„Deutsche Bank ist nur die Spitze des Eisbergs“

Die Deutsche Bank-Zentrale in Frankfurt. Dies Woche gab die Bank ihre Radikalsanierung bekannt: 18.000 Arbeitsplätze werden gestrichen und die Bank zieht sich aus dem Aktienhandel zurück. [EPA-EFE/MAURITZ ANTIN]

Die Deutsche Bank wird sich aus ihren globalen Aktiengeschäften zurückziehen und über die nächsten drei Jahre 18.000 Stellen abbauen. Das ist Teil eines größeren Trends: Das Gewicht von Investmentbanken verlagert sich weiter in Richtung USA. Um den europäischen Sektor zu stärken, müsse an der Bankenunion gearbeiten werden, warnen Experten. 

Die Deutsche Bank platzierte ihr Logo in den vergangenen Jahren gerne zwischen den Großen: Neben JPMorgan Chase, Goldman Sachs oder Citigroup. Deutsche Bank wollte ganz oben im Investmentbanking mitmischen. Kritiker warnten, das könnte nach hinten losgehen. Zu niedrig waren die Zinsen, zu gering die Profitabilität, zu groß die Herausforderungen für die kommenden Jahre.

Die Bankenbranche befindet sich in einem „historischen Umbruch“ – so formulierte es auch der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing. Ein Hauptauslöser ist die Digitalisierung. Der Wettbewerb mit FinTechs, Marktinfrastrukturanbietern und globalen Technologiekonzernen wächst. Traditionelle Geschäftsmodelle geraten zunehmend unter Druck, schreiben die Analysten des Thinktanks Oliver Wyman. Sie prognostizieren, dass sich die Anzahl der heute etwa 1600 Banken in Deutschland bis 2030 auf rund 150-130 Banken reduzieren wird. Für deutsche Banken sei es dringend notwendig, ihre Aufstellung in Europa auf ihre Effizienz zu prüfen.

Das spürte auch die Deutsche Bank und traf den Entschluss zur Radikalsanierung: Schluss mit den aufwendigen Unternehmungen an den globalen Aktienmärkten, zurück zum Kunden in Deutschland. Das soll die Profitabilität steigern und den Blick zurück auf die „Kernkompetenzen“ lenken, so die Bank über ihre Sanierungspläne.

Die Gesamtkosten der Bank sollen bis 2022 um mehr als Viertel sinken, Aktionäre müssen voraussichtlich zwei Jahre lang auf ihre Dividende verzicheten und 18.000 Mitarbeiter ihre Schreibtische räumen. Nach zehn schwierigen Jahren stehen alle Zeiger auf Abbau.

Die Komplettsanierung der Bank sei „die richtige Antwort auf die massiven Veränderungen und Herausforderungen in der Finanzindustrie,“ meint Paul Achleitner, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bank.

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Entscheidung mit viel Symbolkraft

Die Anleger sehen die 180-Grad-Drehung der Bank mit Skepsis. Die Aktie ist seit Anfang der Woche um fast 10 Prozent gefallen. Und auch Analysten sehen den Umbau skeptisch: Etwa sagte die Analystin Anke Reinigen von der Investmentbank RBC gegenüber Reuters, die Gefahr, dass die Pläne der Deutschen Bank nicht aufgingen, erscheinen „höher als ursprünglich gedacht“. Der Wettbewerb am Heimatmarkt ist gewaltig – und dürfte in den kommenden Jahren weiter zulegen.

Das wird noch zu großen Verwerfungen in den nächsten Jahren führen, sagt Brian Whitmer, Chefanalyst für Europäische Märkte des Thinktanks Elliot Wave International gegenüber EURACTIV: „Die Menschen werden noch realisieren, was für ein bedeutendes Event die Deutsche-Bank-Sanierung ist.“ Schließlich seien Banken weltweit eng miteinander verknüpft. „Deutsche Bank ist nur die Spitze des Eisbergs“, fügt er hinzu.

Der Optimismus der letzten Jahre habe Investmentbanken auch an jene Märkte getrieben, in denen sie keine besondere Stärke vorweisen konnten – etwa die Deutsche Bank am asiatischen Markt, so Whitmer. Er meint, die Zahl der Investmentbanken wird in den nächsten Jahren deutlich nach unten gehen: Weniger, dafür stärker spezialisierte Akteure, so seine Prognose. Das Modell der Universalbanken habe ausgedient.

Richtig aufräumen geht anders

Zehn Jahre nach der Finanzkrise stecken in den Bilanzen von Europas Banken immer noch Milliardenrisiken. Die Politik hat das Problem der faulen Kredite nur halbherzig bekämpft. EURACTIVs Medienpartner WirtschaftsWoche berichtet.

Bankenunion: Die „wichtigste Aufgabe“ der neuen Kommission

„Je eher der europäische Bankensektor restrukturiert wird, desto besser. Da sind enorme Anpassungen nötig“, so Nicolas Vernon vom Thinktank Bruegel und dem Peterson Institute for International Economics in Washington, DC. Die Deutsche Bank habe das erkannt.

Um Europa jetzt wirklich stabil aufzustellen, brauche es in erster Linie die Fertigstellung der Bankenunion – Vernon nennt sie die wichtigste Aufgabe der neuen EU-Kommission. „Die Barroso-Kommission hat hier ein gutes Fundament gelegt. In den letzten fünf Jahren haben wir im Bezug auf die Gesetzgebung hier kaum Fortschritte gesehen“, kritisiert er.

Als Teil der Konsolidierung der Banken dürften sich die Geschäfte in Zukunft weiter in Richtung USA verlagern und „Fähigkeiten und Talent“ im Bankensektor aus Europa abgeworben werden, so Thomas Schnarr, Partner und Leiter Financial Services in Deutschland und Österreich der Consulting-Firma Oliver Wyman. Die Marktanteile zwischen europäischen und amerikanischen Banken habe sich auch jetzt schon stark verschoben.

Zwar gelten europäische Banken als umfassend stabilisiert. Doch dürften die Herausforderungen eines stärkeren Wettbewerbs für sie weiter zunehmen. Vor allem für Bankangestellte hat dies weitreichende Auswirkungen.

Aber auch politisch ist die Verschiebung nicht unbedenklich, so Schnarr. „Jede Wirtschaft braucht ein funktionierendes Finanzsystem. Wir müssen darauf achten, dass das gegeben ist“, sagt der Experte. Wenn aber die angebotenen Produkte europäischer Banken nicht mehr mit den Mitbewerbern in den USA konkurrieren können, wären Unternehmen immer stärker auf ausländische Banken angewiesen.zge

“Ein echter Neustart für die Deutsche Bank“, kommentiert Deutsche-Bank-Chef Sewing. Ein Symbol für die großen anstehenden Umbrüche im gesamten Bankenwesen, meinen Analysten.

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