10 Jahre Finanzkrise – und jetzt?

Am 15. September 2008 kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers. [EPA/JUSTIN LANE]

Vor zehn Jahren kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers. Aus der US-Subprimekrise wurde eine Weltfinanzkrise. Vor allem die Eurozone befindet sich seither im Dauerkrisenmodus. Wie stabil sind die globalen Finanzmärkte heute?

Kaum ein Ereignis spielte in den turbulenten Zeiten der Großen Krise eine so einschneidende Rolle wie der Kollaps von Lehman Brothers. Der Fall des Investmentgiganten hievte die bis dahin noch halbwegs überschaubar anmaßende Immobilien- und Subprimekrise der USA auf eine neue Ebene. Faktisch über Nacht hörte das globale Finanzsystem auf zu funktionieren. Zahlreiche Banken, Versicherungen und Investmentfonds in aller Herren Länder kamen ins Straucheln. Keine Bank traute mehr der anderen, der im modernen Finanzwesen so wichtige Interbankenhandel kam zum Erliegen.

Historische Krisendynamik

Die Schwachstellen dieses Systems wurden am 15. September 2008 schonungslos offengelegt. Die Finanzmärkte waren zu groß und zu vernetzt, als dass eine schwerere Krise lokal oder sektoral begrenzt werden konnte. Ein einzelner fallender Riese konnte nie dagewesene Schockwellen durch das gesamte System schicken. So offenbarte der Lehman-Kollaps auch das „too big to fail“-Problem: Es gibt Banken, die zu groß sind, als das man sich pleitegehen lassen könnte. Um die Krisendynamik nicht noch weiter aus dem Ruder laufen zu lassen, nahmen die Regierungen weltweit Billionen in die Hand und pumpten sie in den Finanzsektor.

Damit war die nächste Stufe der großen Krise angelegt: Insbesondere die Euroländer, von denen einige aufgrund interner Ungleichgewichte der Währungsunion ohnehin mit hohen öffentlichen Schuldenständen zu kämpfen hatten, waren von den öffentlich finanzierten Bankenrettungen sichtlich überfordert.

Zudem wurden die Staatshaushalte durch die Wirtschaftskrise in die Höhe getrieben, die in den Jahren 2009/10 das Geschehen dominierte. Nicht nur Banken sind eng vernetzt und daher potenziell ansteckungsgefährdet. Auch produzierende Unternehmen sind heute zu einem hohen Grad auf funktionierende Finanzmärkte angewiesen. Sei es, weil sie sich über die Ausgabe von Aktien Eigenkapital beschaffen, weil sie selbst als Anleger agieren um von den vermeintlich höheren Profitraten gegenüber der Produktion zu profitieren, oder weil sie über Hausbankkredite Fremdkapital beziehen, um ihre Investitionen zu finanzieren. Der Einbruch der Kreditversorgung führte so zu zahlreichen Unternehmenspleiten, einer massiven Wirtschaftsschrumpfung und weiter steigender Arbeitslosigkeit. Das bedeutet: Sinkende Steuereinnahmen und höhere Sozialausgaben – und damit steigende Schulden.

Deutschland ist "ein echtes Problem" bei Vollendung der Bankenunion

Ein hoher EU-Beamter erklärte, eine Einigung über ein europäisches Einlagensicherungssystem (EDIS) sei angesichts des Widerstands aus Berlin „sehr schwer“ zu erreichen.

Die Schuldenstände schnellten weiter in die Höhe. Ein Euroland nach dem anderen drohte, in die Zahlungsunfähigkeit abzugleiten. Rettungsschirme wurden im Eiltempo aufgespannt – verbunden mit knallharten Sparauflagen, die wiederum vor allem in Südeuropa in einer sozialen Krise mündeten. Arbeitslosigkeits-, Armuts- und Obdachlosigkeitsraten erreichten Höhen, die man so in Westeuropa zu Friedenszeiten noch nicht kannte.

Erst in den letzten Jahren sind die Weltwirtschaft – und vor allem die europäische – wieder in etwas ruhigere Fahrwasser geraten. Doch es könnte sich um die Ruhe vor dem nächsten großen Sturm handeln. Noch immer klaffen eklatante Ungleichgewichte zwischen den Euroländern, noch immer halten viele Banken große Mengen fauler Kredite, die Verschuldung der Schwellenländer ist deutlich gestiegen und es gibt heute sogar mehr „too big to fail“-Banken als vor zehn Jahren.

Die großen Reformen sind in der EU ausgeblieben

Dabei war gerade zu Anfang der Krise viel von großen Veränderungen die Rede. Es dürfe sich niemals wiederholen, dass die Steuerzahler für gescheiterte Spekulationsgeschäfte von Investmentbanken gerade stehen müssen. Viele innovative Vorschläge wurden gemacht – von einer Finanztransaktionssteuer, die allzu spekulative Geschäfte unattraktiv macht über ein Trennbankensystem, das die nützlichen Geschäftsbanken von den schädlichen Investmentsparten abtrennt bis hin strengen Eigenkapitalanforderungen für die Banken. Viel übrig geblieben ist davon jedoch nicht:

Die Finanztransaktionssteuer (FTT) war 2013 eigentlich schon beschlossene Sache. Sie hätte es ermöglicht, besonders schnelllebige und risikobehaftete Transaktionen durch zusätzliche Kosten unattraktiv zu machen, ohne realwirtschaftliches Investment ernsthaft zu belasten. Seit dem Beschluss wurde die Steuer jedoch immer weiter ausgehöhlt – bis der frühere Investmentbanker Emmanuel Macron das Amt des französischen Staatspräsidenten übernahm und das Vorhaben vollends von der Agenda strich.

Das in der EU zu Krisenzeiten von Jyrki Katainen, dem Kommissar für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum, lancierte Trennbanken-System wurde ebenfalls schnell wieder von der Agenda genommen. Die Trennung zwischen Geschäfts- und Investmentbanken hätte es ermöglicht, letztere pleitegehen zu lassen, wenn sie sich verzockt haben, ohne Kreditvergabe und Einlagenverwaltung mit in den Abgrund zu reißen.

Brexit: Großbritannien will Sonderregelungen für die City of London

Das Vereinigte Königreich hat in einem neuen Regierungspapier seine Forderung nach einem gesonderten Deal über Finanzdienstleistungen nach dem Brexit wiederholt.

Auch die neuen globalen Eigenkapitalregeln sind kaum strenger als die alten. Die Lobbys der Finanzwelt haben ganze Arbeit geleistet, ihre Macht blieb trotz Krise ungebrochen. Mit „Basel III“ wurde die Eigenkapitalquote von 3,5 auf 4,5 Prozent erhöht. Experten gehen davon aus, dass eine Quote von 18 bis 20 Prozent notwendig wäre, um die Geldhäuser für schwere Krisen zu wappnen.

Was bleibt, ist eine zähe, jahrelange Debatte um eine EU-Bankenunion. Doch die zielt weniger auf eine Stabilisierung der Finanzmärkte ab als auf eine gemeinsame Haftung der Euroländer und ihrer Steuerzahler für die großen Banken im Währungsgebiet. Zwar füllen die Banken bis 2024 einen Abwicklungsfonds mit 55 Milliarden Euro. Doch das reicht unter Umständen nicht einmal für die Rettung oder Abwicklung eines einzigen der großen Geldhäuser. Über die „Letztsicherung“ des Europäischen Stabilitätsmechanismus wird derzeit erneut der Steuerzahler zur zuständigen Stelle für den Ernstfall gemacht.

Das seinerzeit viel zitierte „Window of Opportunity“ für Finanzreformen hat sich derweil wieder geschlossen. Die Zeiten, in denen allerorten über strengere Regeln für die Finanzmärkte gesprochen wurde, sind längst vorbei. Längst geht es wieder um Deregulierung – weil man mit der Kapitalmarktunion einen global wettbewerbsfähigen Finanzmarkt in Euroland schaffen will, weil man mit laxen Regeln die britischen Geldhäuser nach dem Brexit auf den Kontinent locken will und so weiter.

Im Mutterland der Großen Krise

Und in den USA, wo die Große Krise einst ihren Anfang nahm? Dort reagierte man, nachdem man auf eine Lehman-Rettung verzichtete und so die eigene Krise zu einer globalen machte, schneller und umfassender als in der EU. Vor allem mit dem Dodd-Frank-Act von 2010, der die Kontrollmöglichkeiten staatlicher Behörden gegenüber Finanzinstituten verbesserte und vor allem im hochspekulativen Bereich der Finanzmärkte die Regeln straffte.

Doch auch jenseits des Atlantiks haben die Finanzlobbys ganze Arbeit geleistet. So fing man schon unter Präsident Obama an, die gerade erst eingeführten Regeln wieder abzubauen. Unter Trump setzt sich der Deregulierungstrend fort. Im Frühjahr 2017 ließ er die gesamte Finanzregulierung überprüfen. Daraufhin wurden zahlreiche Deregulierungsvorschläge eingebracht, die nun nach und nach umgesetzt werden.

Euro-Reformen zurück auf der Agenda

Allmählich kommt der EU-Politikbetrieb allmählich wieder in Fahrt. Auch ein quälendes Thema fällt dabei nicht unter den Tisch: die geplanten Reformen der Wirtschafts- und Währungsunion. Am Wochenende tagten die Finanzminister.

Insbesondere kleinere Banken sollen von den Regulierungen des Dodd-Frank-Acts ausgenommen werden. So soll beispielsweise die Bilanzgrenze für „Stresstests“ der US-Notenbank von zehn auf 50 Milliarden US-Dollar angehoben werden. Dabei zeigte die Krise auch, dass nicht nur Größe, sondern auch Vernetzung auf den Märkten ein Problem ist, von dem globale Ansteckungsgefahren ausgehen.

Von weiteren Erleichterungen der Trump´schen Deregulierungspolitik profitieren aber auch die Großbanken. Beispielsweise, weil die international üblichen Risikoaufschläge für systemrelevante Banken relativiert werden sollen. Zudem sollen Einschränkungen des so genannten Eigenhandels, die in Reaktion auf die Krise eingeführt wurden, nun wieder abgeschafft werden.

Auch die laxen Basel III-Regeln sollen ausgehöhlt werden. Bei diesen Regeln handelt es sich um eine internationale Vereinbarung. Entsprechend wollen die USA  sie nur noch international anwenden. Soweit es Inlandsgeschäfte betrifft, sollen die Eigenkapitalregeln keine Gültigkeit mehr haben.

Die nächste Krise kommt bestimmt…

… und sie kann noch heftiger werden als die letzte. So gehen viele Experten wohl zurecht davon aus, dass es um die Finanzstabilität heute kaum besser bestellt ist, als 2008. Viele halten sie, wie der damalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet, sogar für instabiler. Es steht zu befürchten, dass ein „zweites Lehman-Ereignis“ ähnliche Folgen hätte wie damals.

Dass es zu einem solchen Ereignis kommt, scheint wahrscheinlich. Der damals statt Lehman gerettete, extrem einflussreiche Finanzgigant Goldman Sachs geht in seinem neuesten „Bull/Bear Market Risk Indicator“ von einem 75 Prozent-Risiko aus, dass ein Crash bevorsteht. Einen solch hohen Wert zeigte der Indikator schon seit 50 Jahren nicht mehr.

EZB-Chef Draghi fordert Vollendung der EU-Bankenunion

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hat die Mitgliedstaaten der Eurozone aufgefordert, die Bankenunion mit einem Europäischen Einlagensicherungssystem zu vervollständigen.

Viele Experten haben, wie auch Trichet, die hohe Verschuldung der Schwellenländer im Blick. Möglich scheint aber auch, dass das Epizentrum des nächsten Crashs in der Eurozone liegt. So wäre ein heißer Kandidat für das nächste „Lehman-Ereignis“ der italienische Finanzsektor. Laut Analysen der Europäischen Bankenaufsicht schlummern dort faule Kredite mit einem Volumen von gut 180 Milliarden Euro. EU-weit sind es über 800 Milliarden.

Die neue Krise könnte noch heftiger werden, denn sie käme zur alten, noch nicht überwundenen, hinzu. Eine neue Pleitendynamik könnte die staatlichen Rettungskapazitäten rasch überfordern. Schließlich ächzen die Euroländer noch heute unter den Krisenkosten der letzten Jahre. Weder Staatsfinanzen noch Wirtschaftsstrukturen sind in Ordnung gebracht worden. Die Kürzungsmaßnahmen und ein immenser Investitionsstau bremsen die wirtschaftliche Entwicklung weiterhin massiv aus.

Was in dieser Situation passiert, wenn eine weitere Schockwelle wie 2008 durch das System geht, lässt sich schwer vorhersagen. Ungemütlich wird es werden. Es wird sich dann rächen, dass das Window of Opportunity nach der letzten Krise ungenutzt und die Macht der Finanzwelt ungebrochen blieb.

Weitere Informationen

Trichet: Finanzmärkte nicht stabiler als 2008

Laut dem ehemaligen EZB-Chef Jean-Claude Trichet sind die Finanzmärkte heute nicht stabiler als zu Beginn der großen Krise - wegen der Verschuldung der Schwellenländer.

10 Jahre nach Krisen-Ausbruch: Dunkle Wolken über der EU

Zehn Jahre nach Lehmann Brothers kämpft die EU mit Streitigkeiten zwischen Rom und Brüssel, dem Handelskrieg mit den USA sowie politischen Dauerbrennern wie dem Brexit und Migrationsfragen.

Griechenland: Nach der Krise ist... in der Krise

Seit Montag steht Griechenland offiziell wieder auf eigenen Füßen. Athen bleibt dennoch unter strenger EU-Aufsicht. Experten zweifeln an der Kreditfähigkeit des Lands.

Subscribe to our newsletters

Subscribe