Array ( [0] => banken [1] => brexit [2] => donald-trump [3] => finanzdienstleist [4] => finanzen-und-wirtschaft [5] => finanzkrise [6] => genossenschaften [7] => globalisierung [8] => schulden [9] => sharing-economy [10] => werne-boehnke [11] => finanzdienstleistungen [12] => finanzen_und_wirtschaft )

Böhnke: „Das größte Problem ist die Verschuldung vieler Staaten“

Die prekäre Lage auf dem Arbeitsmarkt - egal ob aufgrund der Globalisierung oder wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise - treibt die Menschen zu Protesten auf die Straße. Im Bild: eine Demonstration am 1. Mai 2013 in Turin, Italien. Foto: dpa

Was ist die Antwort auf Finanzkrise, Brexit und Trump? Die Idee der Genossenschaft, meint Werner Böhnke, Chef der Raiffeisen-Gesellschaft. Im Gespräch erläutert er, was Banken und Staaten nach der Finanz- und Euro-Krise besser machen müssen.

In diesem Jahr haben sich die Briten für den Brexit entschieden und die Amerikaner für Donald Trump. Isolation und das „Ich“ bestimmen den Zeitgeist. Zugleich wird die genossenschaftliche Idee von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. Wie wollen Sie diese Idee in dieser Zeit wieder mit Leben füllen?

Es stimmt, wir erleben in unserer globalisierten Welt derzeit vielerorts einen Rückzug aus der Gemeinschaft. Viele sind verunsichert und begreifen gewisse Entwicklungen nicht mehr. Die Genossenschaften aber glauben an den Satz: Was der einzelne nicht schafft, das schaffen viele gemeinsam. Diese Idee führt im Übrigen auch weg vom Egoismus.

Aber erreicht diese Idee die Menschen überhaupt noch?

Zwei Zahlen: In Deutschland verbinden die Genossenschaften 22 Millionen Mitglieder, weltweit sind es etwa 800 Millionen. Die Idee wird gelebt, jeden Tag. Genossenschaften arbeiten lokal – ob in der Landwirtschaft, Energieversorgung oder im Finanzdienstleistungsbereich. Das verankerte Regionalprinzip macht Dinge begreifbar, nachvollziehbar und transparent. Und das hilft, in unserer globalisierten Welt Orientierung zu geben.

Der Brexit-Schock: Wohin treibt Europa und was wird aus der Globalisierung?

Das Unerwartete ist eingetreten: Entgegen den Erwartungen der Märkte haben die Briten für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union gestimmt. Nun gilt es, diesen Schock an den Märkten zu verarbeiten.

Viele empfinden die Globalisierung aber als Bedrohung.

Und das besorgt mich. Denn viele profitieren von der Globalisierung. Dass wir all jene Produkte und Waren aus aller Welt kaufen können, die wir im Supermarkt und den Einkaufzentren sehen, gilt vielen als Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht. Wir müssen wieder klarer machen, wie sehr wir von einer globalisierten Welt profitieren und zugleich das regionale Prinzip hoch halten.

Wie wollen Sie den Gemeinschaftsgedanken der Genossenschaften revitalisieren?

Der Gedanke war ja nie weg. Wir beobachten aber neue Phänomene. Ein Beispiel: Vor 30 Jahren war ein eigenes Auto das Ziel jedes jungen Menschen. Heute bevorzugen viele Carsharing und verzichten auf ein eigenes Fahrzeug. Das Bewusstsein – gemeinsam mehr erreichen – ist hoch aktuell.

Aber der Begriff „Genossenschaft“ wirkt doch etwas antiquiert. 

Vielleicht nutzt die junge Generation den Begriff nicht mehr so wie meine. Aber das Konzept ist hochmodern. Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat die genossenschaftliche Bewegung in Deutschland gegründet und gesagt: Entdecke, was in dir steckt. Trau dir was zu. Verstehe Anstrengung nicht als etwas belastendes, sondern als etwas Großartiges. Wer sich ein Ziel setzt, daraufhin arbeitet und es erreicht, der tankt Selbstvertrauen. Wenn wir das wieder stärker leben, hilft es uns im Übrigen auch, die Ängste vor der Globalisierung zu mindern. Und das ist doch alles andere als antiquiert.

EZB: Trump gefährdet die Finanz-Stabilität der Euro-Zone

Der Euro-Zone drohen seit Donald Trumps Wahlerfolg große Stabilitätsrisiken, warnt die EZB. Sie sieht den Grund vor allem in den wirtschaftspolitischen Turbulenzen in den USA. EURACTIV Spanien berichtet.

Sollte unsere Wirtschaft noch stärker genossenschaftlich organisiert werden?

Der genossenschaftliche Gedanke ist in der deutschen Wirtschaft bereits fest verankert. Beträchtliche Bereiche der Energieversorgung regeln wir beispielsweise zunehmend über regionale Genossenschaften – Stichwort Energiewende. Wir haben Genossenschaften auch in sozialen Bereichen, in der Landwirtschaft, im Weinbau oder im Gewerbe – auch im Finanzwesen.

Sie haben über viele Jahre genossenschaftliche Banken geleitet. Wie sehr ärgert es Sie, dass die Branche im Zuge der Finanzkrise in Verruf geraten ist? 

Es ärgert mich sehr, denn es gibt ja nicht „die Banker“, genauso wenig „die Politiker“ oder „die Journalisten“. Die Genossenschaftsbanken sind 2007 und 2008 nicht auffällig geworden, weil sie ihrem Geschäftsmodell treu geblieben sind. Wir fördern die regionale Wirtschaft. Das ist für jedermann begreifbar und erzeugt Sicherheit. In einer Welt, die zunehmend von Unsicherheit gekennzeichnet ist, schafft das Vertrauen.

Und dennoch ist der Image-Verlust der Finanzbranche enorm.

Ich kann nicht leugnen, dass manche Geschäftsmodelle und völlig überzogene Eigenkapitalrenditen viel Vertrauen zerstört haben. Manche Banken standen und stehen bisweilen vor der Frage: Geben wir das Geld, das wir verdienen, an die Aktionäre oder an unsere Kunden weiter? Das kann uns nicht passieren, denn unsere Kunden sind sehr oft auch unsere Eigentümer. Eigentümer ohne übertriebene Renditeerwartungen. Das schützt uns.

"Uber und Airbnb dürfen nicht nur Goldesel für Aktionäre in Kalifornien sein"

Die Sharing Economy entzieht der lokalen Wirtschaft ihren Wert, indem sie Sozialbestimmungen umschifft, warnt Michel Bauwens. Ein einfaches Verbot wäre auf lange Sicht jedoch unklug, sagt er im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Die Deutsche Bank steht heute für raffgiere Manager, die Maß und Mitte verloren haben. Stimmt es aber nicht auch, dass die Gesellschaft eine solche Bank wollte? Eine Bank, die aberwitzig hohe Renditen ermöglicht? 

Womöglich war das für eine Weile der Zeitgeist, zumindest in Teilen der Gesellschaft. Gelegentlich habe ich gesagt: Die Verdopplung der Bilanzsumme bedeutet eine Vervierfachung der Komplexität. Das ist nicht immer einfach zu managen. Es ist also entscheidend, welchen Menschen wir in den Unternehmen Macht und Verantwortung übertragen. Manche Banken haben wohl die falschen Leute an die Spitze gesetzt mit fragwürdigen Zielvorgaben. Die Vertrauenskrise wird noch lange nachwirken, fürchte ich.

Manche bezweifeln, dass die Branche die richtigen Schlüsse aus der Krise gezogen hat.

Ich bezweifle, dass alle begriffen haben, was damals passiert ist, auch wenn ich nicht für die ganze Branche sprechen kann. Aber wir sollten nicht nur auf die Banken schauen. Das größte Problem – die ausufernde Verschuldung vieler Staaten in Europa – ist weiterhin ungelöst, mancherorts sogar noch schlimmer geworden. Vor ein paar Jahren war das noch ein riesiges Problem. Jetzt haben wir Rettungsschirme, die scheinbar Schutz bieten. Insofern: Nein, die Krise ist nicht vorbei.

Die Volks- und Raiffeisenbanken haben im Zuge der Finanzkrise Kunden gewinnen können. In Verbrauchertests schneiden sie aber selten gut ab, andere Banken bieten oft bessere Konditionen. Was müssen Genossenschaftsbanken tun, um attraktiv zu bleiben?

Es wird immer einen Anbieter geben, der günstiger ist als ein anderer. Ich glaube aber, es ist viel wichtiger, bei solchen Tests das Gesamtpaket zu beurteilen. Viele Menschen wollen Konto, Geldanlage und Finanzierung aus einer Hand haben. Und dieser Bank wollen sie vertrauen können.

Dieses Interview erschien in der WirtschaftsWoche.

Subscribe to our newsletters

Subscribe