Ein Boost für das grüne Finanzwesen

Valdis Dombrovskis, Kommissar für den Euro und den sozialen Dialog, beim Brussels Economic Forum 2019.

Nachhaltigen Finanzierungen in Europa haben am Dienstag einen zusätzlichen Schub erhalten: Die sogenannte Technische Expertengruppe (TEG) für nachhaltige Finanzanlagen veröffentlichte drei Berichte über Standards für grüne Anleihen, Klimaindikatoren und Klassifizierungen (die sogenannte „Taxonomie“).

Die drei Berichte, die ein wesentlicher Bestandteil des EU-Aktionsplans für ein nachhaltiges Finanzwesen sind, sollen die Grundlage für die Entwicklung neuer Regulierungsrahmen für den Finanzsektor bilden. Die Europäische Kommission hat außerdem eine neue Leitlinie zur Berichterstattung über „klimabezogene Unternehmensinformationen“ für große börsennotierte EU-Firmen veröffentlicht.

Die Technische Expertengruppe (TEG) für nachhaltige Finanzanlagen war von der Europäischen Kommission im Juni 2018 eingerichtet worden und setzt sich aus 35 Mitgliedern sowie vier Beobachtern aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und dem Finanzsektor zusammen. Dazu kommen weitere Mitglieder und Beobachter aus den EU- und anderen internationalen öffentlichen Institutionen. Die Arbeit der TEG wurde offiziell bis Ende 2019 verlängert.

Grüne Finanzanlagen werden immer beliebter

Immer mehr Investoren verfolgen inzwischen sozialverträgliche und verantwortungsbewusste Ansätze, so Phillippe Desfossé im Interview mit EURACTIV Frankreich.

Die Berichte sollen es der Europäischen Union ermöglichen, zusätzliche 175 bis 290 Milliarden Euro pro Jahr an privaten Investitionen anzuziehen, um damit den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft zu unterstützen. Mit diesen Geldern würden demnach Projekte finanziert, die durch öffentliche Investitionen nicht abgedeckt werden können.

Die drei Berichte sind eng miteinander verknüpft und zielen darauf ab, Harmonisierung und Kohäsion auf einem nach wie vor stark fragmentierten europäischen Markt zu erreichen. Außerdem sollen Transparenz, Glaubwürdigkeit und Nutzbarkeit nachhaltiger Finanzinstrumente verbessert werden, wie Marktbeobachter betonen.

„Das Ziel ist es, die gesamte Wirtschaft abzudecken, nicht nur die dunkelgrüne Nische,“ erklärt Alyssa Heath, Senior Policy Analyst bei Principles for Responsible Investment (PRI), die an der Ausarbeitung der Berichte beteiligt war. „Wir haben jetzt ein Stadium erreicht, in dem wir die Anleger ermutigen können, sich anzusehen, was dieses Taxonomie-Modell für sie bedeutet,“ fügt sie hinzu.

Die Vereinheitlichung des Marktes für nachhaltige Finanzprodukte soll auch den Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten – auf diesem weiterhin wachsenden Markt, auf dem das europäische Finanzkapital bereits konkurriert – minimieren.

„Wir befinden uns in einem Wettlauf um Klimainvestitionen. Ein Wettlauf um die Hunderte von Milliarden Euro an privatem Kapital, die jährlich benötigt werden, um die Klima- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen,“ sagt auch Sean Kidney, CEO der Climate Bonds Initiative. „Die EU-Taxonomie wird klarstellen, was genau zu tun ist; und es somit Investoren und Banken erleichtern, nachhaltige Finanzmärkte in Europa aufzubauen.“

Expertengruppe empfiehlt EU-Standards für grüne Anleihen

Unter anderem schlagen die Finanzexperten klare Klassifizierungen und offizielle EU-Nachhaltigkeitsstandards für grüne Anleihen vor.

Gegen Greenwashing

In den Berichten geht es auch um Greenwashing. Der Ausdruck bezeichnet irreführende Angaben über den Umweltnutzen eines Produkts oder einer Dienstleistung. Solche Praktiken haben sich als ein großes Hindernis erwiesen, das die Glaubwürdigkeit und das Wachstumspotenzial von nachhaltigen Finanzprodukten beeinträchtigen kann.

„Wir sind sicher, dass unsere Arbeit den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft sehr effektiv erleichtern wird und dabei sicherstellt, dass es kein Greenwashing mehr gibt,“ zeigte sich Sandrine Dixson-Declève, die für den Taxonomie-Bericht verantwortlich zeichnet, optimistisch.

Allerdings gebe es in den Berichten noch immer einige erhebliche Lücken, die es zu beheben gelte, fügte die Expertin hinzu: „So konnte die TEG beispielsweise keine Komplettbewertungen von Schlüsselindustrien wie dem Bergbau oder der Modeindustrie durchführen.“

Die TEG-Empfehlungen in Kürze:

Die TEG empfiehlt die Schaffung von zwei Arten von Klimaindikatoren, einem "EU Climate Transition Benchmark (EU CTB)" und einem "EU Paris-aligned Benchmark (EU PAB)". Sie schlägt auch eine genaue Definition von Offenlegungspflichten in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance vor, die für alle Investitionsstandards gelten sollen.

Die Empfehlung folgt der am 25. Februar zwischen dem Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten erzielten Einigung über die Schaffung zweier neuer "Kategorien von Referenzwerten für CO2-arme Investitionen".

Marktbeobachter stellen in dieser Hinsicht fest, dass diese Vereinbarung seit Februar erhebliche Änderungen erfahren habe. Dies schlage sich auch im TEG-Vorschlag nieder. Auffällig sei insbesondere die geforderte hohe Flexibilität für Anleger sowie die Maßnahmen zur Vermeidung von Greenwashing.

Die TEG empfiehlt dementsprechend die Verwendung des höchsten Klassifizierungsstandards ("Bereich 3") für die Überwachung der Treibhausgasemissionen eines Unternehmens.

Zur Erläuterung: Der GHG Protocol Corporate Standard klassifiziert die Treibhausgasemissionen eines Unternehmens in drei Bereiche. Emissionen im Bereich 1 sind direkte Emissionen aus eigenen oder kontrollierten Quellen; Bereich 2 beinhaltet indirekte Emissionen, beispielsweise in der Erzeugung von zugekaufter Energie; während Bereich 3-Emissionen alle indirekten Emissionen (neben den in Bereich 2 enthaltenen) einschließt, die in der Wertschöpfungskette auftreten.

Die TEG wird im September 2019 einen Abschlussbericht veröffentlichen, der von der EU-Kommission als Grundlage für Rechtsakte zur Verordnungsänderung verwendet werden soll.

Der Bericht schlägt den Entwurf eines europäischen Standards für grüne Anleihen (den European Green Bond Standard, EU-GBS) vor. In diesem Entwurf sollten Zweck und Zielsetzung eines solchen Standards festgelegt werden. Die TEG empfiehlt ferner die Einrichtung eines zentralen Akkreditierungssystems für externe Prüfer sowie die Einführung von gewissen Anreizen, "um das Wachstum der Ausgabe von grünen Anleihen und die Verbindungen zu anderen nachhaltigen Finanzierungsinstrumenten in einem breiteren Kontext zu fördern".

Der EU-GBS soll auch in die parallel von der EU-Kommission eingeleiteten Arbeiten zu einem möglichen EU-Umweltzertifikat für Finanzprodukte einfließen. Dieses Label soll nach aktuellem Stand allerdings freiwillig und unverbindlich sein.

Der Taxonomiebericht legt die Grundlage für ein zukünftiges EU-Klassifizierungsrecht. Die sogenannte EU-Taxonomie ist ein Klassifizierungsinstrument, das Investoren und Unternehmen bei der Identifizierung kohlenstoffarmer Wirtschaftsaktivitäten unterstützen soll.

Diese Taxonomie dürfte wohl auch dazu beitragen, den Übergang zu Netto-Null-Emissionen bis 2050 zu unterstützen. Dieses Ziel wird von einer wachsenden Zahl von Mitgliedstaaten befürwortet und möglicherweise beim bevorstehenden EU-Gipfel (20./21. Juni) bereits festgelegt.

Der 414-seitige Bericht der TEG enthält eine technische Überprüfung von 67 verschiedenen Wirtschaftstätigkeiten, die einen wesentlichen Beitrag zu den Klimaschutzzielen in den Bereichen Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Produktion, Energie, Verkehr, Wasser, Abfall und Gebäude leisten können.

Außerdem wird ein "stärkerer" Rahmen für die Überwachung der Anwendung der europäischen Taxonomie gefordert. Dies sei auch notwendig, damit die europäische Klassifizierung den realen Anforderungen entspricht, betonen Marktbeobachter.

Darüber hinaus enthält der neue Taxonomiebericht auch eine spezielle Methodik, die sich mit den Umwelt- und Klimaauswirkungen befasst, die Projekte auf andere Ziele haben können. Ein gutes Beispiel dafür ist die Atomenergie, die eindeutige Vorteile bei der Emissionsminderung bietet, aber gleichzeitig große Risiken in Bezug auf Lagerung und Abfall mit sich bringt.

"Deshalb werden Investitionen in die Kernenergie von der TEG nicht empfohlen," erklärt Sandrine Dixson-Declѐve. In dieser Hinsicht müsse man aber beispielsweise auch den Bau von Dämmen hervorheben, da diese schwere Umweltauswirkungen haben können, fügt sie hinzu.

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