„Ein Stein ist ins Rollen gekommen, den Ryanair nicht aufhalten kann“

Der Kampf um anständige Arbeitsbedingungen hat längst die Ryanair-Cockpits erreicht. [shutterstock]

In der Vorweihnachtszeit führte Ryanair erstmals in seiner 32-jährigen Geschichte Gespräche mit Gewerkschaftsvertretern. Die Verhandlungen wurden nach wenigen Tagen ergebnislos abgebrochen. Es kam zu Warnstreiks. EURACTIV sprach mit Markus Wahl über den Stand der Auseinandersetzung.

Der Pilot Markus Wahl ist im Vorstand der Vereinigung Cockpit e.V. für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die Vereinigung Cockpit vertritt die Interessen der Piloten gegenüber den Fluggesellschaften.

EURACITV: Herr Wahl, 32 Jahre lang spielten Gewerkschaften bei Ryanair keine Rolle. Warum eigentlich?

Markus Wahl: Ryanair hat es gut verstanden, die aus ihrer Sicht bösen Gewerkschaften einerseits durch juristische Winkelzüge und andererseits durch Druck und Erpressung mundtot zu machen. Es wurde so viel Druck auf die Angestellten ausgeübt, dass die sich schlicht nicht getraut haben, sich zu organisieren. Das hat sich nun zum Glück geändert.

Richtig, in der Vorweihnachtszeit zeigte sich die Airline plötzlich offen für Gespräche mit Arbeitnehmervertretern. Woher kam der Sinneswandel?

Da müssen wir ein bisschen zurückgehen. Im dritten Quartal 2017 sind zahlreiche Ryanair-Flüge ausgefallen. Die offizielle Begründungen der Airline wurden schnell als vorgeschoben entlarvt. In Wirklichkeit sind ihr die Piloten in Scharen davongelaufen. Viele haben sich bei Norwegian beworben, obwohl auch diese Gesellschaft nicht gerade für Arbeitnehmerfreundlichkeit bekannt ist.

In dieser Situation haben sich die verbleibenden Piloten europaweit organisiert und der Unternehmensführung deutlich signalisiert, dass es so nicht weitergehen kann. Das war ein Novum. Die Piloten haben angefangen, die Gewerkschaften in den jeweiligen Ländern als Vehikel zu benutzen, um Tarifverträge durchzusetzen. Denn nur Tarifverträge können langfristigen und juristisch abgesicherten Schutz bieten.

Die Vereinigung Cockpit hat das Gesprächsangebot zunächst begrüßt. Was hatten Sie sich von den Verhandlungen erwartet und wie sind sie verlaufen?

Erwartet haben wir zunächst, seitens Ryanair den ernsthaften Willen zu erkennen, Tarifverträge abzuschließen. Allerdings hat das Management trotz großer öffentlicher Bekundungen diesen Willen vollkommen vermissen lassen. Mit fadenscheinigen Ausreden wurde die Tarifkommission der Vereinigung Cockpit abgelehnt. Man hat sich an Formalien aufgerieben, bis das Gespräch geplatzt ist.

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Kurz vor Weihnachten haben Sie dann zu Warnstreiks aufgerufen. Wie fällt Ihre Bilanz aus? Konnte der Druck auf Ryanair erhöht werden?

Der Druck ist auf jeden Fall angekommen, auch wenn Ryanair behauptet, der Streik habe keine Auswirkungen gehabt. Richtig ist zwar, dass kein Flug ausgefallen ist. Das ist jedoch nicht unsere Bewertungsgrundlage. In der Vorweihnachtszeit wurde bewusst ein kurzer Streikzeitraum gewählt, nur wenige Flugzeuge waren überhaupt betroffen. Daher ist es Ryanair gelungen, mit Vertragspiloten und ausländischen Piloten und Verschiebungen von Flügen den Betrieb aufrechtzuhalten.

Richtig ist aber auch, dass hierfür ein enormer Kraftaufwand nötig war. Piloten mussten umdisponiert, Pläne umgestellt werden. Da ist durchaus Schaden, und damit auch Druck entstanden. Das sieht man auch daran, dass Ryanair gerade wegen des entstanden Schadens der Vereinigung Cockpit mit Klage gedroht hat.

Hat die Unternehmensführung in irgendeiner Form auf diesen Druck reagiert? Wie ist nun der Stand der Dinge?

Es wird zunächst wieder Gespräche geben. Bereits heute Nachmittag gibt es einen neuen Termin. Ryanair hat die Tarifkommission, so wie sie dafür zusammengesetzt wurde, akzeptiert. Nun hoffen wir, dass keine neuen Ausreden kommen, sondern dass wir endlich in thematische Verhandlungen einsteigen können.

Welche Rolle spielt in der Auseinandersetzung das Kabinenpersonal? Ich nehme an, unter schlechten Arbeitsbedingungen leiden bei Ryanair nicht nur die Piloten.

Das Kabinenpersonal steht genauso unter dem Druck der Unternehmensführung wie die Piloten. Die Mechanismen der Angstmache sind die gleichen.

Ist das Kabinenpersonal auch organisiert oder müssen die Flugbegleiter befürchten, noch weiter abgehängt zu werden, wenn die Piloten in den Verhandlungen erfolgreich sind?

Auf keinen Fall darf hier eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gebildet werden. In Deutschland sind die Flugbegleiter in der Gewerkschaft UFO/IGL organisiert. Soweit ich informiert bin, nutzen die Kollegen unsere Verhandlungen um ihrerseits den Druck auf Ryanair zu erhöhen und so in Verhandlungen zu kommen. Nach meinem aktuellen Kenntnistand hat sich Ryanair hierzu grundsätzlich bereit erklärt.

Ist Ryanair eigentlich ein Einzelfall? Ein Extremfall? Wie sieht es bei anderen Billigfluganbietern aus?

Ryanair ist ein Extremfall. Natürlich gibt es bei anderen Anbietern ähnliche Systeme des Angstmachens. Ryanair ist allerdings die nach Passagieren größte Airline Europas. Dass die Angst- und Druckmacherei in derart großem Stil betrieben wird, ist wahrscheinlich weltweit einmalig.

Etwas allgemeiner kann man aber durchaus sagen, dass zuletzt eine Bewegung entstanden ist, die weit über Ryanair hinausgeht. Ob es nun in den verschiedenen Ländern Tarifverträge, Verhandlungen, Streiks oder was auch immer gibt. Hier ist ein Stein ins Rollen gekommen, den auch das Ryanair-Management über kurz oder lang mit Hinhalten und Verzögern nicht aufhalten kann.

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Sie sprechen von einem System des Angstmachens. Können Sie kurz skizzieren, was Sie damit meinen?

Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. Auch in der Vergangenheit gab es immer wieder Piloten, die versucht haben, sich zu organisieren. Ryanair hat das im Keim erstickt, in dem die betroffenen Piloten kurzfristig an einen anderen Standort in ein anderes Land versetzt wurden. Wer befürchten muss, innerhalb von einer Woche beispielsweise samt Familie von Frankfurt nach Lissabon ziehen zu müssen um seinen Job zu behalten, bleibt natürlich zumeist lieber still. Gedroht wird auch immer wieder mit Kündigung oder damit, keine Aufträge mehr zu bekommen.

Deswegen fordern wir Manteltarifverträge, in denen genau diese Dinge geregelt sind. Beispielsweise könnte dort festgelegt werden, dass die Kündigung einer Stationierung nur mit einer Vorlaufzeit von sechs Monaten erfolgen darf. Auch müsste dort geregelt werden, wer die Reisekosten des Piloten trägt, der dann immer nach Lissabon reisen muss, um seinen Dienst anzutreten. Solche Regelungen würden die Piloten vor der Willkür des Unternehmens schützen.

Natürlich müssen in den Manteltarifverträgen auch andere Fragen geregelt werden, wie beispielsweise Urlaubsansprüche, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder Kündigungsschutz. Also viele klassische Ansprüche, die aus meiner Sicht schon anstandshalber jedem Angestellten zustehen sollten, die aber für die Ryanair-Führung immer noch Fremdwörter sind.

Würden Sie Fluggästen empfehlen, Ryanair zu meiden? Oder was können Reisende der Prekarisierung an Bord entgegensetzen?

Wenn sich der Reisende Gedanken darüber macht, auf wessen Kosten es geht, wenn er für zehn oder zwanzig Euro ein Ticket von Frankfurt nach Mailand kauft, ist schon viel gewonnen. Dass diese Preise nicht kostendeckend sind und am Ende das Personal die Zeche zahlt, ist leicht zu erkennen. Geiz ist eben nicht immer geil.

Also im Zweifelsfall besser eine andere Airline wählen?

Ja. Das muss übrigens nicht immer eine teure Airline sein. Es gibt auch Billigflieger, die ihren Angestellten faire Bedingungen gewähren. Ein gutes Beispiel ist Easyjet. Dort gibt es Tarifverträge und Gewerkschaften. Trotzdem sind die Preise niedrig und die Airline macht Gewinn. Das ist durchaus möglich. Als Fluggast sollte man sich über die Unterschiede informieren und damit befassen, welches System man unterstützen will. Ein guter Ausgangspunkt ist die Frage, wie man selbst als Arbeitnehmer behandelt werden möchte.

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