Trichet: Finanzmärkte nicht stabiler als 2008

Am 15. September 2008 kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers. [EPA/JUSTIN LANE]

Laut dem ehemaligen EZB-Chef Jean-Claude Trichet sind die Finanzmärkte heute nicht stabiler als zu Beginn der großen Krise – wegen der Verschuldung der Schwellenländer.

Ende kommender Woche jährt sich der Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers zum zehnten Mal. Also jenes Ereignis, dass eine globale Schockwelle durch die Finanzwelt jagte und aus der US-Immobilienkrise eine weltweite Finanzkrise von historischem Ausmaß machte. Vom Ende des Finanzkapitalismus war damals die Rede. Eine strenge Regulierung wurde gefordert, als dann eine Bank nach der anderen mit öffentlichen Geldern gerettet wurde. Sowas dürfe sich niemals mehr wiederholen, hieß es landauf landab.

Der heute 75-jährige Trichet war damals an vorderster Front mit der Stabilisierung des Finanzsystems befast – als Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Heute zieht der Franzose ein nüchternes Fazit. Die Finanzmärkte seien heute nicht stabiler als damals. Eher im Gegenteil. Allerdings hebt er dabei weniger darauf ab, dass von den vielen Regulierungsvorschlägen nur wenig übrig geblieben ist und dass die Zeichen heute längst wieder auf Deregulierung stehen. Trichet geht es viel mehr um die globale Verschuldungssituation.

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„Es ist mittlerweile herrschende Meinung, dass die massive Überschuldung in de Industriestaaten ein wesentlicher Faktor für das Ausbrechen der Finanzkrise 2007 und 2008 war“, sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP. Das Wachstum der Verschuldung in den Industrieländern habe sich zwar verlangsamt. Doch das werde durch die Verschuldung der Schwellenländer wettgemacht. „Das macht das weltweite Finanzsystem insgesamt mindestens so verwundbar wie 2008, wenn nicht mehr.“

Auch die historische Dimension der großen Krise machte Trichet im Interview deutlich: „Das hatte es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben“, sagte er. „Keine Transaktion zwischen Banken mehr, kein Zins mehr“. Er und seine Kollegen hätten damals entschieden, den Banken die von ihnen geforderte Liquidität zur Verfügung zu stellen. Rund 50 Geschäftsbanken verlangten die bislang unvorstellbare Summe von 95 Milliarden Euro – und bekamen sie.

„Ich war an dem Tag in der Bretagne, in meinem Sommerhaus – aber in dauerndem Kontakt mit der EZB und den Ratsmitgliedern“, erzählte Trichet. „Wir haben die Entscheidung binnen zweieinhalb Stunden getroffen.“ Sie sei „extrem wichtig“ gewesen, denn sie zeigte: „Die EZB kann sehr schnell extrem mutige Entscheidungen treffen.“

„Es gab zwei Schulen: Die einen glaubten, die Subprime-Krise sei das Vorzeichen von etwas noch Schlimmerem, die anderen, es handle sich nur um die Korrektur des Marktes, eher gesund und ohne systemische Auswirkungen. Ich gehörte zur ersten Schule.“

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Tatsächlich verschlimmerte sich die Krise, die Pleite von Lehman Brothers am 15. September 2008 „war der Zünder“, sagte Trichet. Er und seine Zentralbankkollegen in den USA und weltweit „waren in einer Dauerkonferenz“. „Wir haben erläutert, dass die Pleite von Lehman katastrophale Folgen haben würde. Aber ich verstehe, dass die US-Regierung Lehman nicht retten wollte, wenn es keine privatwirtschaftliche Lösung gab.“ Die US-Regierung habe damals
nicht den politischen Willen gehabt, mit Steuergeldern einzuspringen. „Da habe ich mich auf die Katastrophe vorbereitet.“

Über die ad hoc-Maßnahmen hinaus geschah allerdings wenig. Nur wenige große Banken sind vom Markt verschwunden oder wurden gesundgeschrumpft. Auch heute sind viele Banken „too big to fail“ und müssten daher im Zweifelsfall wieder mit öffentlichen Geldern gerettet werden. Eine zweite Welle von Bankenrettungen im Ausmaß der Jahre 2008/09 könnten viele Staaten heute allerdings nicht mehr stemmen, ohne selbst ins Straucheln zu geraten. Risiken für die globale Finanzstabilität gibt es daher nicht nur bei den verschuldeten Schwellenländern, sondern auch im deregulierten Finanzsystem der weltweit führenden Industriemächte.

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