Monte dei Paschi, Italiens Sündenfall

Das Hauptquartier der Monte dei Paschi di Siena. [Paolo Querci/shutterstock]

Vor zwei Jahren rettete der italienische Staat Monte dei Paschi mit Milliarden vor dem Untergang. Doch noch immer gehen von der Bank Risiken aus, die bezeichnend sind für das Land. Portrait einer Institution, die seit 500 Jahren nicht totzukriegen ist.

Sie hatten ihm geraten, sich warm anzuziehen. Dennoch hat Italiens Finanzminister Pier Carlo Padoan an diesem Tag nur einen Blazer über das am Kragen offene Hemd gezogen. Schließlich möchte er auf keinen Fall den Eindruck erwecken, hier im toskanischen Siena etwas befürchten zu müssen. Aber seine ersten Sätze, die er hier unter Parteifreunden an einem Tag Ende Januar spricht, klingen nach Rechtfertigung. „Monte dei Paschi ist eine Erfolgsgeschichte und wird noch viel zum Wachstum von Siena und ganz Italien beitragen“, sagt Padoan in ein schweigendes Halbrund an Zuhörern. Als er merkt, dass die Herzen ihm nicht gerade zufliegen, spricht er weiter, wird eindringlicher: „Ich bin zuversichtlich, dass die Bank schon bald keine Staatshilfen mehr braucht. Schon bald wird sie wieder alleine bestehen können.“

Italiens Finanzminister ist von jeher nicht um seine Aufgabe zu beneiden: die hohen Staatsschulden, die Ausgabenfreude seiner Ministerkollegen, der Druck der europäischen Partner. Pier Carlo Padoan aber hat in diesen Tagen zudem einen besonderen Kampf auszutragen: Sein Spitzenkandidat, der Sozialdemokrat Matteo Renzi, hat ihm aufgetragen, sich für die Parlamentswahlen am Sonntag im Wahlkreis Siena für ein Direktmandat zu bewerben.

Ausgerechnet Padoan in Siena. Dort residiert eben jene Banca Monte dei Paschi, die älteste Bank der Welt, und seit zwei Jahren Europas größte Sorgenbank. Nur mit viel Einsatz von Staatsgeld konnte Padoan die Bank vor eineinhalb Jahren vor dem Zusammenbruch bewahren. Allerdings mussten Sparer, Institutionen und Unternehmen aus der Region Siena ebenfalls einen Teil tragen. Was den Minister nicht beliebter machte.

Das eine Lager in Siena trägt ihm nach, dass sein Rettungskurs, der den Staat zum größten Aktionär der Bank machte, Arbeitsplätze und Wertschöpfung in der Region koste. Das andere Lager bemängelt, dass er nicht konsequent genug mit den alten Seilschaften, die die Pleite der Bank herbeiwurstelten, aufräumt.

Das Hin und Her zeigt, dass die älteste Bank der Welt alles Mögliche ist, aber sicher nicht endgültig gerettet. Im Gegenteil: Zwar ist es Padoan, ehemals Chefökonom der Industrieländer-Organisation OECD und Wirtschaftsprofessor, gelungen, Italiens Bankensektor insgesamt zu stabilisieren und konsolidieren. Zum Teil durch kreative Auslegung Brüsseler Richtlinien, als er der zweitgrößten italienischen Bank Intesa Sanpaolo mit Steuergeld bei der Übernahme einiger nordöstlicher Volksbanken half. Zum Teil durch brachialen Druck, als er etwa die Genossenschaftsbanken zum Zusammenschluss zu zwei Großverbänden zwang. Doch ausgerechnet die größte Bankenbaustelle des Landes, Monte dei Paschi, gilt als eher notdürftig verarztet.

Wer schaut, was in Siena passierte und wie das Problem seitdem behandelt wurde, lernt nicht nur viel über den Zustand in Italiens Bankenbranche. Sondern über den Lauf der Dinge im ganzen Land, das sich am Sonntag bei den Parlamentswahlen wohl eine einmalige Hängepartie zusammenwählen wird.

Ein Drama in drei Akten.

1. Akt: Mit voller Kraft in den Untergang

Es war Ende der 1990er Jahre und der Finanzkapitalismus hatte seine lukrativste Zeit noch vor sich, als man sich in Siena ein Konstrukt ausdachte: Die 1472 gegründete Banca Monte dei Paschi sollte aus quasi-staatlicher Trägerschaft herausgelöst werden. Eine gewisse Zahl der Anteile sollte an Private gehen, die Mehrheit von mindestens 51 Prozent aber an eine zu gründende Stiftung. Die Geburtsstunde der Fondazione Monte dei Paschi, so steht es in den Geschichtsbüchern.

Der Deal war einfach: In den Stiftungsgremien saßen Vertreter von Politik, Wirtschaft, Kirche, Kultur, Wissenschaft und Vereinen aus der Region – alles fachfremde Herrschaften, die in ihrem ganzen Unwissen mit Hilfe ihres Mehrheitsanteils den Bankern der Banca Monte dei Paschi den Rücken für irrwitzige Expansionspläne freihielten. Im Gegenzug bedankten sich die Manager, indem sie jährlich hübsche Gewinne auf die Anteile der Stiftung ausschütteten.

Die Stiftung saß zwischenzeitlich auf einem Kapitalstock von 7,5 Milliarden Euro. Das erlaubte es, in guten Jahren, mal 120, mal 150, auch mal 180 Millionen Euro über der Stadt und ihren Bürger auszuschütten. Zwei Milliarden Euro flossen so zwischen 2000 und 2011 von der Bank an die Stiftung in die Stadt mit gerade mal 55.000 Einwohnern. Es entstand eine gotisches Gigantopia, der Prototyp des perfekten Italiens: Tolle Landschaft, pompös sanierte Häuser, kostenloser Nahverkehr, beste Kultur. Dazu der beste Basketballverein des Landes, ein Fußballerstligist, eine Top-Universität.

So hätte es immer weitergehen können, wenn die Gremien der Bank vor lauter Geldausgeben nicht versäumt hätten, ihren Bankmanagern etwas genauer in die Bücher zu schauen. Die wollten nämlich vor allem eins: Nicht nur die älteste Bank der Welt verwalten, sondern auch eine der größten.

Aufseher nehmen 48 europäische Banken genauer unter die Lupe

Die europäische Bankenaufsicht EBA will in den kommenden Monaten insgesamt 48 europäische Großbanken auf Herz und Nieren prüfen.

Die Chance, ihre Wachstumsphantasien zu erfüllen, sahen die Banker 2007: Die Großbank ABM Amro musste ihre italienische Tochter Banca Antonveneta verkaufen. Eine überschaubare Bank, die aber über in Teilen einen attraktiven Kundenstamm verfügte. Man war sich mit der Pariser Großbank BNP Paribas einig, das Institut für sieben Milliarden Euro zu verkaufen. Da kamen die Toskana-Banker dazwischen und boten neun Milliarden. Ohne Not zwei Milliarden über dem nächst niedrigen Angebot, muss das denn sein?, fragten die Herren in den Aufsichtsgremien. „Wenn wir weiter wachsen, können wir noch mehr ausschütten“, antworteten die Banker. Wer hätte da Nein gesagt?

Den Kauf finanzierten die Anteilseigner über eine Kapitalerhöhung. Leider legte die Finanzkrise recht offen, wie sehr sich die angehenden Weltbanker aus Siena verschätzt hatten. Um das den eigenen Aufsehern zu verheimlichen, schloss man schnell eine ganze Reihe an Derivategeschäften ab. Leider verstand man die selbst nicht, weswegen diese Geschäfte die Löcher nicht stopften, sondern vergrößerten. Am Ende machte man, was man zu dieser Zeit als Banker von Welt eben machte: Man ging zum Staat und erbat von dort Geld zur Lösung der Probleme.

Der Staat schickte zwar Geld, aber nur unter der Prämisse, den Filz aus Stiftung und Bank zu zerschlagen, den alten Vorstand abzusetzen. Beim Blick in die Bücher stieß das neue Management auf allerlei Unschönes, weswegen sich ein Großteil der Stadt-Elite mit juristischen Ärgernissen herumschlagen musst: Bürgermeister und Bankmanager sind genauso angeklagt wie ehemalige Stiftungsfunktionäre. Beim örtlichen Basketball-Manager fand man 1,2 Millionen Euro in bar. Der ehemalige Pressechef der Bank brachte sich mit einem Sprung aus dem Fenster selbst ums Leben.

Seitdem ist in Siena wenig, wie es war: Die Universität hat ein Drittel der Studenten verloren, das von der Stiftung bezahlte Siena Biotech-Centre meldete Insolvenz an. Statt mehr als 100 Millionen Euro schüttete die Stiftung zwischen 2013 und 2015 gar kein Geld mehr aus, in 2016 und 2017 immerhin kleinere einstellige Millionenbeträge.

2. Akt: Rettung auf Raten

Fabrizio Viola ist der Mann, dem Stiftung und Regierung in Rom fortan zutrauen, die Bank zu retten. Ein Mann, der in Italien schon allerlei Fäden zog und die Bank in ruhigere Fahrwasser bringen soll. Doch: Viola tut sich schwer. Denn er trifft in Siena auf einmaliges System, das zwar erschüttern aber nicht zerstört ist. Die Sieneser selbst nennen es „groviglio armonioso“, das harmonische Geflecht. Eine Verknotung aus wirtschaftlicher, politischer und ökonomischer Elite, die sehr schön veranschaulicht, welche desaströsen praktischen Folgen der recht abstrakte Begriff der Systemrelevanz entfalten kann und wie unreformierbar eine Bank ist, die eine giftige Symbiose mit der sie tragenden Gesellschaft eingegangen ist.

Jedenfalls ist bis heute nicht überliefert, ob Viola die Bank nicht reformieren wollte oder ob er jenes Geflechts nicht reformieren konnte: Mitte 2016 stand sie jedenfalls erneut vor der Pleite und Viola, der mittlerweile auch eine venezische Volksbank in den Abgrund steuerte, vor der Ablösung. Ein Bericht der Europäischen Zentralbank stellte fest, dass die Bank zwar juristisch die Vergangenheit aufgearbeitet habe, aber bei weitem nicht ökonomisch – und deswegen frisches Kapital brauchte.

Monte dei Paschi: Comeback einer Krisenbank

Die älteste Bank der Welt ist gestern an die Börse zurückgekehrt. Die Pleite wurde vor zehn Monaten durch eine umstrittene Rettungsaktion abgewendet.

Und da kommt Pier Carlo Padoan, der heutige Wahlkämpfer ins Spiel. Nachdem eine Suche nach privaten Kapitalgebern recht erfolgslos blieb, entschloss sich der Finanzminister zum Sündenfall. Obwohl sich Europas Finanzminister einst schworen, nie wieder Banken mit Steuergeldern zu retten, ließ Padoan den Staat einsteigen. Mit einem acht Milliarden Euro schweren Rettungspaket wendete er den Kollaps der altehrwürdigen Institution ab. Nachrangige Anleihen wurden in Eigenkapital umgewandelt, die Inhaber damit unfreiwillig zu Aktionären.

Um keinen Volksaufstand zu riskieren, zahlte Padoan gleichzeitig 1,5 Milliarden Euro zur Entschädigung von Kleinanlegern, denen die Anleihen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als sicheres Investment verkauft worden waren.

Der Staat will nun langfristig an seiner Beteiligung festhalten, in der Hoffnung letztendlich mit Gewinn aussteigen zu können. Für Padoan ist das bis heute der einzige gangbare Weg. Italiens Bankensektor insgesamt sei so stabilisiert worden. Wer das nicht sehe, leide unter einer „verzerrten Interpretation der Tatsachen oder Vorurteilen“.

3. Akt: Und wenn sie nicht gestorben sind…

Marco Morelli heißt der Mann, der nun im Auftrag des Staates dafür sorgen soll, dass die älteste Bank der Welt nicht nur eine große Geschichte, sondern auch eine Zukunft hat. Der Vorstandschef der Banca Monte dei Paschi ist damit bisher eher so halbweit gekommen. Zwar werden die Aktien des Instituts mittlerweile wieder an den Märkten gehandelt. Und zwar sagt ein Aufsichtsratsmitglied: „Die Bank steht so gut da wie nie. Vor allem weil sie ein Geschäftsmodell hat, das eindeutig auf Kredite und Dienstleistungen für Mittelständler und Familien aus der Region setzt.“

Doch klar ist auch: Die reinen Zahlen untermauern diese Sicht noch nicht wirklich.

Trotz Abbaus von 5500 Arbeitsplätzen: Die Bank will nicht in die schwarzen Zahlen kommen. 3,5 Milliarden Euro betrug der Verlust im vergangenen Jahr und war damit noch höher als im Jahr zuvor, als er bei 3,2 Milliarden gelegen hatte. Allein im vierten Quartal belief sich der Verlust auf 502 Millionen Euro. Und der Wert der faulen Kredite ist sogar leicht angestiegen. Tot geglaubte leben länger? Im italienischen Bankensektor offenbar nicht. Stattdessen stellt sich die Frage: Lässt sich ein Problem auf Dauer lösen, indem man seine Wurzeln nicht angeht sondern aus politischen Gründen übertüncht?

„Wir arbeiten weiter an unserem Restrukturierungsplan, den wir im vergangenen Jahr vorgestellt haben“, sagt Morelli. Der sieht vor, dass bis 2021 jede fünfte Stelle gestrichen werden soll und die Schließung von 600 der 2000 Filialen. Seit Beginn 2017 wurden 435 Filialen geschlossen. „Wir müssen die Bank wieder auf die Füße stellen. Und das ist ein Prozess, der mehrere Jahre dauert, das wissen wir“, sagt Padoan.

Als die neue Präsidentin des Verwaltungsrats der Bank, Stefania Bariatti, jüngst gefragt wurde, ob sie weitere böse Überraschungen in den Büchern der Bank ausschließen könne, antwortet sie knapp: „Absolut“. Die Frage ist, wer das nach einem Jahrzehnt voller Krise noch glaubt? Die Märkte jedenfalls eher nicht, die Bank kämpft weiter um das Vertrauen von Investoren.

Zudem sich seit einigen Wochen ein Gerücht hält: Italienische Medien berichten, dass eine Fusion bevorstehe mit einer anderen Bank oder sogar eine Fusion mehrerer Banken. Genannt wurde UBI Banca, die Geschäftsbank aus Bergamo, drittgrößte im Land nach Börsenkapital mit einem Marktanteil von mehr als sieben Prozent. Von dort kam postwendend ein hartes Dementi. Allerdings drängt Minister Padoan seit Monaten die gesamte Branche zu Fusionen und Kooperationen: Die Genossenschaftsbanken mussten sich zwei Dach-Banken zuordnen, andere mussten Unterschlupf bei Großbanken finden. Dieser Weg hat sich für die meisten bewährt. „Die gesamte Branche ist deutlich aufgeräumter als noch vor einem Jahr“, sagt Riccaord Barbieri, Chefvolkswirt im italienischen Finanzministerium.

Darauf setzt auch sein Chef Padoan beim Versuch, die Sieneser Wähler für sich zu gewinnen. Als vor einem Jahr die Bankenbranche noch in Trümmern lag, sinnierte er offen über einen Rückzug aus der Politik. Jetzt will er es nochmal wissen und baut darauf, dass die Wähler vor allem den positiven Teil seiner Bilanz sehen. Wer ihn dabei beobachtet, kann sich manchmal des fatalen Eindrucks einer Parallele zu einer anderen Berühmtheit, die einmal in Siena gewirkt habe soll, nicht erwehren.

Von der Stadtheiligen Sankt Katharina sagt man, sie habe keine Mühe gescheut, den Mächtigen ins Gewissen zu reden. Sie kritisierte Eigennutz, verdammte Verschwendung und kämpfte gegen Hochmut. Und trotz ihrer Mahnungen blieb Katharina von Siena illusionslos. Die Welt, befand sie kurz vor ihrem Tod, schaffe im Grund nur eins: Leiden. Das habe Gott so gewollt, um den Weg zu ihm ins Jenseits besonders erstrebenswert scheinen zu lassen.

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