Die EZB-Präsidenten: Europas heimliche Könige

Die EZB in Frankfurt: Hier konzentriert sich viel Macht. [European Central Bank / Flickr]

Heute vor 20 Jahren nahm die Europäische Zentralbank ihre Arbeit auf. Mario Draghi tritt im kommenden Jahr ab. Einen heimlichen Favoriten gibt es längst.

Am Anfang stand ein klassischer europäischer Kompromiss: Den Chefposten bei der neu gegründeten Europäischen Zentralbank (EZB) bekam im Sommer 1998 nicht etwa ein Deutscher oder ein Franzose, sondern der Niederländer Wim Duisenberg. Auf den Tag genau vor 20 Jahren trat er sein Amt an. Abgesehen vom Gerangel um das Spitzenpersonal wurde die EZB als eines der bedeutendsten Projekte der europäischen Wirtschaftsgeschichte fast unbemerkt in die Tat umgesetzt: die Gründung einer gemeinsamen Zentralbank und somit das gemeinsame Einstehen für eine stabile Währung im Euroraum.

Ende Oktober 2019 scheidet Duisenbergs Nach-Nachfolger Mario Draghi nach acht Jahren aus. Dann wird der vierte Präsident – oder die erste Präsidentin – die Führung der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt übernehmen. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann gilt als heimlicher Favorit. An der Qualifikation des 50-Jährigen gibt es keine Zweifel. Der einst enge Mitarbeiter von Bundeskanzlerin Angela Merkel  hat sich seit 2011 an der Spitze der Notenbank und als Mitglied des EZB-Rates bewährt, er genießt international hohes Ansehen. Und die Aufgabe reizt Weidmann, was er indirekt betont. „Jedes Mitglied im EZB-Rat sollte den Gestaltungswillen mitbringen, auch in einer anderen Rolle der Geldpolitik mitzuwirken“. Ohnehin wäre ein Deutscher eigentlich an der Reihe – meint man zumindest hierzulande.

Der Neue wird aus dem Norden kommen

Eine offizielle Rückendeckung für einen Kandidaten Weidmann aus Berlin fehlt bislang. Das hat, glaubt Michael Schubert, EZB-Kenner der Commerzbank, auch damit zu tun, dass die Regierung dann Zugeständnisse machen müsste, etwa für eine europäische Haftungsunion. Zudem sind auf europäischer Ebene in nächster Zeit mehrere Spitzenjobs zu vergeben.

Sicher ist, dass der neue Präsident aus dem Norden kommen wird. Zum 1. Juni wird der Spanier Luis de Guindos Vizepräsident der EZB. Zwei Südeuropäer an der Spitze, so das ungeschriebene Gesetz, geht nicht. Neben Weidmann werden der estnische Notenbank-Chef Ardo Hansson, sein finnischer Kollege Errki Liikanen, der Ire Philip R. Lane und der Niederländer Klaas Knot gehandelt. Auch der französische Notenbank-Präsident Villeroy de Galhau würde das Amt gern übernehmen. Genannt wird auch der ehemalige EU-Währungskommissar Olli Rehn. Doch es gibt auch bei einigen Kandidaten Hindernisse: Liikanen gilt mit dann 69 Jahren als zu alt, ein Niederländer und ein Franzose waren bereits Präsident und Lane will angeblich EZB-Chefökonom Peter Praet beerben.

Jens Weidmann: Der Anti-Draghi?

Nächstes Jahr wird der EZB-Chefsessel frei. Die Spekulationen über die Draghi-Nachfolge beginnen. Ein streitbarer Name taucht häfiger auf: Jens Weidmann.

EZB-Kenner bringen noch einen Namen in die Debatte: Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Sie kommt zwar auch aus Frankreich, wäre aber die erste Frau, die Ratssitzungen im 41. Stock des Euro-Doppelturms in Frankfurt leiten würde. Noch ist alles offen. Eine Entscheidung über die Nachfolge Draghis fällt frühestens Anfang 2019.

Wim Duisenberg: Der Niederländer mit dem Schalk im Nacken

Kein Deutscher durfte erster Präsident der Europäischen Zentralbank sein, schließlich war Frankfurt zum Sitz des Instituts bestimmt worden. Auch Frankreich und Italien sollten nicht zum Zuge kommen, meinte die Mehrheit der damals elf Eurostaaten. So fiel die Wahl auf Wim Duisenberg, den großgewachsenen Niederländer, Wirtschaftsprofessor und Ex- Finanzminister – unter der Prämisse, dass er vor Ablauf der eigentlich achtjährigen Amtszeit abtritt. Am 1. Juni 1998 nahm der damals 62-Jährige mit der Gründung der EZB die Arbeit im Frankfurter Eurotower auf.

Er war der richtige Mann für den Beginn des größten Währungs-Experimentsüberhaupt – was sich aber erst mit der Zeit herausstellte. Einmal senkte der EZB-Rat unter der Regie von Duisenberg überstürzt die Zinsen, ein anderes Mal verlor er zu viele Worte über eine Intervention zugunsten des Euro. Aber der Niederländer lernte schnell und wurde am Ende seiner fünfeinhalb Jahre währenden Amtszeit allseits gelobt.

Der Schalk saß dem Banker mit dem weißen Haarschopf im Nacken, sein Humor war feinsinnig, sein Charme eine Gabe, sein Fachwissen unbestritten. Der EZB hat er Glaubwürdigkeit verschafft, der Währung Stabilität. Auch den Tiefschlag des Euro, zeitweise gerade noch 90 Dollar-Cent wert, hat er gemeistert. Am Ende von Duisenbergs Amtszeit stand er wieder bei 1,17 Dollar. Gemeinsam mit den anderen großen Notenbanken meisterte er die Krise nach dem Terror vom September 2001. Seine Pressekonferenzen im Eurotower hatten fast Kultstatus. „Unter, aber nahe zwei Prozent meint eine Inflationsrate von unter, aber nahe bei zwei Prozent“, antwortete er gerne auf schlaue Fragen. Mit 70 Jahren erlag Duisenberg 2005 in seiner Villa in Südfrankreich einem Herzinfarkt.

Jean-Claude Trichet: Der „Preuße“ aus Frankreich

„Dieser Mann war unverzichtbar.“ Das Lob kommt am 19. November 2011 von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Es gilt Jean-Claude Trichet, dem zweiten Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB). Vor wenigen Tagen hat er nach acht Jahren das Amt an den Italiener Mario Draghi übergeben. Trichet habe den Euro zu einer stabilen Währung geformt, stabiler als die DM, sagt Schmidt. Trichet lächelt. Zugleich ist der 68-jährige Franzose wohl auch froh, dass er den Stab an Draghi weiterreichen kann.

Politische Regierung in Italien

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Die Jahre im Eurotower sind für den ehemaligen Chef der französischen Notenbank, der in seiner Heimat wegen seiner strikt auf Stabilität ausgerichteten Geldpolitik schon mal als „Preuße“ bezeichnet wurde, alles andere als ein Kinderspiel. Nicht weil die Euro-Zone in seiner Amtszeit um fünf auf 17 Mitgliedsstaaten gewachsen ist, sondern weil es etliche Regierungen mit den Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstums-Paktes für das Haushaltsdefizit und die Schulden nicht genau nehmen. Trichet ist empört, wird zum Dauer-Mahner.

Die 2010 offensichtlich werdende Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone ist die fast logische Folge der laxen Finanz- und Haushaltspolitik. Trichet sieht sich zu Maßnahmen veranlasst, über die er selbst alles andere als glücklich ist – der Senkung des Leitzinses auf ein Prozent und dem Kauf von Staatsanleihen, um Verwerfungen auf den Finanzmärkten zu verhindern.

Trotz allem bleibt Trichet stets freundlich. Der schmächtige Franzose ist in der Bank beliebt, seine Bilanz kann sich trotz der Staatsschuldenkrise sehen lassen. Der Euro wird auch dank Trichet zur zweitwichtigsten Währung der Welt. Der nun 75-Jährige, der in Paris lebt, sitzt auch heute noch in wichtigen Berater- und Expertengremien und meldet sich immer mal wieder – kritisch – zu Wort.

Mario Draghi: Der italienische Retter der Euro-Zone

Mario Draghi hantiert mit Summen, die selbst gestandene Banker schwindelig machen. Bis Ende September wird die Europäische Zentralbank (EZB) unter der Regie ihres Präsidenten aus Italien in den Anleihenkauf der Euro-Staaten 2,55 Billionen Euro investiert haben. Um damit die Renditen der Staaten zu drücken und Banken anzuhalten, mehr Kredite zu vergeben. Das Programm könnte am Jahresende auslaufen.

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Selbst wenn Draghi Ende Oktober 2019 nach acht Jahren die EZB verlässt, wird das Programm die Notenbank weiter prägen. Das Geld aus fälligen Anleihen investiert die EZB in neue Käufe. Vor allem deshalb, aber auch wegen des auf Null gedrückten Leitzinses und des auf minus 0,4 Prozent gesenkten Einlagezinses für Banken steht der 70-jährige Römer heftig in der Kritik: Er enteigne Sparer, obwohl auch die Kreditzinsen historisch niedrig sind. Draghi zeigt wenig Verständnis. Er werde alles tun, um den Euro zu retten, sagte der Wirtschaftswissenschaftler, Ex-Vize-Präsident von Goldman Sachs und Ex-Chef der italienischen Notenbank auf dem Höhepunkt der europäischen Staatsschuldenkrise im Sommer 2012. Er hat Wort gehalten.

Der Euro und die Euro-Zone haben sich stabilisiert, die Konjunktur ist in Fahrt gekommen, die Arbeitslosigkeit gesunken. Nach Ansicht von Ökonomen hat er bei aller Kritik einen guten Job gemacht. Er habe das Finanzsystem gefestigt, die Lage in der Euro-Zone beruhigt. Trotzdem hinterlässt er mit der massiv aufgeblähten Bilanz eine schwere Hypothek. Geldpolitisch steckt die EZB im Dilemma. Irgendwann muss sie wieder an der Zinsschraube drehen – behutsam, ohne dass sie Unternehmen und Verbraucher bremst, die Wirtschaftserholung gefährdet und den Kampf gegen die immer noch sehr hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa behindert.

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