001 in Garstang, Lancashire  ins Leben gerufen. Garstang war also die erste Stadt mit dem Fairtrade-Town Zertifikat.

Welche Bedingungen muss eine Stadt erfüllen, um zum Fair Trade Town gekürt zu werden?

Dazu müssen mehrere Ziele erreicht werden: Zuerst einmal braucht man die Unterstützung des Bürgermeisters. Dann muss sich eine lokale Steuerungsgruppe für die Kampagne bilden, die aus mehreren Personen der Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik besteht. Wir mussten es schaffen, dass 300 Einzelhandelsgeschäfte in Rio Fair Trade Produkte verkaufen und Produkte aus fairem Handel in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Vereinen und Kirchen genutzt werden. Machbar war das in einem kleineren Bereich von Rio mit etwa einer Million Einwohnern.

Wir schufen aber auch neue Ziele, die sich an dem lokalen Markt orientieren: Wir wollen die hiesigen Produzenten aus den wohlhabenderen Teilen ebenso wie aus den armen Favelas unterstützen. In den Armenvierteln schulen wir vor allem die Frauen, etwas zu produzieren und die Produkte außerhalb der Favelas mehr und mehr auf lokalen Märkten zu verkaufen. Das geht immer mehr auf, sodass die Frauen daraus ein zunehmend besseres Einkommen und mehr Selbstbewusstsein gewinnen. Dazu  arbeiten wir mit Nahrungsmittelmärkten aus der ganzen Region von Rio zusammen, die Bioprodukte verkaufen und unterstützen die Gründung solcher Märkte.

Um aus einer Stadt eine Fairtrade-Town zu machen, müssen viele unterschiedliche Akteure zusammengebracht werden, die alle ein gemeinsames Ziel haben. Wie meistert man das  in einer Stadt mit 8 Millionen Einwohnern? 

Als im April 2015 der Bürgermeister von Rio seine Unterstützung zur Bewerbung Rios als Fair Trade Town bekanntgab, begann unser Komitee mit der Arbeit: Wir brachten das ohnehin schon exisitsierende Netzwerk für Solidarische Wirtschaft, Produzenten, Restaurants, NGOs, politische Vertreter zusammen. Weil uns Geld fehlt, helfen uns Partner mit der Kommunikation und der Vermakrtung. Wir verbreiten die News auch über Facebook, andere Social Media und unsere Website.

Die Bewegung für Solidarische Wirtschaft ist etwas speziell Brasilianisches, das vor mehr als 40 Jahren aus der Frage entstand, wie sich Menschen in Fragen von Demokratie, Politik, Wirtschaft und Marketing zusammenzuschließen können. Lula da Silva schuf 2003, als er ins Amt kam, ein nationales Komitee für Solidarische Wirtschaft, das unter anderem auch Mikrokredite fördert.

Seit 2012 gibt es sogar ein enorm fortschrittliches Gesetz, das sich mit Gesetzesvorgaben zu „Solidarischer Wirtschaft“ und „Fair Trade“  befasst. Umgesetzt wird das von einem öffentlichen Rat, der aus Mitgliedern der Kommune und der Zivilgesellschaft besteht. Dieses neue Modell wollen wir in anderen Städten auch schaffen und so die lokalen Absatzmärkte für Produzenten der „Solidarischen Wirtschaft“ verbessern.

Die Olympischen Sommerspiele in Rio starten Anfang August – zur gleichen Zeit, in der Rio auch offiziell mit dem Titel Fairtrade-Town gekürt werden soll. Wird es bei den Spielen auch Fair Trade Produkte von kleinen Produzenten geben?

Wir haben Kontakt zu Olympischen Komitee aufgenommen, aber es ist schwer, bei den Spielen auch lokale Lebensmittel zu verkaufen. Das liegt sicher an den potenziell höheren Preisen. Der Fisch, der bei den Spielen verkauft wird, wird etwa aus Chile kommen, weil das günstiger ist.

Wir warten noch auf die Bestätigung, wann wir Rios Status als Fair Trade Town offiziell bekanntgeben können. Fest steht so oder so: Wir müssen auch den Menschen in den Armenviertel eine bessere Ernährung ermöglichen und lokale Bauern unterstützen. Es gibt noch viele Herausforderungen – aber auch gute Vorbilder: Peru, Bolivien, Ecuador, Paraguay. Und auch in Indien gibt es wachsende lokale Fair Trade Bewegungen. Dies hilft überall, die lokale Entwicklung zu fördern. Das Label Fair Trade Town bringt einer Stadt auch viel Marketing.

Zum Stichwort Marketing: Wie wird dieses ehrgeizige Projekt Fairtrade-Town finanziert?

Die Fair Trade Town Bewegung ist eine zivilgesellschaftliche Initiative, die vom Rathaus unterstützt, aber nicht öffentlich finanziert wird. Ich bin zwar auf der Seite der Kommunalverwaltung die Ansprechpartnerin zu diesem Projekt. Aber mein Sekretariat SEDES hat in den letzten zwei Wochen, seit dem Amtsenthebungsverfahren gegen Brasiliens Präsidentin Dilma Roussef, zwei Drittel der etwa 30 Mitarbeiter verloren und uns wurde das Geld für die Solidarity Economy Bewegung beschnitten. Wir sind nicht sicher, wie es jetzt weitergehen soll.

In Deutschland ist Fair Trade inzwischen Teil der Stundenpläne an immer mehr Schulen. Gibt es das auch in Brasilien?

An einigen Hochschulen ist das Konzept schon Thema – ich lehre auch Fair Trade an der Universität in Rio. Aber an den Schulen gibt es dafür noch keinen Lehrplan. Dabei wäre das sinnvoll. Denn Brasilien hat die Landkarte des Hungers verlassen, doch jetzt dreht sich die Diskussion um die Themen Ernährung und Übergewicht. Den Kindern in Brasilien fehlt das Wissen und die Bildung über gesundes Essen. Das könnten wir auch ändern, indem kleine lokale Produzenten mit gesunden und nachhaltigen Lebensmitteln präsenter sind auf dem Markt.

Zurzeit bekommen die Schulkinder in Rio aber leider noch immer keinerlei regionale Produkte. Bei 1.100.000 auszuliefernden Schulmahlzeiten pro Tag ist es schwer, das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, 30 Prozent der Lebensmittel von kleinen Produzenten zu beziehen. Vor allem der Transport durch die Stadt ist für kleine Produzenten enorm teuer. Doch funktionieren kann das: Sao Paolo, eine noch größere Stadt als Rio,  will in den nächsten sieben Jahren das Schulessen komplett aus lokalen Bioprodukten herstellen. Wenn man vorrangig mit Saisonalen Lebensmitteln arbeitet, ist das auch möglich, weil nicht so kostspielig.

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