Grüner Finanzsektor wünscht sich Verbindlichkeit bei EU-Taxonomie

Auch in Frankfurt ist der Trend angekommen: Die Finanzwelt sucht nach einer standardisierten Klassifizierung, welche Investionen als nachhaltig gelten dürfen - und welche nicht. [EPA/FRANK RUMPENHORST]

Immer mehr Anleger treffen ihre Investitionsentscheidungen anhand von Nachhaltigkeitskriterien. Klimarisiken werden in Zukunft mitentscheiden, ob sich eine Anlage auszahlt – oder eben nicht. Einheitliche Standards für die Bewertung von Unternehmen fehlen aber bislang. Die neue EU-Taxonomie soll das bald ändern. Doch die Finanzwirtschaft meldet Nachbesserungsbedarf bei den Entwürfen und fordert mehr Verbindlichkeit.

Der Vortragssaal ist bis zum letzten Platz besetzt, ein Anzug neben dem anderen. An der Frankfurt School of Finance and Management haben sich Investoren, Unternehmer und Berater zusammengefunden um ein Thema zu besprechen, das derzeit auch in der Finanzwelt Hochkonjunktur hat: Das Klima. Und genauer: Was der EU-Aktionsplan für Sustainable Finance für die Branche bedeutet.

Etwa erhofft man sich mehr Klarheit in der Regulierung, was denn eigentlich als nachhaltig eingestuft werden darf, sagt Jan-Menko Grummer, Partner beim Wirtschaftsprüfer Ernst & Young.

„Wenn wir wirklich schnell nachhaltig handeln wollen, im Industriebereich, im Unternehmensbereich, dann brauchen wir nachhaltiges Investieren. Denn das ist Treibstoff in der Maschine unserer Gesellschaft“, fügt er hinzu. Das Kapital suche sich immer den besten Wirten. Die Frage sei nur, wie man den besten Wirt erkennen könne.

Ein Boost für das grüne Finanzwesen

Die sogenannte Technische Expertengruppe für nachhaltige Finanzanlagen hat drei Berichte über Klassifizierungen, Standards für grüne Anleihen und Klimaindikatoren veröffentlicht.

Denn derzeit steht die Finanzwelt vor der Herausforderung, dass in vielen Fällen gar nicht einschätzbar ist, wie „grün“ die eigene Investition denn ist. Dazu stehen häufig zu wenige Informationen über die jeweiligen Unternehmen zur Verfügung. Dazu fehlt die Zeit und Expertise, die Effekte eines Projekts umfassend zu bewerten. Daher ist die Etablierung einheitlicher Standards eines der Hauptziele des EU-Aktionsplans.

Allerdings bahne sich das Problem an, dass dennoch zwei Definitionen von nachhaltigen Investitionen gelten könnten, warnt Lars Röh, Anwalt bei der Kanzlei lindenpartners. Einerseits die Kategorisierung nach der Taxonomieverordnung, und andererseits jene nach der Offenlegungsverordnung, wobei erstere die Messlatte weit höher legt als letztere. Jedenfalls werde es spannend, welche Produkte, die heute als nachhaltig gehandelt werden, dann durch welches „Nadelöhr“ passen, so Röh.

Das langfristige Ziel sei, dass die Taxonomie den Maßstab setze, erklärt Sven Giegold, Mitglied des Europa Parlaments, wirtschafts- und finanzpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion, der mit Videoübertragung aus dem Europaparlament in Straßburg zur Konferenz zugeschaltet wurde

Jährlicher Investitionsbedarf von 190 bis 270 Milliarden Euro

Nach Abschluss des Pariser Klimaabkommens und der UN-Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung war schnell klar, dass das benötigte Kapital dazu nicht allein aus öffentlichen Haushalten kommen werden könne. In Europa würde jährlich ein Investitionsbedarf zwischen 190 und 270 Milliarden Euro bestehen, um die Ziele zu erreichen.

So beauftragte die EU-Kommission eine High Level Expert Group on Sustainable Finance (HLEG) damit, Wege auszuarbeiten, um Privatkapitalanlagen zu mobilisieren und das europäische Finanzsystem in Richtung Nachhaltigkeit zu lenken. 2018 lag dann der Aktionsplan vor, seither wird an der weiter an Umsetzung gearbeitet. Ende März dieses Jahres einigte sich das EU-Parlament auf eine gemeinsame Position zur Taxonomie, in den nächsten Wochen wird ein Abschluss im Ministerrat erwartet. Auch an einem Green Bond Standard wird aktuell gefeilt.

Mithilfe dieser Strategie, die in Brüssel derzeit ausdiskutiert wird, solle nicht bloß die grüne Nische reguliert werden, sondern vor allem auch das Kapital aus klimaschädlichen Bereichen herausgeholt werden, sagt Giegold. „Wir wollen nicht nur ein Stück grünen Kuchen. Wir wollen die ganze Bäckerei begrünen.“

"Wir müssen nachhaltige Finanzprodukte aus der Nische holen"

Kristina Jeromin, die Leiterin des Nachhaltigkeitsmanagements der Deutschen Börse erzählt über die zunehmende Einmischung von Aktionären in die Tätigkeiten der jeweiligen Unternehmen und erklärt, warum sie Greenwashing-Vorwürfe für destruktiv hält. Ein Interview.

Der Finanzsektor sei für den ökologischen Umbau der Wirtschaft ein besonders interessanter Partner. Denn der finanziere strikt nur Investitionen, die sich auch rechnen, so Giegold: „Und es rechnet sich nur, wenn wir konsequente Umweltpolitik machen. Nur wenn Signale wie etwa eine CO2-Steuer gesetzt werden, kann sich die grüne Finanzsektor ausbreiten.“ Denn grüne Finanzmärkte seien kein Ersatz für Klima-Politik, sondern abhängig von den starken Rahmenbedingungen.

Das gelte auch für die Offenlegungspflichten. Etwa müssen große Banken ihre Klima-Risiken nach den aktuellen Regelungen bereits offenlegen – das gleiche brauche es nun für Versicherungen und großen Fonds und nicht für einzelne ökologische Finanzprodukte, sagt Giegold.

Damit die neuen EU-Regulierungen aber greifen, bräuchte es Verbindlichkeit, fordert auch Fabian Lander, Head of Corporate Finance and Sustainability bei VW Immobilien. Die derzeitigen Auflagen seien zu weich formuliert, da gebe es noch zu viel Interpretationsspielraum, fügt er hinzu.

Jedoch wehrt sich die deutsche Bundesregierung aktuell gegen die Verbindlichkeit der Taxonomie. „Das muss sich ändern“, so Giegold. Es ist eine Forderung, die das EU-Parlament wiederholt gestellt hat.

KI für die Bewertung von Unternehmen

Neben den strengeren Klassifikationen gibt es auch weitere Trends in der Branche, um zu versuchen, den Kunden einen verlässlicheren Überblick über die Aktivitäten einer Firma zu verschaffen. So arbeitet der niederländische Asset Manager NN Investment Partners etwa derzeit an einem Datensatz und Algorithmus, um Unternehmen automatisch mithilfe von Künstlicher Intelligenz einzuordnen und von anderen ähnlichen Unternehmen auf Neue zu schließen, bis dann tatsächliche Daten zu demjenigen Unternehmen zur Verfügung stehen, erklärt Analyst Daniel Peter.

Die Suche nach verlässlichen Nachhaltigkeitskriterien – sie wird immer relevanter. Denn nur mit einheitlichen Standards könne genügend Kapital für die Erreichung der Pariser Klimaziele mobilisiert werden, da ist man sich heute in der Frankfurt School of Finance and Management einig. Es müsse klar sein, welche Risiken mit welchen Investitionen einhergehen. Denn letztendlich geht es hier nur um eines: Ums Geld. 

 

Mehr Effizienz und mehr Geld für den Klimafonds

Beim Green Climate Fund müssen Entscheidungen nicht mehr einstimmig getroffen werden. Gleichzeitig bleibt die Genehmigung neuer Finanzierungsprojekte aber kompliziert.

Business as usual in der Erdölindustrie

Tiefwasseröl in Aserbaidschan und Angola, Ölsandvorkommen in Kanada, riskante Explorationen in der Arktik. Mineralölfirmen haben seit vergangenem Jahr 50 Milliarden US-Dollar in Projekte gesteckt, welche die Pariser Klimaziele unterlaufen. Immer mehr Aktionäre halten solche Investitionen für zu riskant.

Londons Bänker, grüne Vorreiter?

Vergangene Woche hat Großbritannien als erstes großes Industrieland ein Gesetz verabschiedet, seine Emissionen bis 2050 auf Null zu senken. Jetzt veröffentlicht London eine Strategie, wie es das globale Finanzkapital in klimafreundliche Projekte umleiten will. Londons Bänker und Umweltschutz – das soll in Zukunft weniger paradox klingen.

 

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.