Eine Bankkarte für ganz Europa

Ein einheitliches, EU-weites System könnte die Abhängigkeit von internationalen Platzhirschen wie Mastercard und Visa verringern. [Sean MacEntee / Flickr]

Die EU-Kommission will im Herbst eine Strategie für einen integrierten Zahlungsverkehrsmarkt in der EU vorlegen. Dieser soll die Nutzung nationaler Zahlungsdienste in der ganzen Union erleichtern und die Abhängigkeit von internationalen Kartenanbietern wie Visa oder Mastercard verringern.

Der einheitliche Euro-Zahlungsraum (Single Euro Payments Area, SEPA) ermöglicht bereits heute einheitliche Überweisungen und Lastschriften für über 500 Millionen BürgerInnen in der EU. Ein SEPA für Bankkarten ist dennoch noch weit von der Realität entfernt, da die nationalen Kartensysteme und Banken offenbar nach wie vor keinen Geschäftsnutzen darin sehen, Barrieren für Konnektivität und Interoperabilität zu überwinden sowie gemeinsame Standards zu setzen.

Der sich schnell verändernde Bereich der Sofortzahlungen, der durch neue Technologieunternehmen aufgemischt wird, könnte nun jedoch eine gute Gelegenheit bieten, um schneller einen einheitlichen Raum für europäische Karten zu erreichen, so die Europäische Zentralbank (EZB). Dies würde letztlich sowohl den Karteninhabern als auch dem Einzelhandel zugute kommen.

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Vor diesem Hintergrund werde erwartet, dass die Kommission im Herbst eine Strategie vorlegt, die darauf abzielt, „einen innovativen, integrierten und wettbewerbsfähigen Massenzahlungssektor in Europa zu schaffen, der mit globalen Unternehmen konkurrieren kann“, erklärte ein EU-Beamter, der anonym bleiben wollte, gegenüber EURACTIV.com.

Die EU-Exekutive wird auch eine neue „digitale Finanzstrategie“ vorlegen, so das aktuelle Arbeitsprogramm der Kommission. Um den Weg für die Gesetzgebung zu ebnen, soll in Kürze eine öffentliche Konsultation über (internationale) Zahlungen und Transaktionen eingeleitet werden.

Weniger Abhängigkeit von Visa & Mastercard

Der EU-Beamte erklärte weiter, dass aufgrund der Fragmentierung der nationalen Kartensysteme selbst die stärksten und größten Anbieter in der EU Dienstleistungen anbieten, die nur innerhalb der einzelnen Mitgliedstaaten funktionieren. Folglich „müssen sie sich mit größeren internationalen Anbietern, die nicht europäisch sind, zusammenschließen, wenn sie europaweite Zahlungen anbieten wollen“.

Die Absicht, die Abhängigkeit von Global Playern wie Visa oder Mastercard zu verringern, steht auch im Einklang mit dem neuen übergeordneten Ziel der EU, die „europäische Souveränität“ zu stärken.

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Die EZB hat den möglichen Weg in die Zukunft bereits skizziert: Ihr Target Instant Payment Scheme (TIPS), das im November 2018 präsentiert wurde, könnte die nötige „Dynamik“ schaffen, um die nationalen Isolationen aufzubrechen, glaubt die Zentralbank.

Die in Frankfurt am Main ansässige Institution betont dabei, dass TIPS „ein Weg sein könnte, um die Vernetzung und Interoperabilität der nationalen Kartensysteme zu unterstützen und, wenn eine vollständige paneuropäische Abdeckung gewährleistet ist, eine mögliche Alternative zur Einrichtung eines europäischen Kartensystems bieten würde.“ So heißt es in einem im April vergangenen Jahres veröffentlichten Bericht.

Ebenfalls eingebracht wurde die Idee, ein gemeinsames europäisches Logo für die neuen Systeme zu verwenden, um so die Akzeptanz der neuen paneuropäischen Karten zu unterstreichen.

Eine Welt voller Konkurrenz und Wettbewerb

Die Schaffung einer paneuropäischen Karte wäre eine Neuheit auf dem sich schnell verändernden Markt für Zahlungsverkehr. Schon die zweite Zahlungsdiensterichtlinie war als ein „Wendepunkt“ bezeichnet worden, der diesen Sektor nach Ansicht von EU-Beamten, Banken und Start-ups im Finanzsektor deutlich offener gemacht hat: Da die Banken durch die EU-Gesetzgebung gezwungen waren, die Daten ihrer KundInnen mit neuen Start-ups und Finanzdienstleistern zu teilen, öffnete sich der Zahlungsmarkt für Neueinsteiger und ermöglichte so neue Dienstleistungen und günstigere Preise.

EU-Beamte räumten allerdings auch ein, dass vor allem die zunehmend größere Rolle der „Big Tech“-Firmen und die Erwartungen der VerbraucherInnen zu Veränderungen im Zahlungsökosystem führen. Die jüngste Sensation in dieser Hinsicht war die Ankündigung von Facebook, noch in diesem Jahr eine eigene digitale Währung mit dem Namen Libra einzuführen.

Von Seiten der G7-Staaten wurden umgehend „schwere Bedenken“ angemeldet.

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Facebook dürfte allerdings noch viel Arbeit vor sich haben, um die Anforderungen der Regulierungsbehörden für seine Kryptowährung Libra zu erfüllen.

Dennoch geht auch die EZB davon aus, dass Libra ein „Weckruf“ für die Zentralbanken war. Schließlich könnte der Stablecoin von Facebook eine innovative – und günstigere – Zahlungsoption für die NutzerInnen darstellen.

Sechs Zentralbanken, darunter die EZB und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, untersuchen aktuell selbst die mögliche grenzüberschreitende Nutzung derartiger digitaler Währungen. „Insbesondere wollen wir prüfen, ob eine digitale Währung der Zentralbank einen eindeutigen Sinn und Zweck für die Öffentlichkeit erfüllen und die Ziele der EZB unterstützen könnte,“ sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde vergangenen Monat in einem Interview.

Gemeinsam zur SEPA-Karte

Angesichts der von den Neueinsteigern gebotenen Kostenvorteile betonen die bisherigen Platzhirsche den Mehrwert, den sie (aktuell noch) bieten. Kreditkarten, die mit einem Anteil von rund 52 Prozent an allen bargeldlosen Transaktionen in der EU immer noch die am häufigsten verwendete elektronische Zahlungsart sind, bieten demnach Komfort, Geschwindigkeit und vor allem Sicherheit.

Angesichts der zunehmenden Sättigung des Zahlungsmarktes betonte die EZB in ihrem Bericht vom vergangenen Monat dennoch erneut, dass „eine vertiefte Zusammenarbeit und ein Dialog zwischen den relevanten Marktakteuren, insbesondere zwischen den etablierten und neuen Marktteilnehmern, in hohem Maße unterstützt wird“.

Die EZB möchte, dass der zunehmende Wettbewerb in Kooperation umschlägt. Denn dann könnte ein echter einheitlicher Euro-Zahlungsraum tatsächlich eines Tages Realität werden.

(Bearbeitet von Benjamin Fox und Tim Steins)

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