Expertengruppe empfiehlt EU-Standards für grüne Anleihen

Wichtig wäre aus Sicht der Experten insbesondere die Schaffung eines offiziellen EU-Nachhaltigkeitsstandards für grüne Anleihen. [Sean MacEntee/Flickr]

Europäische Nachhaltigkeitsklassifizierungen, Definition von Investitionsschwerpunkten, eine klare Darlegung der Pflichten von Investoren sowie die Schaffung eines offiziellen EU-Nachhaltigkeitsstandards für grüne Anleihen – das sind einige die Vorschläge, die Finanzexperten der EU-Kommission am gestrigen Mittwoch vorgelegt haben.

Die hochrangige Expertengruppe zu nachhaltiger Finanzierung, die ihren Bericht gestern vorstellte, hat das Ziel, „die EU-Wirtschaft nachhaltiger auszurichten,“ erklärte ein Kommissionsbeamter.

Vor dem Hintergrund des amerikanischen Rückzugs aus dem Pariser Klimaabkommen hat Europa sich dazu entschieden, voranzugehen und zu garantieren, dass mehr Finanzressourcen für „grüne“ Projekte bereitgestellt werden.

Nach Schätzungen der Ratingagentur Standard & Poor’s wird der Markt für grüne Anleihen dieses Jahr um mehr als 30 Prozent wachsen und einen Wert von 200 Milliarden US-Dollar erreichen. Bereits im vergangenen Jahr kamen die meisten grünen Anleiheemissionen (Wert: rund 60 Milliarden Dollar) aus Europa.

Doch dies ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die 20-köpfige Expertengruppe empfiehlt daher, der europäische Finanzsektor müsse Umweltkosten verstärkt integrieren und mehr Gelder für nachhaltige Finanzierungen bereitstellen.

Christian Thimann von AXA, der der Expertengruppe vorsitzt, erklärte: „Unser Wirtschaftsmodell funktioniert nicht so, wie es funktionieren sollte.“ Gegenüber Journalisten machte er deutlich: „Der Finanzsektor spielt eine wesentliche Rolle.“

In dem im Dezember 2015 unterzeichneten Klimaabkommen von Paris wurde zum ersten Mal diese „wesentliche Rolle“ unterstrichen, die der Finanzsektor bei der Bekämpfung des Klimawandels spielen kann.

Nachhaltigkeitschef von AXA: Strafen für Investitionen in fossile Brennstoffe denkbar

Die Hochrangige Sachverständigengruppe für nachhaltige Finanzierungen der Europäischen Kommission erörtert derzeit die Vor- und Nachteile von Strafen auf Anlagen und Investitionen in fossile Brennstoffe, erklärt Christian Thimann im Exklusiv-Interview mit EURACTIV.

Standards

Da die Nachfrage nach grünen Investitionsprodukten in Europa wächst, müsse die Kommission offizielle europäische Nachhaltigkeitsstandards und -zertifikate entwickeln, um sicherzustellen, dass die getätigten Investitionen tatsächlich zu den formulierten Umweltzielen beitragen, fordert die Expertengruppe.

Um ein entsprechendes Zertifikat oder Label für grüne Anleihen zu erhalten, dürften die bereitgestellten Gelder „ausschließlich“ zur Finanzierung oder Refinanzierung von grünen Projekten im Sinne einer neuen europäischen Nachhaltigkeits-Taxonomie verwendet werden. Darüber hinaus sollten Standards für grüne Anleihen geschaffen werden, die von einer „unabhängigen und anerkannten“ externen Prüfinstitution überwacht werden.

Die Schaffung einer solchen Taxonomie oder Klassifizierung müsse eine der ersten Prioritäten sein, um „Marktkonsistenz“ zu garantieren, so Thimann. Er erläuterte: „Wenn Europa im großen Stil Kapital für nachhaltige Entwicklung mobilisieren will, dann braucht es ein technisch robustes Klassifizierungssystem, mit dem auf dem Markt Klarheit darüber geschaffen wird, was „grün“ oder „nachhaltig“ ist. Dadurch wird die Markteffizienz erhöht; die Investitionen würden tatsächlich auf nachhaltige Projekte umgeleitet und „Greenwashing“ würde vermieden.“

Langfristigkeit

Aus Sicht der Experten müssten auch die Pflichten der Investoren klar benannt werden, erläuterte Thimann: Es sei Pflicht der Investoren, „nicht nur kurzfristige Gewinne, sondern auch langfristige Herausforderungen im Blick zu haben“. Die Spannungen zwischen der natürlichen Schnelllebigkeit der Finanzmärkte und der erwünschten „Langfristigkeit“ grüner Anlagen müssten angesprochen werden.

In dieser Hinsicht schlagen die Finanzexperten in ihrem Bericht vor, sich Maßstäbe auf den Renten- und Aktienfondsmärkten als Beispiel zu nehmen. Mit diesen wird die Performance von Märkten und Portfolios bewertet. Solche Indikatoren hätten einen „indirekten, aber wichtigen Einfluss“ auf die Kapitalströme, seien bisher aber „nicht zwangsläufig auf Nachhaltigkeitsziele ausgerichtet.“

Außerdem empfehlen die Experten, in diesen Maßstäben mehr Transparenz und eine eher langfristige Perspektive mit klaren Umweltzielen festzulegen.

Die EU-Kommission zeigte sich mit den Ergebnissen des Expertenberichts zufrieden. Sie überträfen sogar die Erwartungen, sagte ein Beamter. Im März will die Kommission einen Aktionsplan vorlegen, in dem zumindest ein Teil der Vorschläge aus dem Expertenbericht integriert werden soll.

Juncker-Plan bei grünem Investment nicht erfolgreich

Eine Expertengruppe der Kommission hat eine neue Plattform angeregt, über die Kapital mit grünen Projekten verknüpft werden soll.

Regulierung

Bereits im vergangenen September hatte die Kommission vorgeschlagen, den drei zuständigen europäischen Aufsichtsbehörden mehr Macht zu geben, damit sie privates Kapital vermehrt in Richtung grüne Investitionen lenken können.

Eine Idee ist dabei, dass die Europäische Wertpapieraufsichtsbehörde, die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung sowie die Europäische Bankenaufsichtsbehörde kontrollieren können, wie Finanzinstitutionen bestimmte Faktoren „identifizieren, mitteilen und angehen“, um damit die „finanzielle Tragfähigkeit und Stabilität“ zu stärken.

Der Vorschlag wird aktuell diskutiert. Kommissionsbeamte haben bereits darauf hingewiesen, dass für die Umsetzung die Mandate der Aufsichtsbehörden nicht verändert werden müssten. Die besagten Behörden hätten bereits „sehr positives Feedback“ zum Vorschlag gegeben.

Derweil hat das Europäische Parlament vorgeschlagen, den erforderlichen Kapitalpuffer für grüne Investitionen herabzusetzen. Befürworter argumentieren, das Einbeziehen von Klima-, Umwelt- und anderen langfristigen Faktoren „könnte einen sehr positiven Einfluss auf die Risikoanalysen“ haben.

Kommissions-Vizepräsident Valdis Dombrovskis, der für Finanzthemen zuständig ist, erklärte, die Kommission stehe dieser Idee „positiv-offen“ gegenüber. Sie müsse allerdings überprüfen, wie die Idee umgesetzt werden könnte, ohne die Finanzstabilität zu gefährden. Außerdem müsse ein EU-weit harmonisierter Ansatz gewählt werden.

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Positionen

Wim Mijs, Geschäftsführer des Europäischen Bankenverbands: „Dies ist ein wichtiger Moment, auch für den Bankensektor. Um Dienste an der Gesellschaft zu erbringen, müssen Banken konstruktiv arbeiten können, wenn es darum geht, den Kampf gegen den Klimawandel und für eine Dekarbonisierung der Industrie zu führen. Das können Banken nur leisten, wenn es klare Definitionen und Regeln gibt, die auch die Finanzstabilität sichern. Diese aktuellen Empfehlungen sind der Startpunkt dafür.”

Bethan Livesey, Politikexpertin bei ShareAction: „Wir freuen uns besonders über den starken Fokus auf klar definierte rechtliche Pflichten. Dafür kämpft ShareAction seit 2010. Es ist gut, zu sehen, dass die EU in diesem Bereich Führungskraft zeigt. Wir rufen die Kommission dazu auf, nun einen starken Gesetzesvorschlag vorzulegen.“

Michael Collins, CEO von InvestEurope: „Das Privatkapitalmodell für aktives Management macht verantwortungsbewusstes Investment bereits möglich. Eine praktische Umsetzung hängt vom Kontext und dem jeweiligen Marktsegment ab, denn Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen sind breit gefächert, die Industrie ist divers und viele Entscheidungen hängen von den Umständen für die individuelle Investition ab. Vor diesem Hintergrund muss jegliche rechtlich bindende Lenkung genug Flexibilität für Anleihen verschiedenster Art und Größe bieten, damit von Fall zu Fall entschieden werden kann.“

Simon Lewis, Geschäftsführer von AFME: „Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Diese Pläne für eine Minderung der Kapitalkosten der Banken für grüne Investitionen könnten - vorausgesetzt, sie entsprechen den angenommenen Risiken - einen wichtigen Beitrag zur Schaffung einer Kapitalmarktunion leisten (...) Es ist sehr wichtig, dass die Kapitalmärkte Sozial- und Umweltverträglichkeit fördern und wir freuen uns, in dieser Hinsicht mit den europäischen Institutionen zusammenarbeiten zu können.“

Zeitstrahl

  • Early March: the European Commission will unveil an action plan to support sustainable finance.

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