Der europäischen Wirtschaft scheine ein neuerlicher Abschwung bevorzustehen, da Deutschland, Spanien und Großbritannien voraussichtlich in eine Rezessionsphase geraten würden. Das geht aus Schätzungen der Kommission hervor, die gestern (10. September 2008) vorgestellt wurden. Diese Neuigkeit wird wahrscheinlich die Stimmung bei den Gesprächen der EU-Finanzminister in Nizza dämpfen, wo die schwächelnde Wirtschaft und die Krise der Finanzmärkte auf der Agenda stehen wird.
Die Kommission hat ihre Wachstumsprognose für die Europäische Union für dieses Jahr auf 1,4% (1,3% für den Euroraum) korrigiert, nachdem im April noch 2% bzw. 1,7% Wirtschaftswachstum vorhergesagt worden waren. Das größte EU-Wirtschaftsland Deutschland erregt am meisten Besorgnis, denn dort wird für das zweite Quartal in Folge ein Abschwung vorhergesagt (-0,5% für das zweite und -0,2% für das dritte Quartal). Es wird davon ausgegangen, dass sich die Wirtschaft in den nächsten Monaten nur wenig erholt.
Gleiches gilt für Großbritannien und Spanien, während die Prognosen für Frankreich und Italien etwas besser aussehen. Doch selbst die Wirtschaft in diesen Ländern sei nicht stark genug, um die aufsteigenden Ängste vor einer Rezession zu beschwichtigen, betonte der luxemburgische Finanzminister Jean-Claude Juncker, Vorsitzender der regelmäßigen Treffen mit seinen Amtskollegen aus den Ländern der Eurozone.
Die Konjunkturabschwächung werde stärker ausfallen und länger anhalten als zunächst angenommen, meinte Juncker gestern vor Europaabgeordneten.
Bei der Vorstellung der jüngsten Zahlen beschrieb Joaquin Almunia, EU-Kommissar für Wirtschaft und Währung, das Klima als „schwierig und unsicher“ und meinte, die anhaltenden Turbulenzen auf den Finanzmärkten und die „Energiepreise, die sich im gleichen Zeitraum nahezu verdoppelt haben“, hätten zweifellos „bei der Wirtschaft Spuren hinterlassen“.
Vor dem Wirtschaftsausschuss des Parlaments gab sich Jean-Claude Trichet, Vorsitzender der Europäischen Zentralbank, optimistischer und meinte, dass man nach dem schwachen Wirtschaftswachstum, mit dem man sich derzeit konfrontiert sehe, wieder mit einem schrittweisen Aufschwung rechnen könne.
Er schien besorgter über den zunehmenden Lohndruck in Ländern wie Deutschland, wo die größte Gewerkschaft eine Lohnsteigerung von 7% bis 8% fordert. Trichet mahnte Arbeitgeber und Regierungen, solchen Forderungen nicht nachzugeben, um eine weitere Verstärkung des Inflationsdrucks zu verhindern.
Die Inflationsrate innerhalb der Eurozone sank im August leicht auf 3,8%, nachdem sie im Juli Rekordhöhen erreicht hatte, wie die Kommission mitteilte. Die Entwicklung der Öl- und Lebensmittelpreise in den nächsten Monaten habe einen maßgeblichen Einfluss darauf, ob die Wirtschaften in den Ländern der Eurozone die Konjunkturschwäche bewältigen könnten, erklärte Trichet.
Almunia forderte eine schnelle Umsetzung der Pläne zur Wiederherstellung der Stabilität der Finanzmärkte und das Vertrauen in diese. Auf die Pläne hatten sich die EU-Finanzminister im letzten Oktober geeinigt (EURACTIV vom 10. Oktober 2007). Zudem sprach er sich dafür aus, die öffentlichen Haushalte weiter zu konsolidieren, um die Belastung zukünftiger Generationen nicht noch zu erhöhen.

