EZB bemüht sich um Entspannung auf den Finanzmärkten [DE]

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Die Wall Street hat gestern (15. September 2008) die größten Verluste seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hinnehmen müssen. Die Europäische Zentralbank (EZB) versuchte deshalb, die Lage mit einer Finanzspritze von 30 Milliarden Euro für die europäischen Geldmärkte etwas zu entspannen.

EU-Kreise bevorzugen ein weniger interventionistisch geprägtes Vorgehen als die USA, weil sie glauben, dass es nicht immer möglich sei, Firmen aus ihrer Misere zu retten. Sie beeilten sich jedoch hinzuzufügen, dass auch in Europa Maßnahmen zur Stabilisierung der Märkte ergriffen würden.

Der Lehmann-Fall sei ein Schock. Gleichzeitig demonstriere er aber auch eine gewisse Ausgewogenheit, die zeige, dass der amerikanische Staat nicht fortlaufend alle Unternehmen, die sich in einer Krise befinden, retten könne, so die französische Finanzministerin Christine Lagarde am Montag. Sie fügte hinzu, dass die EU Mechanismen in Gang gesetzt habe, die es den Märkten ermögliche einer Destabilisierung und ernsthaften Funktionsstörung zu entgehen.

EZB stellt Gelder zur Verfügung

Die Europäische Zentralbank beschloss vor allem, den Banken 30 Milliarden Euro an Tagesgeld zur Verfügung zu stellen – mit hoher Nachfrage. Der EZB zufolge hätten 51 Banken im Rahmen des kurzfristigen eintägigen Refinanzierungsgeschäft (Refi) Kredite in Höhe von insgesamt 90,27 Milliarden Euro erbeten. Den Liquiditätsbedarf kommerzieller Banken in der Eurozone schätzt sie auf 118 Milliarden Euro.

Die Bank of England gab ebenfalls bekannt, etwa 6 Milliarden Euro aus Rücklagen zur Verfügung zu stellen. Sie will so den britischen Banken, die der Lehmann Bank Geld geliehen hatten, etwas mehr Spielraum geben, um ihre Verluste abschätzen können.

Zinssenkung möglich?

Eine Erklärung der EZB ließ außerdem verlauten, dass die Bank bereit sei, zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen, falls nötig. Sie erklärt, dass sie die Lage auf den Geldmärkten der Eurozone weiterhin „sehr genau“ beobachte und bereit sei, zu geregelten Marktverhältnissen beizutragen.

Man müsse extreme wachsam sein, meinte EZB-Chef Jean-Claude Trichet in einer Rede am Montag (15. September 2008) in Frankfurt.

Bisher hat die EZB ihre Tätigkeiten zur Erhöhung der Liquidität und ihre Zinssatz-Politik immer klar voneinander getrennt, um einer Inflation zuvorzukommen, was die Hauptaufgabe der Bank ist.

Der Financial Times zufolge könnte sich der Trend ändern. Die Zeitung zitiert Jacques Cailloux, einen Volkswirtschaftler der Royal Bank of Scotland, der meinte, mit dem steigenden Risiko von Rückkopplungseffekten der Finanzkrise auf die restliche Wirtschaft könnte eine solche Trennung in zunehmendem Maße nicht mehr haltbar sein. Obgleich die EZB sichtlich zögere, Zinssenkungen in Erwägung zu ziehen, schließe ihr Verhalten in der letzten Zeit einen solchen Schritt nicht aus.

Auch der Chefökonom von UniCredit wurde zitiert. Er erklärte, dass die derzeitige Kreditknappheit den Druck auf die EZB und damit die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Zinssenkung durch die EZB erhöhe.

Ebenfalls möglich ist, dass die EZB mehr Spielraum für Zinssenkungen sehen könnte, nachdem die Krise dafür sorgte, dass freie Makler riskante Vermögenswerte wie Verbrauchsgüter abstießen, wodurch die Ölpreise gestern (15. September 2008) auf 94 Dollar pro Barrel und damit auf den tiefsten Stand seit sieben Monaten zurückfielen. Die niedrigeren Ölpreise könnten in der Tat den Inflationsdruck im Westen etwas abmildern.

Im August 2007 waren die internationalen Finanzmärkte ins Schleudern geraten, da eine große Zahl von Kreditnehmern mit zweitklassiger Bonität (Subprime) in den USA ihre Hypotheken nicht zahlen konnten.

Die Situation entwickelte sich kritisch, da sich die Probleme auf die größeren Finanzmärkte ausweiteten, und diese sich auf einige der Top-Investitionen an der Wall Street auswirkten.

Am Wochenende des 13. und 14. September 2008 verschärften sich die Turbulenzen an den Finanzmärkten der USA, als ein weiteres Traditionsunternehmen der Wall Street, die Investmentbank Lehmann Brothers, ihr Vorhaben ankündigte, Insolvenz anzumelden. Am gleichen Tag gab ein anderer riesiger Finanzkonzern, Merril Lynch seine Zustimmung zur Übernahme durch die Bank of America, um einem solchen Schicksal zu entgehen (EURACTIV vom 15. September 2008)

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