Robert Johnson: Soros hat mich für den ‚Black Wednesday‘ eingestellt

Robert Johnson mit Schottlands Erster Ministerin Nicola Sturgeon während der Veranstaltung des Institute for New Economic Thinking in Edinburgh am vergangenen Wochenende. [INET]

Vor 25 Jahren spekulierten George Soros und Robert Johnson gegen das britische Pfund und verursachten damit Schäden in Höhe von 3,3 Milliarden Pfund. Großbritannien trat aus dem System des Europäischen Wechselkursmechanismus (ERM) aus, das später zum Euro weiterentwickelt wurde. In einem exklusiven Interview mit EURACTIV.com argumentiert Johnson, dieser harte Schritt sei notwendig gewesen.

Robert Johnson ist Präsident des Institute for New Economic Thinking (INET). Er blickt auf eine lange Karriere als Investor und Consultant zurück und war unter anderem Geschäftsführer bei Soros Fund Management sowie Chefökonom des Bankenausschusses des US-Senats. Er sprach am Rande der INET-Konferenz in Edinburgh mit Jorge Valero von EURACTIV.

Jorge Valero: Durch die Krise ist klar geworden, dass unsere Wirtschaftsform Fehler hat. Warum dauert es so lange, ein wirtschaftliches Paradigma zu verändern – und warum sind wir immer noch Teil der selben Wirtschaftsform?

Robert Johnson: Der amerikanische Autor Upton Sinclair sagte einst: „Es ist schwierig, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn er sein Gehalt dafür bekommt, dass er es nicht versteht.“

Es gibt sehr viele Leute in hochrangigen Positionen, für die ein Nicht-Verstehen oder Nicht-Einsehen, dass das System falsch läuft und verändert werden muss, der einfachste Weg war und ist. Die Dinge liefen für 1-5 Prozent der Bevölkerung sehr gut. Als sie ihre Vermögen aufbauten, ihre Think-Tanks gründeten und ihre Universitäten unterstützten, war die Vorstellung „was gut für mich ist, ist gut für alle“ sehr weit verbreitet.

Es ist ein mutiger Schritt, aus diesen Gewohnheiten und somit auch aus den bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen auszubrechen. Ich habe mich deswegen über den Widerstand nicht gewundert. Es gibt da ein altes Dilemma unter den Philosophen: Der eine sagt „Ich glaube nur, was ich sehe“, also eher wissenschaftlich, und der andere sagt „Ich sehe nur, was ich glaube“. Ich denke, wir haben sehr lange nur gesehen, was wir geglaubt haben – und wenn unser Glauben für uns angenehm war. Das ging so lange, bis das System sich nicht mehr halten konnte.

Das war der Systemcrash, die Krise 2007/2008, teilweise ausgelöst von Spekulationen und sehr ausgeklügelten Finanzprodukten, die eine Kettenreaktion in den USA und in Europa verursachten. Auch sie haben im September 1992 gemeinsam mit George Soros spekuliert, als der „Black Wednesday“ passierte…

Ich war Währungshändler. Das war meine Aufgabe.

Welche Einsichten haben Sie damals über die Märkte gewonnen? Und wie hat das die Art, wie Sie die Wirtschaft heute sehen, geändert?

Ich habe hauptsächlich mit Soros zusammengearbeitet, weil ich mit ihm befreundet war. Er sagte mir damals: „Ich habe dich nicht als Sicherheitsanalyst eingestellt, sondern als Unsicherheitsanalyst.“ Ich suchte danach, wo neue Ungereimtheiten und Instabilitäten auftreten könnten, die mit dem richtigen Timing große Veränderung auslösen würden.

Nach der Finanzkrise 2007/2008 gründeten Soros und ich das Institute for New Economic Thinking (INET). Es basiert auch auf Soros‘ eigenen Erfahrungen: Er als kleiner Junge ja selber miterlebt, wie Deutschland und Österreich 1931 in die Bankenkrise rutschten.

In den USA haben die Behörden die Finanzinstitute gerettet. Die Banker haben alle ihre Boni eingestrichen. Wer aber nicht unterstützt wurde, waren die Menschen, die zum Beispiel durch ihre Häuserkredite viel Geld verloren haben.

Es gab da sehr viel Unfairness. Es war deswegen nicht nur eine Finanzkrise, sondern eine Legitimationskrise für die amerikanische Regierung und eine Krise der herrschenden Wirtschafts- und Finanzparadigmen.

Soros und ich hatten das Gefühl, dass das Finanzmarktmodell, das zu all dieser Deregulierung geführt hat, falsch ist. Aber wir haben vor allem – und das ist noch wichtiger – befürchtet, dass eine echte Gefahr für die Gesellschaft entsteht. Durch diesen Kollaps, das verlorene Vertrauen und die verlorene Legitimität sind Gräben entstanden.

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Wie können wir diese Gräben wieder füllen?

Das INET hat das Ziel, die Gräben mit konstruktiven Beiträgen zu füllen, statt nur herumzusitzen und zuzusehen, wie sich die Menschen gegenseitig an die Gurgel gehen, wie sich die Demagogie ausbreitet.

Leider sind wir damit offensichtlich nicht erfolgreich gewesen. Das Chaos, das 2008 startete, hat sich vergrößert und umfasst jetzt auch Fragen nach dem Klima, nach Fairness und Ungleichheit.

Ich habe Angst, dass die Demokratie die Balance in der Gesellschaft nicht wiederherstellen kann und die Demagogie die Oberhand gewinnt. Das würde die Wirtschaft zerstören und die Frustration noch weiter vergrößern. Wir befinden uns am Scheideweg. Es ist für das INET jetzt an der Zeit, mutiger, stärker und lauter zu werden. Es geht nicht darum, jemanden blosszustellen oder Schuld zuzuschieben, sondern zu zeigen, dass ein guter Ökonom achtsam ist und darüber nachdenkt, welche Effekte seine Handlungen auf alle Menschen haben.

Hätten Sie mit Ihrer heutigen Haltung damals die Verkäufe, die zum Fall des Pfunds und zum „Black Wednesday“ führten, nicht getätigt?

So denke ich nicht. Wenn es jetzt 1992 wäre und sich das gleiche Bild bieten würde, würde ich sagen: Irgendjemand wird es tun. Ich glaube nicht, dass George Soros den [Austritt aus dem] ERM verursacht hat. Er hat nur früher als andere Leute erkannt, dass der Austritt passieren wird. Wir waren einfach nur ein wenig klüger und schneller als andere. Ich glaube, das System hätte keine zwei Monate länger durchgehalten.

Aber ich denke nicht, dass wir der Auslöser waren. Soros hat durch diese aggressive und mutige Strategie eine gewisse Berühmtheit erlangt. Das ist beinahe eine ex-post Erklärung. Es gibt viele Banker in den Niederlanden, in Dänemark, in Schweden, in Großbritannien, die später sagten: Ich war auch da, ich wollte das auch tun. Aber sie waren einfach nicht so mutig wie Soros.

Ein Teilgrund, warum ich mit ihm zusammenarbeitete, war, dass ich sehen konnte, was da auf uns zukommt und weil ich wusste, dass er mich machen lässt. Die Bank, bei der ich vorher arbeitete, sorgte sich um ihre Zulassung und war deswegen etwas vorsichtiger.

Ich glaube aber nicht, dass es seine moralische Sache oder eine Frage nach Schuld ist, ob ich mit meiner heutigen Haltung damals anders gehandelt hätte. Ich denke, was ich heute mache, ist konsistent mit der Vision, die ich auch damals schon hatte. Es war einfach ein Ereignis, das aufgetreten ist.

Sie und Ihre Kollegen versuchen heute, die Arbeitsweise der Finanzmärkte zu verbessern, obwohl sie vorher nicht aufgestanden sind und sogar in einige Entscheidungen involviert waren, die Probleme verursachten. Das ist als Außenstehender schwer miteinander vereinbar…

Im Jahr 1991 war ich bei meinem vorherigen Arbeitgeber in die Entwertung der finnischen Markka involviert. Das war sozusagen ein Vorgeschmack auf den ERM im Jahr darauf. Soros arbeitet anders als andere Investoren, das fand ich anziehend. Weil wir ja Freunde waren, nahm er mich zur Seite und fragte, ob ich die finnischen Behörden gewarnt habe, was auf sie zu kommt. Ich sagte ja. Er antwortete, dass er dies immer tut: Er warnt die Behörden vor dem, was er aufziehen sieht.

Als ich sein Partner war, haben wir uns auch immer vor, während oder nach den Ereignissen mit den jeweiligen Behörden getroffen. Direkt nach dem ERM-Ausstieg mag das kontrovers aussehen, aber wir trafen uns mit der britischen Staatskasse und der Bank of England. Wir erklärten ihnen, was wir getan haben – und warum wir es taten. Wir trafen uns auch mit Vertretern der deutschen Bundesbank und mit Jean-Claude Trichet, der damals der französische Schatzmeister war.

Soros sagte, metaphorisch gesprochen: Ich bin ein Theaterkritiker, und wenn ich sehe, dass sich im Stück etwas entwickelt, das ich für gefährlich halte, warne ich die Menschen davor. Soros ist selbstbewusst genug, zu glauben, dass er immer klug genug ist, Dinge vorherzusehen und damit Geld zu machen. Er will nichts schützen, dass er als Graben, als Trennlinien, innerhalb der Gesellschaft sieht. Und er fühlt eine moralische Verpflichtung, anderen mitzuteilen, was er sieht.

Auch ich fühle diese Verpflichtung. Ich stand immer im Dialog mit der amerikanischen Federal Reserve oder mit der Bank of Japan. Wir wollten niemals Menschen Schaden zufügen. Wir sahen lediglich, was sich unweigerlich entwickeln würde und wir versuchten, mit unseren Erkenntnissen schneller zu sein als andere.

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