Christian Felber: Aus der Corona-Krise in die Gemeinwohl-Ökonomie

Christian Felber: "Was heute in der Wirtschaft praktiziert und gelehrt wird, ist gar keine Ökonomie." [José Luis Roca]

Die Corona-Pandemie führt zu einer globalen Wirtschaftskrise: Geschäfte bleiben geschlossen, der Konsum kommt zum Stillstand, Menschen verlieren ihre Arbeit. Für Christrian Felber ist das der perfekte Moment, um die Systemfrage zu stellen. Seit Jahren plädiert er für einen Wandel vom Kapitalismus zur Gemeinwohl-Ökonomie – eine Idee, deren Zeit nun gekommen ist, erklärt er im Interview mit EURACTIV Deutschland.

Christian Felber ist Buchautor, Hochschullehrer und freier Tänzer in Wien. Er ist Initiator der Genossenschaft für Gemeinwohl und der Gemeinwohl-Ökonomie. Er schrieb mehrere Bestseller, zuletzt „Ethischer Welthandel“ und „Die Gemeinwohl-Ökonomie“. „Geld. Die neuen Spielregeln“ wurde als Wirtschaftsbuch des Jahres 2014 ausgezeichnet, die „Gemeinwohl-Ökonomie“ 2017 mit dem ZEIT-Wissen Preis.

Herr Felber, was unterscheidet die Gemeinwohl-Ökonomie von der klassischen Wirtschaftswissenschaft?

Ich kritisiere: Was heute in der Wirtschaft praktiziert und gelehrt wird, ist gar keine Ökonomie. Denn nach der ursprünglichen griechischen Definition ist ja das Ziel der „Ökonomie“ das gute Leben aller, oder eben das Gemeinwohl. Geld und Kapital waren nur Mittel zu diesem Zweck. Aristoteles sagte damals, wenn stattdessen die reine Geldvermehrung im Mittelpunkt stünde, wäre das nicht mehr Ökonomie, sondern ihr Gegenteil: Chrematistik, das Streben nach Reichtum um des Reichtums Willen. Man kann es auch „Kapitalismus“ nennen.

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Und wie sähe ihr Alternativmodell aus?

Es wäre klüger, von vornherein eine Ökonomie zu designen, die das Gemeinwohl zum Ziel hat – beispielsweise den Schutz des Klimas und der Artenvielfalt, die Stärkung demokratischer Partizipation oder die gerechte Verteilung von Ressourcen. Auf volkswirtschaftlicher Ebene wird die Erreichung dieser Ziele mit dem demokratisch komponierten Gemeinwohl-Produkt gemessen, das das BIP ablöst. Unternehmen könnten eine „Gemeinwohl-Bilanz“ erstellen, die Beiträge zum Gemeinwohl-Produkt in quantifizierter Form erfasst. Aus höheren Beiträgen sollten den betreffenden Unternehmen Wettbewerbsvorteile erwachsen und schlechte Bilanzen sollen Nachteile mit sich bringen. Auch in der Gemeinwohl-Ökonomie müssen Unternehmen Gewinne machen, aber Profitmaximierung auf Kosten der eigentlichen Ziele und Werte würden nach hinten losgehen und zur Insolvenz führen.

Während der Corona-Pandemie hören wir oft, dass jetzt Gesundheit gegen Wirtschaft abgewogen wird. Entspricht das nicht dem Grundgedanken der Gemeinwohlökonomie?

Das ist eine unpräzise Dichotomie. Man muss fragen: Was heißt denn „Wirtschaft“? Wenn Arbeitsplätze verloren gehen, wenn Unternehmen pleite gehen und eine Rezession eintritt, führt das zu zerstörten Existenzen, und damit zu körperlichen und seelischen Erkrankungen. Auch da geht es also um die Gesundheit von Menschen. Eigentlich müsste die Regierung jeden Tag Zahlen präsentieren, die belegen, ob die Zahl der verhinderten Todesfälle größer ist als die Zahl der durch die Maßnahmen verursachten Erkrankungen. Denn es muß verhältnismäßig sein.

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Sie fordern also eine Quantifizierung des Schadens, den die Maßnahmen anrichten – ist das denn überhaupt möglich?

Man muss es zumindest versuchen. Bei Eingriffen in die Grundrechte ist eine genaue und differenzierte Abwägung unabdingbar. Darauf hat zuletzt der deutsche Ethikrat hingewiesen.

Ist die Corona-Krise mit ihren wirtschaftlichen Umwälzungen eher Fluch oder Segen für die Vision der Gemeinwohl-Ökonomie?

Sie ist eine Chance. Die österreichische Regierung unterstützt Unternehmen mit 38 Milliarden Euro. Das sind Leistungen der demokratischen Gesellschaft an einer bestimmten Teilgruppe: die Wirtschaftstreibenden. Die sollte der Staat an Bedingungen knüpfen, etwa die eingangs erwähnte Gemeinwohl-Bilanz.

Wie sähe das konkret aus?

Man könnte es staffeln. Unternehmen mit einer guten Gemeinwohl-Bilanz – sowie systemrelevante Unternehmen – werden zu 100 Prozent gerettet. Unternehmen, die zumindest eine Form der Gemeinwohl-Bilanz führen, auch Non-Profit-Organisationen, zu 90 Prozent. 80 Prozent werden bei Verpflichtung, ab dem nächsten Jahr eine Bilanz zu erstellen, erstattet.. Alle KMU ohne Gemeinwohl-Bilanz werden nur zu 70 Prozent gerettet. Dagegen könnten Aktiengesellschaften durch eine Nachschusspflicht für wohlhabende EigentümerInnen gerettet werden.

Wie viele Unternehmen wären das denn mit Stand heute, die eine Gemeinwohl-Bilanz haben?

In Österreich 200, international 500. Man könnte deshalb die Höhe der Staatshilfen an eine verpflichtende Zusage koppeln, nächstes Jahr eine Gemeinwohl-Bilanz zu beginnen.

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Jetzt herrscht massive Geldnot – Würden Sie damit nicht Unternehmen zu etwas zwingen, was sie unter normalen Umständen nicht annehmen würden?

Darum muss es auf freiwilliger Basis bleiben, Unternehmen ohne Gemeinwohl-Bilanz bekommen ja eine 70-prozentige Rettung. Es wäre allerdings nur ein zeitliches Vorziehen von etwas, das sowieso kommt. Die europäische NFI-Richtlinie (Anm.: „Non-Financial Information“) wurde bereits in allen Mitgliedstaaten umgesetzt und gilt für die größten Unternehmen seit 2017. Das ist das Pendant zur „Financial Information“, der Finanzbilanz, deren Offenlegung schon länger Pflicht ist. NFI sind beispielsweise Arbeits- und Menschenrechte oder Klimaschutz. NFI-Offenlegung wäre schon längst mit der Finanz-Bilanz gleichgestellt, wenn Lobbys sich nicht dagegengestemmt hätten. Die Corona-Krise könnte diese Rechtsentwicklung beschleunigen, wenn man die Staatshilfen an die Offenlegung solcher Informationen koppelt. Der nächste Schritt wären dann die angesprochenen Anreize bei öffentlichen Aufträgen Steuern oder im internationalen Handel.

Und wie könnten wir die Corona-Disruption sonst nutzen, um unsere Ökonomie in Zukunft auf Gemeinwohl auszurichten?

Wir merken jetzt, dass es die Menschen offenbar akzeptieren, ihren Konsum einzuschränken, um Schäden an der Allgemeinheit zu verhindern. Ich bin sicher, die Mehrheit der Menschen wäre bereit, ihren Konsum auch für das Ziel einzuschränken, das unsere Kinder die gleichen Lebenschancen auf diesem Planeten vorfinden wie wir. Mein Vorschlag dazu sind ökologische Menschenrechte: Ein pro-Kopf-Verbrauchsrecht könnte regeln, dass jeder Mensch nur ein Achtmilliardstel dessen konsumiert, was die Erde jährlich nachhaltig zur Verfügung stellt, etwa 1,7 Hektar pro Kopf. Innerhalb dieser Grenzen gilt dann die Konsum- und Wirtschaftsfreiheit.

Auf der sozialen Ebene schlage ich einen Dreiklang vor. Durch die Krise sahen wir, welche Berufe wirklich systemrelevant sind. Für diese Branchen sollte ein Mindestlohn von 2000 Euro netto eingeführt werden, bei allen anderen Branchen 1500 Euro. Und zusätzlich sollten alle erwachsenen Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Euro erhalten. Damit wären  Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, aber auch schlecht bezahlte Junk-Jobs Geschichte.

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