Elke König: Ich glaube nicht an Frauenquoten

Elke König wurde 2014 die erste Vorsitzende des sogenannten "Einheitlichen Bankenabwicklungsmechanismus" (Single Resolution Mechanism, SRM). [SRB]

Für viele stellt die Bankenunion den ehrgeizigsten Schritt in der EU-Integration seit der Einführung des Euro dar. Elke König, die Vorsitzende der Institution zur Rettung europäischer Banken, steht an der Spitze des Prozesses.

In einem Exklusivinterview mit EURACTIV.com am vergangenen Donnerstag stellte König neue Ideen zur Stärkung dieses gemeinsamen Bankenrahmens vor. Gleichzeitig sprach sie sich als eine der wenigen Frauen, die eine EU-Institution leiten, gegen Geschlechterquoten aus. Diese sind hingegen eine der wichtigsten Prioritäten für die designierte Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen.

Die bei Köln geborene Elke König wurde 2014 die erste Vorsitzende des sogenannten „Einheitlichen Bankenabwicklungsmechanismus“ (Single Resolution Mechanism, SRM). Davor war sie Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Bonn.

Sie sprach mit Jorge Valero von EURACTIV.com.

Sprechen wir zunächst über die EU-Spitzenjobs. Sie sind eine der wenigen Frauen, die eine EU-Institution leiten. Nun wird im November Christine Lagarde die erste weibliche Präsidentin der EZB. Ihre Nominierung gilt aber als umstritten, da sie keine Zentralbankerin ist und ihr Stellvertreter, Luis de Guindos, zuvor Minister war. Wie sehen Sie das Ganze?

Madame Lagarde war zuvor beim IWF. Ich bin fest davon überzeugt, dass keine einzige Institution ausschließlich von ihrem oder ihrer Vorsitzenden geleitet wird. Sie sollten auch nicht davon ausgehen, dass ich die einzige Person beim SRM bin, die Entscheidungen trifft und alles weiß.

Ich möchte aber eine allgemeinere Position beziehen: Als ich meine berufliche Laufbahn begann, gab es in der Branche noch weniger Frauen. Ich habe immer daran geglaubt, dass man Chancen bekommt, die man dann ergreifen kann oder nicht. Wenn wir neues Personal einstellen, ist das erste, was wir uns ansehen müssen, das Talent, das Wissen, die Qualität.

Das Geschlecht darf nicht die treibende Kraft sein. Quoten waren noch nie etwas, woran ich fest glaube.

Ist das derzeitige Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern also das Ergebnis einer „Verweigerung“ von weiblichen Kandidatinnen, die ihnen gebotenen Möglichkeiten zu nutzen? Oder haben sie diese Möglichkeiten vielleicht überhaupt nicht bekommen? 

Ich habe im Laufe der Jahre lange Debatten geführt und die unterschiedlichsten Ansichten gehört. Einige kritisieren, es gebe eine gläserne Decke oder es mangele an [weiblichen] Vorbildern. Natürlich müssen wir die Menschen ermutigen; das liegt auf der Hand.

Wenn Sie mit jungen Damen sprechen und ihnen zeigen, dass es Chancen gibt, fragen sie manchmal zurück: „Glauben Sie, dass ich das schaffe?“ Ein junger Herr würde nie fragen: „Kann ich das schaffen?“ Scheinbar ist es eher „weiblich“, nicht so selbstbewusst zu sein.

Für mich ist der wichtigste Teil der Debatte über das Geschlechterverhältnis, dass ich, wenn ich eine Liste mit Kandidatenvorschlägen sehe, normalerweise hinterfrage: Warum sind nur bestimmte Nationalitäten vertreten? Oder warum gibt es nur Männer? Man muss sich ansehen, wer sich auf eine Stelle beworben hat.

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Die Bankenunion hat einen „Stresstest“ mit der Abwicklung der spanischen Banco Popular bestanden. Diese wurde als Erfolg bezeichnet. Gleichzeitig haben Sie aber zugegeben, dass Sie Glück hatten. Inwiefern?

Wir haben in diesem Fall genau das Richtige getan. Es gab keine Auswirkungen auf die Finanzstabilität, und die kritischen Funktionen der Bank blieben erhalten. Aber ja: Wir haben eingeräumt, dass wir Glück hatten. Wir haben immer unter der Annahme gearbeitet, dass eine größere Bank höchstwahrscheinlich an einem Freitag zahlungsunfähig werden würde. Dann hat man ein Wochenende Zeit, um daran zu arbeiten. Im Falle der Banco Popular war es aber ein Dienstagabend.

Und inwiefern hatten Sie Glück?

Erstens hatten wir eine ausgezeichnete Zusammenarbeit mit den spanischen Kolleginnen und Kollegen vom Fonds für geordnete Bankenrestrukturierung sowie mit der spanischen Nationalbank. Aufgrund der Finanzkrise waren sie in Spanien sehr gut vorbereitet: Sie wussten genau, was zu tun war. Zweitens hatten wir Glück in dem Sinne, dass das Management der Banco Popular im Prinzip den Boden bereitet hatte. Sie hatten bereits versucht, neue Aktionäre zu finden oder die Bank zu verkaufen.

Als wir einschritten, konnten wir im Grunde genommen auf die Arbeit, die bereits von ihnen geleistet worden war, zurückgreifen. Als wir uns an die interessierten Parteien wandten, waren dies Unternehmen, die bereits einen Blick in die Finanzdaten geworfen hatten und bereits die Möglichkeit gehabt hatten, sich zu entscheiden.

Welche Lehren haben Sie aus dem Fall der Banco Popular gezogen?

Wir sollten uns fragen: Was wäre, wenn wir keinen Käufer gefunden hätten, der sofort die Liquidität wiederherstellen kann? Was passiert, wenn es sich um eine noch größere Bank handelt? Was wäre, wenn wir weitere Schritte tun müssen, weil noch mehr Schäden zu decken sind?

Ich denke, wir alle haben in der Vergangenheit unter gewissen „Wunschvorstellungen“ gearbeitet. Man braucht einen Bail-In-Mechanismus, um das Kapital wiederherzustellen. Aber am Montagmorgen kehrt die Bank dann zurück auf den Markt und hat keine zusätzlichen Sicherheiten aus diesem reinen Bail-In-Mechanismus. Wenn wir also nicht in der Lage gewesen wären, die Banco Popular zu verkaufen, wäre es an der SRM gelegen, der Bank Liquidität zur Verfügung zu stellen.

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Welche Optionen werden aktuell besprochen?

Spanien verfügte damals nicht über ein Instrument, um sich ein wenig Zeit zu verschaffen, also ein „Moratorium“. Der EU-Rahmen für die Sanierung und Abwicklung von Kreditinstituten (BRRD) verfügt nun über ein solches Moratoriums-Tool für zwei Tage. Als ich in der Nacht, in der bei der Banco Popular interveniert wurde, nach unserem Plan B gefragt wurde, war die Antwort einfach: „Plan A muss funktionieren“. Das neue Moratorium ist eine Ultima Ratio, wenn wir uns Zeit „erkaufen“ müssen.

Da unser Fonds aufgestockt wurde, werden wir etwas mehr – aber nie genug – Spielraum haben, um mit Problemen bei global systemrelevanten Banken klar zu kommen. Aus diesem Grund drängen wir gemeinsam mit der Europäischen Kommission, den Mitgliedstaaten, der EZB und anderen darauf, eine Liquiditätsfazilität bei der Abwicklung einzurichten. Die Idee ist, Liquidität für, sagen wir, vier Wochen bis drei Monate bereitzustellen, die ersetzt werden soll, sobald die entsprechende Bank wieder in die normale Geschäftspraxis zurückgekehrt ist.

Welche bzw. wie viele Gelder haben Sie dafür zur Verfügung?

Wir werden bis Ende 2023 60 Milliarden Euro Backstop-Kreditlinie aus dem Europäischen Stabilitätsmechanismus erhalten, und wir werden rund 60 Milliarden Euro [von den Banken] einziehen lassen. Damit stehen uns 120 Milliarden Euro an Feuerkraft für die Rekapitalisierung – oder unter bestimmten Bedingungen für die Liquidität – zur Verfügung. Das hätte im Fall der Banco Popular unsere Probleme lösen können.

Aber wir werden natürlich dafür bezahlt, uns Sorgen zu machen. Deswegen: Was wäre, wenn eine global systemrelevante Bank in Schwierigkeiten gerät; wenn ihr Liquiditätsbedarf schnell 100 Milliarden oder sogar 150 Milliarden Euro erreicht? Das würde bedeuten, dass wir den gesamten Fonds für eine einzige Bank leeren müssen.

Gibt es Alternativen?

Wie im amerikanischen Beispiel können Sie sich eine Kreditlinie zur Abwicklung von der Zentralbank zur Verfügung stellen lassen. In diesem Fall muss die Zentralbank eine Garantieleistung erbringen. Das ist eine Option, die nur als konzertierte Aktion funktionieren würde, die von der EZB, dem SRB und vielleicht dem ESM gestützt würde. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir bereit wären, den „First Loss“ zu übernehmen, wenn eine Art „First-Loss-Garantie“ für diese Liquidität benötigt wird.

Wie weit sind die Gespräche darüber vorangeschritten?

Die Liquidität befindet sich noch in der Vorbereitungsphase. Mir ist bewusst, dass die EZB so viele Sicherheiten wie möglich haben will. Die Mitgliedstaaten wiederum äußern sich so wenig wie möglich; und wir stehen ein wenig in der Mitte. Das wird noch Zeit brauchen. Es würde sicherlich helfen, wenn wir am Ende der finnischen Ratspräsidentschaft irgendwie eine Idee haben, wie wir das Thema lösen können. Im Moment prüfen wir alle möglichen Vorschläge. Aber ich denke, wir alle verstehen, worum es geht. Es geht um die Frage, wie wir das Thema angehen.

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Facebook dürfte allerdings noch viel Arbeit vor sich haben, um die Anforderungen der Regulierungsbehörden für seine Kryptowährung Libra zu erfüllen.

Eine weitere potenzielle Herausforderung für das Finanzsystem könnte Facebooks Libra-Projekt werden. Ist Libra eine Gefahr für die Geschäftsergebnisse der Banken oder gar für die Finanzstabilität?

Für mich ist Libra vor allem immer noch ein undurchschaubares Wunder. Ich habe viele Papiere zu diesem Thema in meiner Tasche; die reisen gerade mit mir. Kurz gesagt: Ich bin besorgt. Ich bin mir nicht sicher, ob Libra eigentlich eine Währung ist. Ich bin mir nicht mal sicher, was es überhaupt sein soll.

Mir ist aber bewusst, dass sich die Zentralbanken einschließlich der EZB sehr intensiv damit befassen – und zwar zu Recht.

Weil Libra die Stabilität souveräner Währungen beeinträchtigen könnte?

Es könnte viele Dinge beeinflussen. Aber ich würde eher auf die Rentabilität der Banken zurückkommen, die ja unter Druck steht. Dafür gibt es nicht den einen Grund, aber es ist eindeutig, dass der Markt ein bisschen „überfüllt“ ist. Es gibt einen starken Wettbewerb. Das ist gut für uns als Kundinnen und Kunden, aber möglicherweise schlecht für die Banken.

Zweitens waren die Banken vielleicht etwas zu nachlässig und sind nicht ausreichend auf die sich ändernden Kundenbedürfnisse eingegangen.

Wir müssen aber auch im Auge behalten, dass wir uns bei Zahlungsdiensten und anderen Bereichen an den Grundsatz „gleiches Business, gleiche Risiken, gleiche Regeln“ halten. Wir sollten nicht zulassen, dass einige Spieler eine laxere und andere eine deutlich striktere Regulierung erfahren.

[Bearbeitet von Samuel Stolton]

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