No-Deal-Brexit Ängste führen zu Verunsicherung der Finanzmärkte

Während die Chancen auf einen "No Deal"-Brexit steigen, sind Analysten besorgt über weiterhin bestehende "Regulierungslücken". [Shutterstock]

Die zunehmende Aussicht auf einen „No Deal“-Brexit gibt Anlass zu neuen Bedenken, es gebe in Teilen des Finanzdienstleistungssektors noch immer „erhebliche“ Regulierungslücken zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich.

In einem am Dienstag veröffentlichten Bericht warnte die Association for Financial Markets in Europe (AFME), eine Interessengruppe der Branche, dass „zwar bereits sehr viel Arbeit geleistet wurde, um die Risiken sowohl von Unternehmen als auch von Regulierungsbehörden zu mindern, ein No-Deal-Brexit jedoch wahrscheinlich erhebliche Auswirkungen auf den Finanzdienstleistungssektor haben wird und die regulatorischen und operativen Herausforderungen weiterhin bestehen“.

In den letzten Wochen wurden nur wenige Minderungsmaßnahmen ergriffen; und die Zeit für die Regierung von Theresa May wird knapp. Sowohl Boris Johnson als auch Jeremy Hunt, die beiden Kandidaten im Wettbewerb um die Nachfolge von May als Premierminister, haben versprochen, die Austrittsvereinbarung neu zu verhandeln oder die EU Ende Oktober ohne einen Deal zu verlassen. Die Entscheidung, wer von den beiden Premierminister wird, fällt kommende Woche.

Die britische Finanzdienstleistungsbranche ist nach wie vor eine der wirtschaftlich wichtigsten, und die Hauptstadt London ist mit Abstand das größte Finanzdienstleistungszentrum Europas.

Brexit: Londoner Banker wollen nicht umziehen

Auch wenn die Konditionen des Brexit noch unklar sind, steht eins fest: Viele Banker wollen London gar nicht verlassen. Der Ausstieg aus der EU wird damit teuer für sie.

Die Befürchtung, dass sich das Vereinigte Königreich einem No-Deal-Brexit nähert, hat zu einem Wertverlust des Pfunds geführt. In dieser Woche erreichte die britische Währung den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahren.

AFME fügte hinzu, auch der geplante Brexit-Termin am 1. November, der auf einen Freitag fällt, könnte für den Sektor ein Problem darstellen.

„Dies wird zusätzliche operative Herausforderungen mit sich bringen, insbesondere die Veröffentlichung des Codes für die neue Berichterstattung zur Wochenmitte, da die Unternehmen kein Wochenende haben werden, an dem sie die Systeme wechseln können“, heißt es in dem Bericht.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung vergangene Woche erklärte Johnson, dass die Kosten für einen No-Deal-Brexit „schwindend preiswert“ seien. Dem gegenüber bestehen nach wie vor große Unsicherheiten über die Aussichten auf einen No-Deal an den Finanzmärkten und eine Reihe von Regulierungslücken.

Johnson vs. Hunt: Mit Optimismus zu einem schönen Brexit

Das einzige Hindernis für einen erfolgreichen EU-Austritt sei Mutlosigkeit: Mit Ansichten wie diesen will Boris Johnson britischer Regierungschef werden. Sein Kontrahent Jeremy Hunt setzt mehr auf politische Details. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle fasst zusammen.

Dazu gehört vor allem der Status der wichtigen Partner, die den Handel an den Aktien- und Derivatemärkten erleichtern.

Rund 1,4 Billionen Euro an europäischen Vermögenswerten werden in Großbritannien verwaltet, und mehr als doppelt so viele Euro als in der gesamten Eurozone werden im Vereinigten Königreich gehandelt

Im Februar gab die Europäische Wertpapieraufsichtsbehörde (ESMA) bekannt, dass drei in Großbritannien ansässige wichtige „Gegenparteien“ (sogenannte Central Counterparties, CCPs) – LCH Limited, ICE Clear Europe Limited und LME Clear Limited – für die Erbringung ihrer Dienstleistungen in der Europäischen Union im Falle eines No-Deal-Brexits anerkannt werden.

Die Entscheidung über die Gleichwertigkeit läuft jedoch am 30. März 2020 aus, und britische CCPs sind gesetzlich verpflichtet, drei Monate vorher zu kündigen.

Der Status der CCPs ist eine Entscheidung der Europäischen Kommission, die entweder die Gleichwertigkeitsentscheidung ändern oder verlängern könnte. Andere Fragen, wie z.B. die Vorschriften über Aktien- und Derivatehandelsverpflichtungen, werden jedoch erfordern, dass sich sowohl die EU-27 als auch das Vereinigte Königreich darauf einigen, einander die Gleichwertigkeit zu gewähren.

„Die britische Regierung hat ihre Vorgehensweise in diesen Fragen noch nicht dargelegt“, erklärte ein Marktanalyst jedoch gegenüber EURACTIV.

Marktbeobachter erwarten eine rege Aktivität der neuen britischen Regierung und Regulierungsbehörden nach dem Amtsantritt des neuen Premierministers am 23. Juli. Derweil müssen auf der anderen Seite laut Branchenquellen noch rund zehn EU-Mitgliedstaaten nationale Notfallmaßnahmen für ein No-Deal-Szenario einführen.

„Es wurde viel getan, um das Risiko eines ungeregelten Brexits zu verringern. Aber angesichts der Aussicht auf einen No-Deal in etwas mehr als drei Monaten ist es wichtig, dass die Regulierungsbehörden in der EU und im Vereinigten Königreich weiterhin zusammenarbeiten und Klarheit über die noch offenen Fragen schaffen,“ mahnte Oliver Moullin, der AFME-Geschäftsführer für Brexit und Leiter der Abteilung Recovery and Resolution.

Londons Bänker, grüne Vorreiter?

Vergangene Woche hat Großbritannien als erstes großes Industrieland ein Gesetz verabschiedet, seine Emissionen bis 2050 auf Null zu senken. Jetzt veröffentlicht London eine Strategie, wie es das globale Finanzkapital in klimafreundliche Projekte umleiten will. Londons Bänker und Umweltschutz – das soll in Zukunft weniger paradox klingen.

Vergangene Woche hatte die Bank of England mitgeteilt, es gebe zwar eine gewisse Verbesserung bei der Vorbereitung der britischen Wirtschaft auf einen No-Deal-Brexit, die wirtschaftlichen Risiken eines No-Deal-Szenarios hätten sich dadurch aber nicht wirklich vermindert.

„Der Wille zur Finanzstabilität bedeutet nicht, dass der Markt auch wirklich stabil ist. Die Märkte werden sich anpassen – und zwar möglicherweise ganz erheblich . wenn es einen No-Deal-Brexit gibt,“ warnte der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney.

Carney fügte hinzu: „Das garantiert auch keine wirtschaftliche Stabilität. Selbst bei einer reibungslosen Anpassung wäre es immer noch eine große wirtschaftliche Umstellung, ein großer wirtschaftlicher Schock – und zwar praktisch augenblicklich, von jetzt auf gleich.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Britta Weppner]

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.