Nachhaltigkeitschef von AXA: Strafen für Investitionen in fossile Brennstoffe denkbar

Das AXA-Logo in Gosselie, Belgien, 5. September 2016 [Stéphanie Lecocq / EPA]

Die Hochrangige Sachverständigengruppe für nachhaltige Finanzierungen der Europäischen Kommission erörtert derzeit die Vor- und Nachteile von Strafen auf Anlagen und Investitionen in fossile Brennstoffe, erklärt Christian Thimann im Exklusiv-Interview mit EURACTIV.

Christian Thimann ist Vorstand für Regulierung, Nachhaltigkeit und Weitsicht der französischen Versicherungsgruppe AXA. Er wurde kürzlich zum Vorsitzenden der Hochrangigen Sachverständigengruppe für nachhaltige Finanzierungen der Europäischen Kommission ernannt.

Er sprach mit EURACTIV-Herausgeber und Redakteur Frédéric Simon.

Die sogenannte Task Force on Climate-Related Financial Disclosures (TCFD) hat am 29. Juni ihre finale Empfehlung veröffentlicht. Was sind Ihre Haupt-Schlussfolgerungen aus dieser Empfehlung?

Die TCFD bietet damit drei wichtige Beiträge. Erstens wird das Thema Klimawandel und Risiken in den Jahresfinanzberichten der Firmen etabliert. Das ist neu; bisher wurden solche Risiken in separaten Berichten, in Reports über die Unternehmensverantwortung oder in Broschüren veröffentlicht.

Der zweite Beitrag ist Einheitlichkeit. Diese Empfehlungen können in allen G20-Ländern angewendet werden. Auch das ist neu; bisher hatten wir bis zu 400 verschiedene nationale und lokale Berichterstattungsrahmen.

Der dritte Punkt ist eine vorwärtsgewandte Blickrichtung. Bisher konzentrieren wir uns größtenteils auf Themen wie CO2-Emissionen, ein Problem der Gegenwart. Die TCFD bietet darüber hinaus einen Blick in die Zukunft, zum Beispiel in ihren Empfehlungen zu Strategien und Szenario-Analyse.

Sind die Empfehlungen nicht zu breit gefächert bzw. zu vage?

Ich finde, sie sind auf jeden Fall bedeutend und präzise genug. Es gibt jetzt Empfehlungen für einzelne Sektoren, nicht mehr für Firmen im Allgemeinen. Sie finden nun sektorspezifische Empfehlungen für Banken, für Versicherer, für Vermögensverwalter, Anlagenbesitzer, die Industrie, Energiefirmen usw.

Was glauben Sie, wie viele Firmen diesen Richtlinien tatsächlich folgen werden? Sollten sie mehr Unterstützung und Ermutigung aus der Politik erhalten?

Ich glaube, viele Firmen werden den Empfehlungen folgen, weil es immer mehr zum Thema für das Überleben der Unternehmen wird. Einige Bereiche sind natürlich besonders betroffen: Kohle, Öl, Gas, der Energiesektor, aber auch Transport, Chemie und Schwerindustrie. Alle Firmen in diesen Sektoren sind betroffen, ebenso wie die dazugehörigen Vermögensverwalter und Vermögensbesitzer. Deswegen denke ich schon, dass sich viele an den Empfehlungen orientieren werden.

Aus der Sicht der Politik gibt es natürlich großes Interesse, dass diese Richtlinien aufgenommen werden, weil sie viel bessere Informationen über mögliche Risiken bieten und somit das Steuern der Wirtschaft vereinfachen.

Es gibt auch Firmen wie Aviva, die bindende Vorschriften fordern. Dies würde zu ausgeglicheneren Marktbedingungen führen. Wie sehen Sie das?

Das hängt davon ab, wie die Richtlinien in den einzelnen Ländern und Regionen angewendet werden. Wenn wir einen G20-weiten Konsens inklusive der USA zum Pariser Klimaabkommen hätten, wäre es viel leichter, ausgeglichene Marktbedingungen in den G20 zu schaffen.

Wir müssen jetzt erst einmal abwarten, was beim G20-Gipfel passiert und ob die Empfehlungen angenommen werden. Die europäische Position ist klar: Wir wollen eine weiterhin starke Verpflichtung zum Kampf gegen den Klimawandel. Wir müssen Wege finden, dieses Ziel zu verwirklichen, ohne dass europäische Firmen gegenüber Amerikanern einen Nachteil im Sinne von Geschäftsrisiken, Meldeaufwand und rechtlicher Risiken haben.

Also sollte sich Europa lieber nicht bewegen, solange sich andere Regionen nicht auch bewegen?

Nein, wie gesagt: Wir müssen die Ergebnisse des G20-Gipfels abwarten. Wenn überraschenderweise die TCFD-Empfehlungen von allen Staaten, also auch den USA, angenommen werden, hätten wir eine gemeinsame Basis. Wenn keine Einigung erzielt wird, müssen wir Wege finden, wie wir in Europa mit möglichst großen Schritten vorankommen aber gleichzeitig ein ausgeglichenes Spielfeld auf dem internationalen Markt erhalten. Das Gute ist, dass die Richtlinien ja die Firmen unterstützen sollen. Viele Unternehmen haben schon mitgeteilt, dass sie sie sehr nützlich finden und sie unabhängig von der offiziellen G20-Position ihres Landes anwenden wollen.

Sie wurden vergangenen Dezember von der EU-Kommission zum Vorsitzenden der  Hochrangigen Sachverständigengruppe für nachhaltige Finanzierungen ernannt, um Empfehlungen für klimarelevante Arten der finanziellen Berichterstattung und Offenlegung zu erarbeiten. Wie unterscheidet sich die Arbeit dieser Gruppe von der der TCFD?

Zunächst einmal arbeitet die Sachverständigengruppe mit einer Regulierungsbehörde – der Europäischen Kommission – und nicht mit der Industrie zusammen. Das ist ein großer Unterschied. Und zweitens ist der Fokus nun breiter: Wir sehen uns alle denkbaren Nachhaltigkeitsthemen an, beginnend natürlich mit Klima und Umwelt, aber später auch mit sozialen und verwaltungspolitischen Themen.

Datenformate und Berichterstattung müssen standardisiert werden, um vergleichbar zu sein. Wie weit sind Sie im Bereich der Standardisierung?

Halbzeit, würde ich sagen. Am 18. Juli wird die Gruppe in Brüssel ihren Zwischenbericht vorstellen. Damit wollen wir auch noch einmal Feedback einholen, bevor die finalen Empfehlungen dann im Dezember präsentiert werden. Möglicherweise können wir aber am 18. Juli schon einige Empfehlungen vorstellen, wir sind sehr gut im Zeitrahmen.

Aber wie weit wollen Sie in Bezug auf Definitionen und Berichtserstattungs-Standards gehen?

Das wird gerade noch diskutiert und dann am 18. Juli präsentiert.

NGOs: EU soll Offenlegung von klimawirksamen Investitionen vorschreiben

Der Druck auf weltweite Gesetzgeber und die EU-Kommission steigt, die Portfolios großer, institutioneller Investoren einem Stresstest zur Klimaverträglichkeit zu unterziehen. Das könnte Milliarden an Investitionsgeldern aus dem Bereich der fossilen Energieträger wegverlagern. EURACTIV Brüssel berichtet.

Einige Politiker haben vorgeschlagen, dass Anlagen in sehr umweltschädlichen Bereichen wie fossile Brennstoffe „bestraft“ werden sollten, während beispielsweise erneuerbare Energien in einer Art „Bonussystem“ belohnt werden könnten. Ist das für Sie erstrebenswert?

Wir sollten uns das anschauen; aber wir müssen die Vor- und Nachteile sehr sorgfältig abwägen. Bewertungen im Finanzsystem basieren sehr stark auf der „Materialität“ der finanziellen Risiken. Wir müssen also fragen: Gibt es ein materielles Risiko, das über Strafen oder Boni berücksichtigt werden sollte? Das ist etwas anderes, als politische Signale zu senden. Als Beispiel: Grüne Anleihen sind nicht unbedingt weniger riskant, aber Politiker wollen sie über ein politisches Signal, eine Art Subvention, trotzdem fördern. Das ist eine sehr andere Sicht der Dinge, als wenn man das Problem aus rein finanzieller Sicht betrachtet.

Das Thema wird auf jeden Fall in unserer Gruppe besprochen. Wir wollen es aber vermeiden, zu schnelle Schlüsse zu ziehen. Wir haben das Gefühl, dass wir uns in diesem Fall noch mehr mit den einzelnen Akteuren über mögliche Vor- und Nachteile austauschen müssen.

Einige Menschen fordern gewisse Kapitalanforderungen für Investments in sehr umweltschädigenden Sektoren. Ist das nicht eine gute Idee?

Ja, natürlich sollte man darüber nachdenken – nicht nur im Finanzsektor. Denken Sie auch an Vermögenswerte, die möglicherweise verlorengehen. Vielleicht schätzen wir den Wert der Ölreserven heute viel zu hoch ein, weil die Menschheit sie gar nicht mehr komplett ausbeuten wird. Dann wäre ihr derzeitige Wert zu hoch, und wir würden ein Risiko ignorieren, das offensichtlich existiert.

Die Frage ist aber, ob Kapitalanforderungen der effektivste Weg sind, um Investitionen zu steuern. Wenn Politiker sich beispielsweise für den Kohleausstieg entscheiden, ist die Frage, ob Kapitalanforderungen, die auch das Verleihverhalten von Bank beeinflussen würden, wirklich das angebrachteste und effektivste Werkzeug dafür sind.

Gibt es in der Hochrangigen Gruppe denn einen Konsens, was das effektivste Instrument ist/wäre?

Noch nicht; wir haben den Konsens, dass wir alle Vor- und Nachteile auflisten und das Thema zur Debatte stellen wollen. Deswegen binden wir ab sofort Stakeholder ein, bevor wir uns im Herbst an die tatsächliche Empfehlungs-Phase machen.

Was glauben Sie: Wann werden Berichte über klimarelevante Risiken und andere Nachhaltigkeitsberichterstattung der Mainstream im Finanzsektor?

Dieser Prozess hat auf jeden Fall schon begonnen. Die AXA wird den TCFD-Rahmen zu einem Großteil übernehmen, weil wir sehr in der Gruppe involviert waren und glauben, dass dies der richtige Ansatz ist. Bisher haben um die 100 CEOs die TCFD-Erklärungen unterschrieben, weil sie glauben, dass es gut für ihr Geschäft ist, ihre Investoren gut zu beraten und interne Diskussionen in der Firma anzuregen.

Das ist etwas, das gerne übersehen wird. Berichterstattung und Offenlegung binden ja das gesamte Unternehmen ein; sie haben einen großen Einfluss auf das Management und die zukünftige Strategie.

Trägt die EZB wirklich zum Scheitern der Klimapolitik bei?

Die Nichtregierungsorganisation Corporate Europe Conservatory (CEO) hat der Europäischen Zentralbank (EZB) kürzlich vorgeworfen, die quantitative Lockerung als geldpolitische Maßnahme würde fossile Energieträger subventionieren.

Und weil dadurch auch die Finanzflüsse betroffen werden, verschnellert sich der Wechsel in manchen Wirtschafsfeldern auch…

Ganz genau. Wenn hohe Manager etwas als ein wichtiges Thema ansehen, werden sie damit beginnen, es zu messen, es zu verstehen, Modelle aufzubauen. Der Einfluss von Offenlegungen geht viel weiter als der, den ein externer Leser des Jahresberichts haben kann. Das wichtigste ist der starke Einfluss auf das interne Management und die Unternehmensstrategie.

Gibt es schon Studien darüber, wie groß die Effekte auf einen Wirtschaftssektor in Abhängigkeit davon sind, wie strikt die Offenlegungsbedingungen sind?

Nein, das wäre aber interessant. Bisher versuchen wir, Unternehmen dazu zu ermutigen, solche Offenlegungen vorzunehmen – einfach, weil wir glauben, dass sie hilfreich sind.

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