„Wir müssen nachhaltige Finanzprodukte aus der Nische holen“

Kristina Jeromin, Leiterin des Nachhaltigkeitsmanagements der Deutschen Börse.

Seit Kristina Jeromin 2015 die Leitung des Nachhaltigkeitsmanagements der Deutschen Börse übernommen hat, zieht sie die Aufmerksamkeit der Finanzwelt auf die Klimakrise. Im Interview erzählt sie von der zunehmenden Einmischung von Aktionären in die Tätigkeiten der jeweiligen Unternehmen und erklärt, warum sie Greenwashing-Vorwürfe für destruktiv hält.

EURACTIV: In den vergangenen Monaten haben sich Aktionäre in Deutschland immer häufiger in die Aktivitäten der jeweiligen Unternehmen eingemischt. Zeichnet sich da ein Trend ab? Beginnen Aktionäre damit, einen verantwortungvolleren Weg von Unternehmen einzufordern?

Kristina Jeromin: Die entscheidende Frage ist hier: Was ist den Aktionären wichtig? Das ist vornehmlich eine ausgewogene Risiko-Rendite-Verteilung. Es gibt natürlich Aktionäre, die bewusst auf Nachhaltigkeitskriterien setzen aber für mich ist viel interessanter, dass Nachhaltigkeitsthemen zunehmend ins Bewusstsein der Aktionäre rücken. Ihnen wird immer stärker bewusst, dass das geschäftsrelevant ist. Sie wollen sicherstellen, dass die Unternehmung zukunftsfähig ist. Sicherlich gibt es auch die Überzeugungstäter, aber um das Thema langfristig in der Breite des Marktes zu etablieren, ist es hilfreich, dass finanzielle Interessen und eine stabile Gewinnspanne hier Treiber sind. Ich sehe aber schon die Tendenz, dass ESG-Informationen [Anm. d. Red.: Abkürzung für environmental, social and governance] stärker zu Rate gezogen werden.

Nachhaltigkeitskriterien werden damit öfter zur Entscheidungsgrundlage für Investitionen. Wie nehmen Sie den tatsächlichen Einfluss wahr, den Aktionäre heute auf die Unternehmensstrategien ausüben?

Eine wichtige Aufgabe der Shareholder und im Wesentlichen auch die der Finanzinstitutionen ist die Begleitung der Realwirtschaft zu einem 1,5 oder 2-Grad-Ziel. Diese Verantwortung muss wahrgenommen werden. Der Einfluss, den Aktionäre tatsächlich ausüben, hängt natürlich von ihrer Strategie ab und variiert auch von Branche zu Branche. Wir sehen aber einen immer stärkeren Engagement-Ansatz – also die immer engere Verknüpfung zwischen den Unternehmensführungen und den Shareholdern. Damit sollen etwa mittel- bis langfristige Risikoportfolien, dazu gehört auch die Klimazielerreichung, begleiten werden. Investoren könnten aber ruhig noch ein bisschen aktiver werden, das ist weiter aufbaufähig. Der Dialog zwischen Real- und Finanzwirtschaft muss sich weiter intensivieren.

Wie groß ist die Bedeutung von ESG-Informationen neben klassischen Finanzkennzahlen derzeit? Und wie nachvollziehbar sind diese ökologischen und sozialen Aspekte für Aktionäre?

Wenn sich Aktionäre für langfristige, stabile Performances und entsprechende Rendite ihrer Investitionen interessieren, dann ist es wesentlich dass Unternehmen alle geschäftsrelevanten Informationen in die Risiko- und Chancenidentifizierung miteinbeziehen. Welche Themen hier adressiert werden, kommt auf die Wertschöpfungskette des Unternehmens an. Jedenfalls müssen alle relevanten Risiken berücksichtigt werden. Die Risiken begrenzen sich heute eben nicht mehr nur auf die klassischen Finanzkennzahlen, sondern spielen zunehmend – vor allem mittel- und langfristig – auch im ESG-Bereich eine Rolle. Deswegen ist es eine rationale Überlegung der Aktionäre, diese Informationen genau zu beobachten.

Wo sehen Sie die wichtigsten Strategien, um nachhaltige Investitionen anzukurbeln?

Das Schlüsselwort ist Transparenz. Auch im Bereich der ESG-Daten brauchen wir eine zunehmende Verfügbarkeit wesentlicher Daten und eine standardisierte Datensichtung für die Aktionäre. Das ist ein wesentlicher Punkt des EU Action Plans on Sustainable Finance und der Taxonomie-Debatte: Dieses gemeinsame Verständnis herzustellen und Standardisierung zu schaffen. Das ist meiner Meinung nach eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre. Wobei wir nicht erwarten sollten, dass sich die von heute auf morgen abschließen lässt. Das ist ein langsamer Prozess. Aber wir haben heute schon viele Daten auf dem Markt, wir sehen die Aktionäre heute schon damit arbeiten. Man kann auch schon jetzt sehr viel machen, bevor die Taxonomie in Brüssel abgeschlossen ist. Die zunehmende Standardisierung passiert parallel dazu. Und wir müssen nachhaltige Investitionen aus ihrem Nischen-Dasein holen. Oft höre ich: „Wir berichten die klassischen Finanzkennzahlen und auch was zu Klima.“ Nein. Ein Unternehmen muss alle Daten kommunizieren, die in 10 oder 15 Jahren in unserer Welt wichtig sind. Und es gibt nun einmal keine Welt ohne Klimawandel.

Seit vergangenem Jahr werden verfügbare Green Bonds auf der Website der Börse Frankfurt deutlich ausgewiesen. Wächst die Nachfrage bereits?

Es ist noch zu früh, das zu valide zu beantworten. Aber wir sehen, dass der Green Bond-Markt seit Jahren wächst. Hier Transparenz herzustellen und Anleger entsprechend zu informieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, gezielt zu investieren, ist eine zentrale Aufgabe einer Börse. Green Bonds sind mittlerweile ein ernstzunehmendes Produkt in der Finanzwelt, das wir transparent ausweisen wollen, damit Investoren informierte Entscheidungen treffen können.

Stichwort informierte Investitionsentscheidung. Der Terminus Nachhaltigkeit ist sehr breit gefasst, Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang oft von Greenwashing. Wie stellen Sie sicher, dass das Nachhaltigkeitskennzeichen an der Deutschen Börse mehr als ein leeres Label ist?

Der Begriff „nachhaltig“ ist ein Problem, weil er nicht definiert ist. Ich übersetze „nachhaltig“ mit „zukunftsfähig“. Ist ein Unternehmen zukunftsfähig? Dazu müssen alle materiellen Kennzahlen einbezogen werden. Unsere Nachhaltigkeits-Indizes basieren auf den Daten von Sustainalytics, unsere Low-Carbon-Indizes auf den Daten von CDP . Das sind qualitativ hochwertige Partner, die transparent arbeiten. Für uns als Deutsche Börse ist es wichtig, dass wir die Methoden unserer Datenanbieter verstehen. Es kann sein, dass wir in fünf Jahren mit anderen Nachhaltigkeitskennzahlen arbeiten. Aber das ist okay. Es ist ein Prozess, der immer Ambitionen zulassen muss. Häufig erlebe ich, dass Kritiker die Debatte ins Spiel bringen und sagen: „Am Ende ist das alles greenwashing und es stellt sich heraus, dass das alles nicht nachhaltig ist.“ Damit wird eine Atmosphäre geschürt, als wären alle Daten, die gesammelt werden nur Marketing. Und das ist einfach nicht so. Es ist aber natürlich ausbaufähig. Die Aktionäre haben jetzt die Chance, mitzugestalten und diese Transformationsaufgabe wahrzunehmen.

Was bedeutet dieser Prozess für die Erarbeitung einer Taxonomie auf EU-Ebene? Wird diese Standardisierung Fehler vermeiden können?

Fehler werden immer wieder passieren. Wir haben gesehen, dass VW in nachhaltigen Indizes gelistet war, bevor der Diesel-Skandal aufgedeckt wurde – danach wurden sie entsprechend ausgeschlossen. Eine 100 prozentige Garantie auf Fehlerfreiheit gibt es grundsätzlich in den seltensten Fällen. Aber wir müssen alles dafür tun, den Investor entsprechend zu informieren. In der Taxonomie-Debatte auf Europäischer Ebene müssen wir uns darauf einstellen, dass wir stetig nachbessern werden. Ein intensiver Austausch mit den Datenanbietern kann hier Sicherheit generieren. Aber wir dürfen das Nachhaltigkeitsthema nicht zu stark überladen. Wir lernen gerade, mit diesen Daten umzugehen und hier wird zwar große Sorgfalt an den Tag gelegt, aber Fehler können sich trotzdem einschleichen. Es ist eine gemeinsame Reise von Ratingagenturen, Datenprovidern, Unternehmen, der Real- und der Finanzwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit.

 

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