„Der Black Friday ist ein Fehler, ein Missverständnis“

Warum muss man Amazon stoppen? Weil es dringend notwendig ist, so Dominique Potier. [EPA-EFE/FRIEDEMANN VOGEL]

In einem in der vergangenen Woche zunächst auf France Info veröffentlichten Aufruf forderten 120 französische Politikerinnen und Politiker sowie Gewerkschaften, „die Expansion Amazons zu stoppen“. Sie kritisierten dabei ebenso heftig die „gierige Welt des Überkonsums“, für die der E-Commerce-Riese exemplarisch stehe.

Dominique Potier, Parlamentsabgeordenter der sozialdemokratischen Parti Socialiste aus dem Wahlkreis Meurthe-et-Moselle, ist einer der Unterzeichner des Appells (Hier in der englischen Version verfügbar).

Er sprach mit Lucie Duboua-Lorsch von EURACTIV Frankreich.

Monsieur Potier, im Gegensatz zu der viral gegangenen Petition #NoelsansAmazon (Weihnachten ohne Amazon) fordert die von Ihnen mitinitiierte Aktion, den kalifornischen Riesen nicht nur in der Weihnachtszeit außen vor zu lassen. Sie wünschen sich viel mehr ein „tiefgreifendes Umdenken in unserem Konsumverhalten“. Warum dieser radikale Ton?

Weil die Lage dringend ist. Das Geschäftsmodell von Amazon wirft auf mehreren Ebenen schwerwiegende Probleme auf. Zunächst einmal in Bezug auf die Wettbewerbsverzerrung: Amazon gehört zu den GAFAM-Konzernen [Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft, d. Übers.] die kaum – oder sogar gar keine – Steuern zahlen. Darüber hinaus ist Amazon mit seiner globalen Reichweite in der Lage, Preise zu drücken und damit Machtverhältnisse zu schaffen, die für jeden anderen Verkäufer auf dem Markt unhaltbar sind.

Vollkommen zu Recht wird ebenso oft auf die Umweltauswirkungen Amazons hingewiesen. Auch wenn wir nicht immer detaillierte Angaben zu diesem Thema haben, können wir uns mit ein wenig gesundem Menschenverstand doch vorstellen, dass dieses System der weltweiten Lieferung letztlich sehr viel energieintensiver und ressourcenschädlicher ist als der traditionelle  [stationäre] Handel.

Amazon weigert sich nicht nur, durch Steuern zum Gemeinwohl beizutragen, sondern zerstört andere Werte in der Realwirtschaft, genauso wie die direkte Umwelt: Durch Amazon werden lokale Geschäfte und somit Arbeitsplätze vernichtet. All dies kann auf die Plattform zurückgeführt werden. Und was die [durch Amazon] geschaffenen Arbeitsplätze betrifft, so sind die Lohnbedingungen doch sehr fragwürdig. Darauf weist unser Aufruf hin.

Mein Ziel ist es gar nicht, für eine Dämonisierung von Amazon zu plädieren. Vielmehr sehe ich es als eine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass dieses Geschäftsmodell einfach nicht zwingend erforderlich ist. Es gibt eine andere Art, den Handel zu denken: Es geht um eine Verteilung von Werten, gemeinsame Leistungen, die Einsparung von Ressourcen und die Aufrechterhaltung eines sozialen Lebens, das auch Arbeitsplätze schafft.

Amazon missbraucht seine dominante Marktposition

Amazon hat mit seiner Verwendung von nicht-öffentlichen Händlerdaten wohl gegen die Kartellregeln der EU verstoßen. Das Vorgehen habe die Dominanz der Plattform auf dem eCommerce-Markt zementiert und Drittanbieter benachteiligt, erklärte Margrethe Vestager.

Die französische Regierung hat vorgeschlagen, die Werbeaktionen zum Black Friday zu verschieben – was von Großhändlern und Amazon letztlich auch akzeptiert wurde. Der Black Friday folgt nun eine Woche später, am 4. Dezember. Was halten Sie von dieser Verschiebung?

Wenn es nach mir ginge, könnte man den Black Friday bis in alle Ewigkeit verschieben. Dieser Kommerzwahn erscheint mir wirklich sehr beunruhigend – gerade in einer Welt, in der die Beziehung zu Zeit, zum Konsum, zu anderen Menschen mit viel mehr Um- und Weitsicht gedacht werden sollte.

Diese Systeme des aggressiven, dauerhaften Verkaufs und Konsums führen dazu, dass wir jegliches Gefühl für den Wert verlieren. Wenn es nur darum geht, ein Produkt möglichst schnell zu verkaufen, schert sich der Händler weniger um die Gedanken und die Arbeit, die in dieses Produkt eingeflossen sind. Langfristig besteht die Gefahr, dass alle – Produzenten und Verbraucher gleichermaßen – vergessen, dass Dinge einen Wert haben.

Sorgen Rabattschlachten also möglicherweise dafür, dass wir weniger achtsam sind oder weniger gewissenhaft handeln?

Das ist sogar mit Sicherheit so. E-Commerce-Giganten wirken sich auf die Produzenten, aber letztlich auch auf die Verbraucherinnen und Verbraucher aus.

Hier geht es um nicht weniger als die Würde des Menschen: als Produzent, der den Wert seiner Güter auf praktisch nichts reduziert sieht; und als Konsument, der sich gezwungen sieht, immer mehr zu konsumieren. Das schiere Anhäufen von Produkten ist inzwischen so einfach, dass es alltäglich geworden ist.

Uns als Gesellschaft sollte diese freiwillige Unterwerfung dazu veranlassen, uns davon zu befreien und in unserer Art zu produzieren und zu konsumieren wieder einen Sinn zu finden. Die Verschiebung des Black Friday schmälert das Übel sicherlich ein wenig, aber [die Aktion] an sich ist immer noch ein Fehler, ein Missverständnis.

Das Erschreckende an Amazon ist ja, dass es zeitlos und in diesem Sinne zutiefst destruktiv ist. Wenn ich etwas auf Amazon bestellen will, gibt es keine Sonn- oder Feiertage… Ich träume jedenfalls von einer Welt, in der der elektronische Handel reguliert und kulturell an den Rhythmus unserer Gesellschaften angepasst werden könnte.

Warenvernichtungsmaschine Amazon

Dem E-Commerce-Riesen Amazon wird vorgeworfen, im vergangenen Jahr bis zu drei Millionen unverkaufte Produkte aus französischen Lagern zerstört zu haben.

In Ihrem Appell wird derweil auch die Einführung einer „Sondersteuer auf die Umsätze von Amazon“ gefordert…

Nun, tatsächlich werden zwei Ansätze in Betracht gezogen. Der erste wäre eher kurzfristig: Die aktuelle, außergewöhnliche Krise hat es Amazon ermöglicht, schwindelerregende Gewinne zu erzielen. In gleicher Weise muss daher eine „außergewöhnliche Besteuerung“ eingeführt werden.

Die Höhe dieser Steuer würde das Überleben des gesamten Handels an sich gewährleisten. Das ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Der zweite Ansatz wäre eher langfristig zu spüren: Sowohl Amazon als auch alle anderen GAFAMs sind strukturell unterbesteuert. Eine Neugewichtung ist erforderlich.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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