Interessenvertreter:innen: „Farm-to-Fork“-Studien vermitteln kein „Gesamtbild“

Die "Farm-to-Fork"-Strategie, die eine Reihe von Zielen zur Ökologisierung der EU-Agrar- und Ernährungswirtschaft enthält, hat seit ihrer Vorstellung im Mai 2020 heftige Debatten ausgelöst, wobei die Interessengruppen vor ihren weitreichenden Auswirkungen warnten. [SHUTTERSTOCK]

Die landwirtschaftliche Produktivität könnte aus Sicht mehrerer Studien infolge der „Farm-to-Fork“-Strategie zurückgehen. Aus Sicht von Kritiker:innen zeichnen die Studien jedoch nicht das ganze Bild – die Strategie sei vielmehr auf dem richtigen Weg.

Die „Farm-to-Fork“-Strategie (F2F), die mehrere Ziele zur Ökologisierung der EU-Agrar- und Ernährungswirtschaft vorgibt, hat seit ihrer Vorstellung im Mai 2020 eine heftige Debatte ausgelöst. Interessenvertreter:innen warnen seitdem vor weitreichenden Auswirkungen.

Aus Sicht von Kritiker:innen zeigen die Ergebnisse dieser ersten Studien, dass die „Farm-to-Fork“-Ziele zwar erreichbar seien, aber die Gefahr bestehe, dass Lebensmittelproduktion und landwirtschaftliche Einkommen in der EU erheblich zurückgehen – Folgen, die Landwirtschaftsverbände in Bezug auf die Strategie befürchtet hatten.

Auf der anderen Seite beeilten sich Umweltorganisationen, auf Mängel der Studien hinzuweisen. Demnach sei nicht die gesamte Bandbreite der Vorteile berücksichtigt worden, die eine nachhaltigere Produktion dem Sektor bringen würde.

Der Hauptkonflikt zwischen den beiden Seiten besteht darin, dass die Industrie eine umfassende Folgenabschätzung für die F2F fordert. Währenddessen sind die Umweltverbände der Ansicht, eine Bewertung der einzelnen Maßnahmen der Strategie reiche aus.

Zu den kürzlich kritisierten Dokumenten gehört auch der lang erwartete technische Bericht der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS) der Europäischen Kommission über die Nachhaltigkeitsziele in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), der umstrittenerweise Mitte August veröffentlicht wurde.

In einer am 12. Oktober veröffentlichten Erklärung haben die europäischen Bauernverbände COPA-COGECA und eine Reihe von Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft gemeinsam ihre Besorgnis über die Ergebnisse der GFS zum Ausdruck gebracht.

„Die Daten deuten eindeutig auf Auswirkungen auf den Handel, auf die Einkommen der Landwirt:innen und letztlich auf die Verbraucherpreise hin“, heißt es in der Erklärung, die auch warnt, ein Umbau des Lebensmittelsystems würde unter diesen Bedingungen schwieriger werden.

Durch eine Anhebung von Verbrauchssteuern – wie vom Europäischen Parlament vorgeschlagen – könnte laut dem Papier dieser Prozess außerdem sozial ungerecht werden.

Die kürzlich veröffentlichten Studien seien jedoch nicht umfassend, so Jesus Barreiro-Hurle, leitender Wirtschaftswissenschaftler bei der GFS der Kommission und einer der Autor:innen der umstrittenen Studie.

„Unsere Studie konzentrierte sich auf die Sichtweise der Erzeuger:innen, vor allem der Landwirt:innen, aber wir decken alle anderen Aspekte nicht ab, wie zum Beispiel das Verbraucherverhalten“, betonte er kürzlich bei einer EURACTIV-Veranstaltung.

Die vier ausgewählten Ziele „haben die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sind aber weit davon entfernt, ein vollständiges Bild zu vermitteln“, schloss Jesus Barreiro-Hurle.

Diesen Punkt sprach auch EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski an, der am 18. Oktober twitterte, die Berichte seien „mit Vorsicht zu genießen“, da sie „nur eine begrenzte Anzahl von Zielen abdecken“.

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Die kritischsten Studien

Im November 2020 veröffentlichte der Economic Research Service des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) einen Bericht, in dem die möglichen wirtschaftlichen und damit verbundenen Auswirkungen der F2F analysiert wurden.

Die Studie kam zu dem Schluss, dass im Extremfall einer globalen Übernahme der EU-Strategie die Lebensmittelpreise weltweit um 89% steigen und die landwirtschaftliche Produktion um 4% zurückgehen würde.

Auf der gleichen Veranstaltung erklärte Jayson Beckman, Agrarökonom beim Economic Research Service des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA), dass die Ernährungsunsicherheit aufgrund der grünen Ziele der EU zunehmen könnte.

„Wenn weniger Produkte auf dem Markt verfügbar sind, werden die Preise steigen“, sagte er.

Auch die Ergebnisse einer neueren Studie, die von Forscher:innen der Universität Wageningen im Auftrag der europäischen Pflanzenschutzindustrie, Croplife Europe, durchgeführt wurde, deuten auf „erhebliche Ertragsverluste“ hin. Die Verluste könnten durchschnittlich 10 bis 20% betragen, wie Johan Bremmer, leitender Forscher für Pflanzengesundheit und Marktforschung an der Universität Wageningen, erklärte.

Aus Sicht von Barreiro-Hurle von der GFS beruhen jedoch alle bisher veröffentlichten Studien auf der Annahme, dass sich im Rest der Welt nichts ändern wird.

Der Forscher wies darauf hin, diese politischen Veränderungen fänden nicht im luftleeren Raum statt, und betonte: „Wenn eine Angelegenheit zu einer Priorität für alle Interessengruppen und Regierungen auf der ganzen Welt wird, sehen wir, dass Dinge, die unmöglich schienen, beginnen zu geschehen“.

Glas halbleer

Ein weiterer Kritikpunkt an den Studien ist, dass sie „die positiven Auswirkungen der Farm-to-Fork-Strategie überhaupt nicht berücksichtigen“, so Célia Nyssens, Referentin für Landwirtschaft beim Europäischen Umweltbüro (EEB).

„Die ganze Kritik basiert auf der Annahme, dass wir auf der Nachfrageseite nichts ändern“, sagte sie gegenüber EURACTIV und wies darauf hin, dass es im Gegenteil bereits Initiativen in der EU gebe, die sich zum Beispiel mit der Ernährungsumstellung befassen.

„Ist ein Produktionsrückgang wirklich so ein Problem, wenn es klar ist, dass wir die Lebensmittelverschwendung reduzieren und unsere Ernährung ändern müssen“, fragte sie.

Für den französischen Abgeordneten der Grünen und Mitglied des Landwirtschaftsausschusses des Europäischen Parlaments (AGRI), Benoît Biteau, „kennen wir die Antwort bereits“.

„Wenn es eine Sache gibt, die wir im Auge behalten sollten, dann ist es, dass wir auf der einen Seite die Möglichkeit eines Tugendkreises haben, auf der anderen Seite einen Teufelskreis, wenn wir im Status quo bleiben“, sagte er EURACTIV.

„Und wir wissen, dass wir, wenn wir vom Teufels- zum Tugendkreis übergehen, alle unsere Probleme lösen können – Klimawandel, Einkommen der Landwirte, Lebensmittelqualität – und dabei die Ernährungssicherheit perfekt garantieren können“, bekräftigte er und forderte die Lobbyist:innen auf, „ihre apokalyptischen Botschaften einzustellen“.

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[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/ Alice Taylor]

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