Handelskrieg: Asiatische Investitionsbank „besorgt“

Joachim von Amsberg ist Vizepräsident für Politik und Strategie bei der Asian Infrastructure Investment Bank. [AIIB]

Die Spannungen im Welthandel beunruhigen die Anleger weltweit. In Asien ist die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) trotz des enormen Finanzierungsbedarfs für Großprojekte „besorgt“, dass die Menge an angezogenem Privatkapital stagnieren oder sogar sinken könnte, so ihr Vizepräsident im Interview mit EURACTIV.com.

Joachim von Amsberg ist ein deutscher Ökonom und Banker. Er ist Vizepräsident für Politik und Strategie bei der AIIB. Vor seiner Ernennung war er Vizepräsident der Weltbank.

Er sprach mit Jorge Valero von EURACTIV.

In Ihrem letzten Bericht haben Sie festgestellt, dass es bei der Mobilisierung von Mitteln des privaten Sektors keinen wesentlichen Durchbruch gegeben hat. Sind Sie von den Ergebnissen enttäuscht?

Wir sehen nach wie vor große Chancen, privates Kapital zur Finanzierung der Infrastruktur in Asien bereitzustellen. Aber das Ausmaß, in dem diese Investitionen wirklich realisiert wurden, ist enttäuschend. Der Bericht zeigt, dass der Markt, über den wir hier sprechen, insgesamt gesehen immer noch recht bescheiden ist und nicht wächst: Er stagniert und droht sogar zu sinken. Wir sehen das mit Besorgnis und als eine große ungenutzte Chance.

Was ist der Grund für diese Stagnation oder diesen Rückgang?

Kurz gesagt ist es ein ganzes Spektrum von Herausforderungen, private Finanzierungen auf den Markt zu bringen und abzuschließen. Das fängt an mit makroökonomischer Unsicherheit, regulatorischen und institutionellen Schwächen, Rechtsstaatlichkeitsfragen, Marktkenntnis oder der Strukturierung des jeweiligen Finanzprodukts. Es gibt keine Wunderwaffe, um all diese Probleme zu lösen. Aber man muss sie gleichzeitig angehen – was schwierig ist.

Was sind die Investitionsbedürfnisse in der Region?

Wir haben in den vergangenen drei Jahren 7,5 Milliarden Dollar in 35 Projekten gebunden. Das ist zwar viel Geld für eine solche Start-Up-Organisation, aber sehr wenig Geld für die finanziellen Gesamtbedürfnisse des Marktes. Wir können uns mit dem Einsatz der Ressourcen nicht zufrieden geben.

Einige Studien deuten auf einen Gesamt-Finanzierungsbedarf von 1,7 Billionen Dollar pro Jahr bei der Infrastruktur in Asien hin. Und ich glaube nicht, dass wir wirklich gute Schätzungen haben, wie viel davon tatsächlich aus der Privatwirtschaft finanziert werden könnte.

Kleine Erfolge und dramatische Folgen im Handelsstreit

Im Handelsstreit zwischen den USA und China ist die Spirale der Eskalation wohl zunächst gestoppt. Die Nervosität der Aktienmärkte ist noch nicht in Verzweiflung umgeschlagen.

Ihr Bericht erwähnt auch Handelsspannungen und zunehmenden Nationalismus als Einflussfaktoren auf Investitionen. Konnten Sie feststellen, dass es aufgrund der Bedeutung Chinas innerhalb der AIIB Zurückhaltung bzw. fehlende Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Bank in der Region gibt?

Es gibt zwei Trends, die auf sich verschlechternde Bedingungen hinweisen und uns daher beunruhigen. Erstens ist ein kontinuierlicher Anstieg der langfristigen Zinssätze zu erwarten. Das wird es uns schwer machen, kleinere Projekte zu finanzieren. Für Großprojekte ist dies aber wahrscheinlich nicht entscheidend.

Ein weiterer Trend sind die angesprochenen Spannungen im Welthandel. Investitionen in handelsbezogene Infrastrukturen wie Verkehrsinfrastruktur oder Produktionsanlagen können sich verlangsamen, wenn die allgemeine Unterstützung für den Freihandel in Frage gestellt wird. Investoren dürften sich dann zweimal überlegen, ob sie Ressourcen in einen Hafen oder eine andere handelsbezogene Infrastruktur investieren wollen. Hier muss man sagen: Die Bedingungen sind wohl etwas schwieriger geworden; noch ist der Bedarf [an Investitionen] aber nach wie vor überwältigend.

Allmählich setzt sich die Meinung durch, dass es beim Streit zwischen den USA und China nicht mehr nur um Handel, sondern um die Wirtschaftssysteme an sich geht. Wie wirken sich diese Spannungen auf Ihre Bank aus?

Sie weisen zu Recht darauf hin, dass es eine Politisierung der Wirtschaftspolitik gibt. Als multilaterale Entwicklungsbank verfügen wir über eine sehr gut etablierte multilaterale Steuerung: Wir haben 93 Mitglieder, davon 67 Gründungsmitglieder. Die Entscheidungen werden in Absprache und mit breitem Konsens zwischen den Mitgliedern getroffen – ganz im Gegensatz zu anderen Instrumenten, die politisiert werden können.

Die Tatsache, dass die AIIB auf Initiative Chinas gegründet wurde, macht die multilaterale Zusammenarbeit meiner Meinung nach nur noch robuster: Dies zeigt doch, dass einzelne Länder zwar die Führung übernehmen, aber dennoch robuste multilaterale Institutionen schaffen können. Im Rückblick ist eine unserer großen Errungenschaften, dass wir diesen multilateralen Rahmen geschaffen haben und jetzt sehr gut etabliert haben, wie Entscheidungen getroffen werden. Das hat ein Vertrauen [in die AIIB] geschaffen, das andere Länder zum Beitritt veranlasst hat.

China ist aktuell nicht nur in einen Handelskrieg mit den USA verwickelt: Die EU hat sich bei der Welthandelsorganisation über die Praktiken Chinas in Bezug auf geistiges Eigentum beschwert. Haben diese Entwicklungen Auswirkungen auf das Funktionieren der AIIB?

Diese Themen, die Sie ansprechen, beunruhigen mich, weil sie unsere Mitgliedsländer betreffen. Ich bin besorgt über die Auswirkungen dieses Streits und seiner Politisierung auf die wirtschaftliche Entwicklung unserer Mitgliedsländer. Ich bin aber nicht so sehr besorgt über die Auswirkungen auf die AIIB an sich. Erstens, weil unsere multilaterale Führung sehr fest rechtlich verankert ist und sehr gut funktioniert hat. Und zweitens sehen wir uns einer sehr starken Nachfrage aus den jeweiligen Ländern nach unseren Finanzierungsdienstleistungen gegenüber.

Wenn überhaupt, wird die Politisierung der Wirtschaft zu einer höheren Nachfrage nach unserer multilateralen Finanzierung führen, weil sie mehr Schutz und Sicherheit bietet. Wenn Sie über eine multilaterale Bank finanzieren, haben Sie internationale Standards und Entscheidungen, die eher multilateral als bilateral eingehalten werden [müssen].

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In den vergangenen drei Jahren haben Wirtschaftsbeobachter den Unterschied zwischen einem chinesischen Projekt und einer chinesischen Bank einerseits und der multilateralen Finanzierung durch eine multilaterale Entwicklungsbank, bei der China zufällig der größte Aktionär und Initiator ist, andererseits verstanden. Das sind wirklich zwei sehr unterschiedliche Welten. Wir haben dies immer wieder erklärt und betont. Und die Leute sehen und verstehen nun, wie wir uns verhalten.

Wie viel Nachfrage erwarten Sie für dieses Jahr?

Wir erwarten, dass wir unsere Finanzierung in diesem Jahr auf rund vier Milliarden Dollar erhöhen werden. Wie gesagt: Das ist für eine Start-Up-Organisation viel, aber im Vergleich zum tatsächlichen Bedarf sehr bescheiden. Deshalb werden wir den Schwerpunkt verstärkt auf Instrumente legen, die anderes Kapital mobilisieren, beispielsweise durch weitere Garantien.

Bearbeitet von Sam Morgan

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