Sarkozy erläutert ‚Neugründung’des Kapitalismus [DE]

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Eine einheitlichere Wirtschaftsregierung für die Eurozone, strenge Regeln, um die derzeitigen Mängel des Kapitalismusmodells nach US-amerikanischer Art auszuräumen, stärkerer Schutz vor ausländischen Übernahmen sowie strengere Regeln für Steueroasen seien alle Teile der Pläne des französischen Präsidenten und Vorsitzenden des EU-Rats Sarkozy, wie er selbst den Mitgliedern des Europäischen Parlaments gestern (21. Oktober 2008) erzählte.

Das außerordentliche Treffen der Eurogruppe, bei dem die Staats- und Regierungschefs am Sonntag, 12. Oktober 2008 in Paris zusammenkamen, um den freien Fall der europäischen Börsen aufzuhalten, solle Sarkozy zufolge zur Regel werden. Er meinte sogar, dass die Finanzminister, die derzeit für die monatlichen Treffen der Eurogruppe verantwortlich sind, gar nicht genug tun könnten, um die dringendsten Problemfragen klären und das richtige Signal aussenden zu können. Die Eurozone könne nicht weiter bestehen, ohne über eine genau definierte Wirtschaftsregierung zu verfügen, erklärte er den Europaabgeordneten bei einer Plenarsitzung in Straßburg.

Eine dann vermutlich stärkere Eurogruppe solle die neue bestimmte Herangehensweise der europäischen Institutionen repräsentieren, um die Reform der Weltwirtschaft anzuschieben und ein neues Bretton Woods einzuführen, wie von diversen europäischen Regierungen in den letzten Wochen wiederholt gefordert wurde. Der erweiterte G8-Gipfel, der von Sarkozy für November 2008 einberufen wurde und vom scheidenden US-Präsident George Bush unterstützt wird, ist als Forum für die Einleitung des Revisionsprozesses vorgesehen (EURACTIV vom 20. Oktober 2008). 

Sarkozy betonte, dass die beste Zusammensetzung des Forums aus den G8-Staaten und den ‚G5’ bestehe, bei dem zu den größten Wirtschaftsmächten der Welt (USA, Deutschland, Frankreich, Japan, Großbritannien, Italien, Kanada und Russland) China, Indien und wahrscheinlich auch Brasilien, Südafrika und Mexiko stoßen würden. Spanien soll von den neuen Treffen zur Festlegung neuer Regeln für die Weltwirtschaft weiterhin ausgeschlossen bleiben. Der Unmut Madrids war bereits letzte Woche beim Europäischen Rat in Brüssel bemerkbar.

Ende der US-amerikanischen Vorherrschaft?

Unabhängig von der genauen Zusammensetzung des Gipfels steht bereits fest, dass Europa das derzeitige Finanzsystem auf Basis der US-amerikanischen Vorherrschaft in Frage stellen wird. Die Mängel dieses Systems wurden von Sarkozy als „Verrat des Kapitalismus“ bezeichnet. Man könne die zunehmenden Defizite der Weltmacht nicht weiter hinnehmen. Die US-Amerikaner hätten über drei Jahrzehnte hinweg über ihre Verhältnisse gelebt, erklärte der französische Präsident.

Wie bereits wiederholt angekündigt, wird die Reform, die der französische Staatschef fordert, mehr Regeln nach sich ziehen: Der Regulierung solle keine Finanzinstitution entgehen können, meinte er und meinte damit klar Private Equity und Hedge-Fonds; die Befugnisse der drei weltweit agierenden Ratingagenturen (Standard & Poor’s, Moody’s and Fitch) sollen nach ihren „skandalösen“ Zügen während der Krise eingeschränkt werden; die europäischen Banken sollten unterstützt von den Regierungen davon abgehalten werden, mit „Steueroasen“ zusammenzuarbeiten. Der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso fügte hinzu, dass Brüssel ins Auge fasse, verbesserte Modelle zur Regulierung zu entwickeln. Die Themen Managergehälter und Regeln für die Rechnungslegung wurden ebenfalls angesprochen.

Verhinderung ausländischer Übernahmen

In seiner leidenschaftlichen Rede vor dem Parlament verschonte Sarkozy auch die Staatsfonds nicht. Staatsfonds sind besondere Investmentfonds in Staatsbesitz, die sich insbesondere im Besitz Öl exportierende Länder wie Russland, Dubai und Katar befinden. Sie hatten für Unruhe bei den Regierungen geführt, weil jene den politischen Einfluss anderer Staaten auf „strategisch wichtige“ Sektoren wie Energie und Verteidigung befürchten.
Sarkozy argumentierte, dass die europäischen Staaten den Schutz nationaler Unternehmen vor den Staatsfonds-„Räubern“ erhöhen sollten, was vor allem durch die Entwicklung eigener Fonds geschehen solle. Die Länder, die solche Staatsfonds besäßen, könnten dann zusammenarbeiteten und so verhindern, dass europäische Banken und Unternehmen in die Hände ausländischer Investoren fielen, insbesondere vor dem Hintergrund des finanziellen Zusammenbruchs infolgedessen die Aktienkurse der meisten Unternehmen einen historischen Tiefpunkt erreichten. Ein Vorschlag Italiens, die Europäische Investitionsbank in einen europäischen Staatsfonds umzuwandeln, scheint mit Sarkozys Linie übereinzustimmen (EURACTIV vom 15. September 2008). 

Aus für Steueroasen?

Gemeinsam mit Deutschland und Großbritannien fordert Frankreich außerdem ein strengeres Vorgehen gegen Steueroasen. In seiner Rede vor den Europaabgeordneten betonte Sarkozy, dass es keiner Bank, die mit Regierungsgeldern arbeite, erlaubt sein dürfe, mit Steueroasen wie den Caymaninseln, Monaco oder Liechtenstein zusammenzuarbeiten.

Bei einem gesonderten Treffen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris erklärte der französische Finanzminster Eric Woerth, dass in einer Zeit, in der in großem Ausmaß das Geld der Steuerzahler für die Rettung des Finanzsystems beansprucht werde, nicht mehr länger hingenommen werden könne, dass es in genau diesem System weiterhin Steueroasen gebe.

Die Schweiz wurde besonders scharf kritisiert. Vor allem Deutschlands Finanzminister Peer Steinbrück betonte, dass die finanziellen Bedingungen in der Schweiz „deutsche Steuerzahler dazu einladen, in Deutschland Steuern zu hinterziehen“ und dass das Land deshalb auf die schwarze Liste für Steueroasen der OECD gehöre.

Es bleibt allerdings unklar, ob es je eine Einigung auf konkrete Maßnahmen rein auf EU-Ebene geben wird, da es in der EU selbst eine große Zahl solcher Steueroasen gibt. 

Der französische Präsident und derzeitige EU-Ratsvorsitzende Nicolas Sarkozy sagte dem Parlament, die Europäische Zentralbank müsse durch eine richtige Wirtschaftsregierung ergänzt werden. Dies sei im Sinne der Verträge. Die Eurogruppe solle durch die Staats- und Regierungschefs vertreten werden. Er forderte außerdem eine Reform des aktuellen Systems und sagte, man dürfe nicht länger hinnehmen, dass das Ansehen des internationalen Finanzsystems unter fehlender Transparenz, übertriebener Heimlichtuerei oder fehlender Regulierung leide.  

Der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso warnte, es gebe keinen nationalen Weg aus der Krise heraus. „Wir können nur gemeinsam schwimmen oder gemeinsam untergehen.“ 

Der Vorsitzende der EVP-ED-Fraktion und Europaabgeordnete Joseph Daul sagte im Parlament, dass Europa und der Rest der Welt seit dem Sommer zwei Mal mit schweren Krisen konfrontiert worden seien. Und beide Male habe Europa gezeigt, dass man mit einem gemeinsamen politischen Willen nicht nur in kurzer Zeit eine starke Haltung annehmen, sondern auch seine Partner in der Welt beeinflussen und führen könne. Natürlich sei die Finanzkrise noch nicht ausgestanden. In solchen Situationen könne man Regeln für die Zukunft erarbeiten, betonte Daul.

Der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im Europäischen Parlament Martin Schulz sagte während der Plenarsitzung: „Wir müssen die Chance nutzen! Was sich auf diesen Märkten abgespielt hat, darf sich nicht mehr wiederholen.“ Damit sich das nicht wiederhole, seien neue Regeln nötig. Er erwarte bis Jahresende entsprechende Vorschläge. 

Graham Watson, der Vorsitzende der ALDE-Fraktion, sagte, die derzeitige Krise sei das Ergebnis der fehlenden Transparenz und wirksamen Aufsicht der Märkte. In den vergangenen Wochen habe das globale Finanzsystem am Abgrund gestanden und es seien aufeinander abgestimmte Maßnahmen nötig gewesen, um es von dort wegzuholen. Er kritisierte, dass der Europäische Rat in der letzten Woche nicht in der Lage gewesen sei, klare Maßnahmen zur Verbesserung der europäischen Aufsicht von Finanzinstitutionen anzunehmen.

Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen Daniel Cohn-Bendit sagte, alle Krisen seien miteinander verbunden: die soziale, die Finanz- und die Umweltkrise. Man wisse, dass sie schon vor Jahren und nicht erst vor Monaten begonnen hätten, deshalb müsse man selbstkritisch sein. Vor einem Jahr habe die Kommission eine Regulierung des Finanzmarktes abgelehnt und heute spreche jeder darüber, den Finanzsektor zu restrukturieren, ohne zu erklären wie. Die Antwort sei, dass mein einen neuen Grünen ‚New Deal’ mit einer neuen ökologischen und wirtschaftlichen Basis brauche. Die Grünen forderten eine verpflichtende Offenlegung von Finanzströmen in Länder, die als Steueroasen bekannt sind. Man glaube, dass jede Bank, jedes Unternehmen und jede Einzelperson, die Geld in Steueroasen bringe, dies mit dem Wissen des Herkunftslandes tun sollte.  

Die weltweiten Finanzmärkte erlebten nach der Subprime-Krise am US-amerikanischen Hypothekenmarkt im August 2007 einen Abschwung. Zentralbanken wurden gezwungen, große Kapitalinjektionen vorzunehmen, um das System aufrechtzuerhalten und eine Liquiditätskrise abzuwenden. Die Situation entwickelte sich kritisch, da sich die Probleme auf die größeren Finanzmärkte ausweiteten. Diese weiteten sich auf einige der Top-Investitionen an der Wall Street aus und stürzten die USA in die Rezession. 

Während Europa anfänglich nicht sehr stark von den Turbulenzen betroffen war, griff die Krise Ende September auf den Kontinent über. Alle EU-Länder sahen sich gezwungen eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Banken vor dem Bankrott zu retten und einen Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern. So halfen die Regierungen unter anderem durch Zuführung neuen Kapitals, die Absicherung von Darlehen, die sich die Banken untereinander gewähren, die teilweise oder vollständige Nationalisierung einiger Banken und Einlagensicherungen, um den Verbrauchern ihre Ängste zu nehmen.

November 2008: Der von Sarkozy vorgeschlagene Gipfel der G8- und G5-Staaten findet statt, um über die Steuerung der Weltwirtschaft zu diskutieren. Der französische Präsident forderte ein mögliches hochrangiges Treffen auf EU-Ebene im Vorfeld des internationalen Gipfels.

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