Rückblick: Optimismus in Davos

IWF-Chefin Christine Lagarde (M.) und andere Zuhörer lauschen der Rede von US-Präsident Donald Trump am vergangenen Freitag. [World Economic Forum / Faruk Pinjo]

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos überwog vergangene Woche der Optimismus – trotz Bedenken bezüglich des EU-Integrationsprozesses und Risiken für die Weltwirtschaft.

Gerade die Europäer zeigten sich in Davos mit neuem Selbstbewusstsein. Der Kontinent hatte wie keine andere Region unter der globalen Finanzkrise gelitten. Zwei Rezessionen und sieben Bailouts innerhalb der EU führten zu großer Sorge in der Weltwirtschaft. Europas Probleme wurden durch die Gefahr, Griechenland könnte aus dem Euro austreten, sowie durch den Brexit weiter verlängert.

Doch in Davos war die Ansage jetzt: „Europe is back”. Der ehemalige Premierminister Schwedens Carl Bildt fasste zusammen: „Dieser Optimismus bezüglich der Situation in Europa ist eine der Dinge, die ich dieses Jahr mit nach Hause nehme.“

EU-Haushaltskommissar Günter Oettinger äußerte sich ähnlich: „Vor zwei Jahren, oder auch noch im vergangenen Jahr, gab es viele Bedenken, ob Europa nach dem Brexit vereint bleiben würde. Jetzt nehme ich aber große Erwartungen für die Zukunft wahr. Ich habe einen positiven Eindruck,” sagte er EURACTIV.com.

Davos: Warten auf die nächste Krise

Die Entwicklung der Menschheit sei in Gefahr und der wirtschaftliche Aufschwung kaschiere die Wurzeln der nächsten großen Krise, so das Weltwirtschaftsforum.

Dennoch bleiben Zweifel, ob in den kommenden Monaten konkrete Ergebnisse bei Reformen zur Stärkung der Eurozone erreicht werden können. „Das wird nicht geschehen,” meinte der Premierminister einer der euroskeptischsten Regierungen unter der Bedingung, nicht genannt zu werden, gegenüber EURACTIV. Seiner Meinung nach seien die Brexit-Verhandlungen und die ausbleibenden Reformen in einigen EU-Staaten die größten Hindernisse.

Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaitė kritisierte, einige EU-Mitglieder hätten „Angst“ vor mehr Integration. Während einer der Diskussionsrunden debattierte sie ausführlich mit dem ehemaligen Kommissionpräsidenten José Manuel Barroso (heute bei Goldman Sachs) über Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, die politische Zukunft von Angela Merkel sowie die Zukunft Europas.

No worries

Auch in Bezug auf die Lage der Weltwirtschaft war die Stimmung optimistisch. Die globale Elite schien die Einschätzung zu teilen, die Zukunft werde rosig. „Ich glaube, die größte Sorge ist, dass die Leute nicht besorgt sind,“ scherzte Mary Callahan Erdoes, Leiterin der Asset-Management-Abteilung von JPMorgan.

Auch aus Sicht des Internationalen Währungsfonds ist Selbstzufriedenheit die aktuell größte Gefahr. Es bestünden nach wie vor Risiken. So verwiesen einige Teilnehmer des Wirtschaftstreffens, dass es eine Blase bei den Preisen von Vermögenswerten gebe. Die Märkte würden sich eher früher als später anpassen.

„Einige Leute wollen sich gerne als Schwarzmaler geben und die nächste Krise voraussehen,“ kommentierte Wirtschafts-Nobelpreisträger Christopher Pissarides von der London School of Economics. Zwar erwarte er ebenfalls, dass es „eine kleine Korrektur auf den Märkten“ geben wird. Dies werde sich aber nicht auf das gesamte System auswirken.

„Wir müssen zwischen dem Konjunkturzyklus und den zugrundeliegenden strukturellen Problemen unterscheiden. Und ich sehe derzeit keine größeren Schieflagen, außer im Fall von China,” pflichtete ihm Paul Sheard, Chefökonom von Standard and Poor’s, bei.

Davos: CEOs optimistisch, IWF warnt

Die Weltwirtschaft wächst schneller als erwartet, doch der IWF warnt, die nächste Krise könnte schneller und heftiger kommen, als wir uns bisher vorstellen.

Krise im Anmarsch?

Viele Teilnehmer warnten jedoch, die nächste Rezession sei bereits erkennbar. Die Wahrscheinlichkeit für eine Wirtschaftsflaute in den kommenden zwei bis drei Jahren sei „hoch“, waren sich der Gründer und Präsident von Bridgewater, Ray Dalio, und Min Zhu, Vorsitzender des National Institute of Financial Research in China und ehemaliger hochrangiger IWF-Beamter, einig.

Der Chef von PwC International Bob Moritz verwies in einem Interview auf die Trennlinie zwischen „den großen Risiken“ und der florierenden Marktsituation. Unter diesen Risiken seien die hohen Schuldenstände auf der gesamten Welt.

Viel diskutiert wurde auch die Frage, was eine neuerliche Finanz- oder Wirtschaftskrise auslösen könnte. Die häufigsten Antworten waren dabei die expansive Geldpolitik, geopolitische Risiken und China.

Vorherrschend war die Befürchtung, die Zentralbanken könnten bald die Zinssätze erhöhen und somit die geldpolitische Ankurbelung der Wirtschaft schwächen. Konsum und Investitionen könnten fallen, wenn die Zeit des „billigen Geldes“ zu Ende geht. „Wir werden vorsichtig vorgehen,“ versprach deswegen Benoît Cœuré, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB).

Vor dem Hintergrund einer solchen ungewissen Monetärpolitik, hohen Schuldenständen, Blasen und geopolitischen Unwägbarkeiten riefen der IWF, die OECD und die EZB die Staaten auf, weiter an Reformen zu arbeiten und ihren finanzpolitischen Spielraum zu vergrößern.

Insbesondere müssten Reformen in der Bildung und Ausbildung geschafft werden. Dadurch würden nicht nur die Bürger befähigt, sich besser in einer instabilen Arbeitswelt zu behaupten, sondern Bildungsreformen seien auch wichtige Maßnahmen zur Reduzierung von Ungleichheit. Diese bestehende Ungleichheit wurde mehrfach als eine der größten Herausforderungen der Welt bezeichnet.

In einem Bericht hatte das Weltwirtschaftsforum schon vor dem Treffen gewarnt: Wenn es keine „fundamentalen Reformen des Marktkapitalismus“ gebe, sei die weitere Entwicklung der Menschheit in Gefahr.

Davos: "Es gibt keinen Wandel, wenn die Marktgesetze der Habgier weiter gelten"

Es wird keinen Wandel geben, wenn die Marktgesetze der Habgier weiterhin gelten, sagt die Ko-Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums Sharan Burrow.

Subscribe to our newsletters

Subscribe