Entwicklungshelferin: „Ausbildung in Afrika entspricht nicht der Marktrealität“

Eine Straβenverkäuferin in Malabo, Äquatorialguinea. [David Trainer/Flickr]

Das rasante Bevölkerungswachstum Afrikas macht Jugendbeschäftigung zum wichtigen Thema. Unternehmen schaffen immer mehr Jobs, doch biete die Landwirtschaft auch künftig die meisten Jobs für junge Leute, erklärt Céline Gratadour EURACTIV France.

Céline Gratadour ist die Leiterin des Bildungs- und Berufsausbildungsprojekts der Französischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit. Sie nahm an der Konferenz Employment for tomorrow in continental Africa: what opportunities for young people?, die am 25. Und 26. April in Paris stattfand, teil, und sprach dort mit Cécile Barbière von EURACTIV.fr.

Der afrikanische Kontinent hat die weltweit jüngste Bevölkerung. Wie ist die Situation in der Jugendbeschäftigung?

Richtige Arbeitslosigkeit gibt es in Afrika praktisch nicht. Wir sprechen vielmehr von sogenannten NEETs (not in education, employment or training). Das sind junge Leute, die nicht oder nicht mehr in die Schule gehen, aber auch keine Arbeit haben oder in Ausbildung sind, und die durch diese Situation absolut entmutigt sind. Dies ist die häufigste Form von Jugendarbeitslosigkeit in Afrika, besonders in Nordafrika, wo viele junge Leute viel in ihre Bildung investiert haben.

Wir müssen tatsächlich eine klare Unterscheidung zwischen der Maghreb-Region und Subsahara-Afrika machen. In Nordafrika ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch, weil ein Drittel der jungen Menschen einfach keine Arbeit findet. In Subsahara-Afrika ist die Armut dagegen ein wichtiger Faktor. Dort leben 70 Prozent der Jugendlichen von weniger als 3,10 Dollar pro Tag; aber sie arbeiten alle, um ihre Familien zu unterstützen. Das Hauptproblem ist die Qualität der Arbeit und die Entlohnung dafür.

Jedes Jahr kommen rund 30 Millionen junge Leute auf dem afrikanischen Arbeitsmarkt hinzu. Daher müssen viel mehr Jobs geschaffen werden als bisher. Einerseits steht im wirtschaftlichen und sozialen Bereich viel auf dem Spiel, andererseits haben junge Leute zwischen 15 und 29 eine höhere Bildung und sind besser vernetzt als jede Generation vor ihnen. Das ist eine echte Chance.

Welchen besonderen Problemen sehen sich arbeitssuchende junge Frauen in Afrika gegenüber?

Frauen haben heute einen viel besseren Zugang zu Bildung, aber sie haben immer noch immense Probleme, im Arbeitsmarkt Fuβ zu fassen oder ihre Position zu halten, insbesondere wenn sie schwanger werden.

Wenn sie eine eigene Firma gründen wollen, wird ihnen einfach gesagt, das könnten sie nicht. Für sie ist es auch viel schwieriger, Gelder aufzubringen und auf Netzwerke zuzugreifen, die für ein erfolgreiches Geschäft unerlässlich sind. In ländlichen Gebieten ist es für Frauen kompliziert, Land zu haben. Darüber hinaus gibt es nach wie vor bestimmte Erwartungen der Familien und traditionelle Männer- und Frauenbilder, wobei sich in diesem Aspekt vieles in die richtige Richtung bewegt.

„Afrika braucht einen besseren Deal für seine Infrastruktur“

Afrika boomt. Bis 2050 wird der Kontinent so viele Menschen ernähren müssen, wie Indien und China es bereits heute tun. Afrika-Direktorin von ONE, Nachilala Nkombo, über die Chancen eines Kontinents.

Die Bevölkerung des afrikanischen Kontinents wird weiterhin sehr schnell wachsen. Können die bestehenden Bildungssystem da mithalten?  

Wir werden bei der Beschäftigung keine Fortschritte machen, wenn die Menschen nicht lesen und schreiben können, ungebildet sind und keine besonderen Fähigkeiten erlernt haben.

Heute kann man sagen, dass der Versuch, weitreichenden Zugang zu Bildung in Afrika zu schaffen, teilweise erfolgreich war. Sehr viele Menschen haben eine Grundschulausbildung. Das groβe Thema in der Zukunft wird aber die weiterführende Bildung sein, wofür es weit weniger Investitionen von internationalen Geldgebern gibt. Es bleiben auch viele Fragen bezüglich der Qualität des Unterrichts und der Ausbildung der Lehrer.

Auβerdem gibt es zahlreiche Probleme in der Hochschulbildung und Berufsausbildung in Afrika: viele Programme sind komplett abgeschottet von den tatsächlichen Bedürfnissen der Wirtschaft und der Arbeitsrealität. Ein Beispiel: in Nigeria gibt es groβen Bedarf an Arbeitskräften im Energiesektor, der privatisiert wurde. Das Ausbildungssystem wird aber weiter vom Staat geführt und hat sich nicht den Bedürfnissen des Sektors angepasst. Die Lehrer haben keinerlei Erfahrung in der Geschäftswelt, den Studenten fehlt die Praxis, usw. Dadurch entsteht ein Graben zwischen den Auszubildenden und ihren zukünftigen Arbeitgebern.

Deckt sich das Jobangebot auf dem Kontinent denn mit den Wünschen und Bestrebungen der jungen Afrikaner ?

Es gibt groβe Lücken zwischen den Träumen der Jugendlichen, der Wahrnehmung und den Erwartungen ihrer Eltern und den tatsächlichen Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt. Darüber hinaus muss die Ausbildung junger Leute viel mehr auf den Bedarf des Marktes angepasst werden. In der Realität gibt es sehr wenig normale Erwerbsarbeit.

Wie erklären Sie dieses Gefälle zwischen Angebot und Nachfrage?

Junge Leute sind einfach nicht gut genug über die tatsächliche Arbeitswelt informiert. Die staatlichen Informationsstellen für Fragen zu Arbeit und Ausbildung sind selber sehr weit vom Privatsektor entfernt. Sie sind in Afrika schlicht ineffektiv.

"Afrika darf nicht nur Zuschauer bei globalen Entscheidungen sein"

Die Idee eines Marshall Plans für Afrika sei grundsätzlich gut – doch zu viel werde noch über statt mit Afrika gesprochen, kritisiert der EU-Botschafter der Afrikanischen Union Ajay Bramdeo. Im Interview spricht er über Vertrauen, die Rolle von Gesundheitspolitik in Afrikas Entwicklung und darüber, was er sich von Angela Merkel beim G20-Gipfel wünscht.

In der Elfenbeinküste unterstützt die Französische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (AFD) die Reformen der Jugendarbeitsagentur des Landes. Ein Punkt ist die Reform des Informationssystems. Uns fiel auf, dass auf der Website der Behörde nur wenige Lebensläufe und Jobangebote ablagen, ungefähr 80. Zeitgleich hat ein Start-up aber für einen Test seiner Vermittlungsplattform 18.000 Lebensläufe und Arbeitsangebote sammeln können.

Der junge Unternehmer, der dieses Unternehmen gegründet hat, hat sich mit Barack Obama in Davos getroffen, aber in seinem eigenen Land kann er bisher nicht einmal als Vermittlungsglied zwischen den Menschen und den Behörden dienen. Die AFD versucht, diese beiden Welten einander näherzubringen.

Die Mehrheit der jungen Afrikaner lebt nach wie vor auf dem Land. Gleichzeitig hat die Landwirtschaft aber nur wenig Anziehungskraft auf sie. Wie lässt sich das ändern?

Für uns ist klar: Landwirtschaft und ländliche Umgebung werden in den kommenden Jahren der gröβte Jobmotor sein. Heute fangen die jungen Leute meistens in der Landwirtschaft an, nachdem sie mit anderen Plänen in der Stadt gescheitert sind. Das hat tiefgehende Konsequenzen: sie kommen nicht aus freien Stücken zurück und sind deshalb auch nicht motiviert. Und da Familien ihre Kinder oft dazu drängen, auβerhalb des eigenen Dorfes ein besseres Leben zu finden, gibt es auch vielmals das Gefühl, die Eltern enttäuscht zu haben.

Darüber hinaus sind Jugendliche oft nicht gut genug ausgebildet, sodass sie nicht das Beste aus ihrem Land herausholen und nicht wissen, wie sie ihr Unternehmen diversifizieren können. Wir müssen dafür sorgen, dass sie besser über Chancen und Probleme in der Geschäftswelt informiert sind und dass sie gut genug ausgebildet sind, um erfolgreiche Landwirte zu sein.

Unternehmertum wird oft als Schlüssel für den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit in Afrika genannt. Ist es das wirklich?

Die afrikanische Jugend muss quasi Unternehmer sein, weil sie keine Arbeit findet. Jede und jeder hat einen kleinen Verschlag, aus dem sie Gemüse oder Sim-Karten verkaufen. Es gibt aber einen Unterschied zwischen dem Subsistenz-Unternehmer und dem Kaufmann, der auch Arbeitsplätze schafft.

Es wird oft gesagt, dass Unternehmer Afrika retten werden. Das ist nicht wahr. Nicht jeder kann Unternehmer sein. Ja, das Unternehmertum bietet viele groβartige Möglichkeiten, aber es kann nicht die einzige Antwort sein. Es gibt heute schon ein Ökosystem von Unternehmen, das aber weiter entwickelt werden muss. Ich denke da beispielsweise an den unterentwickelten Bankensektor.

Diese Interview wurde gemeinsam veröffentlicht mit dem  ID4D blog, koordiniert von der Französischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit.