EU drängt auf Bio-„Chancen“ für afrikanische Landwirt:innen, aber Marktzugang bleibt gering

Doch obwohl der ökologische Landbau eine "gute Nachricht" ist, bleibt er nach Ansicht des kenianischen Landwirts Gabriel Uri im Moment "eher theoretisch als praktisch". [SHUTTERSTOCK]

Der Vorstoß der EU für den ökologischen Landbau könnte Dominoeffekte in ganz Afrika haben, aber nur, wenn afrikanische Landwirt:innen den gleichen Zugang zum europäischen Markt haben und über die Fähigkeiten und Ressourcen verfügen, um daraus Kapital zu schlagen, so die Interessenvertreter:innen gegenüber EURACTIV.

Es ist kein Geheimnis, dass der ökologische Landbau bei den Prioritäten der Europäischen Kommission im Bereich der Landwirtschaft ganz oben steht. Neben dem Ziel, die ökologisch bewirtschaftete Fläche in der EU bis 2030 zu verdreifachen, wie es in der Flaggschiff-Lebensmittelpolitik der EU, der Farm-to-Fork-Strategie, dargelegt wird, hat die Kommission zu Beginn des Jahres den Aktionsplan für ökologische Landwirtschaft vorgestellt.

In Afrika werden gegenwärtig nur 0,2% der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch bewirtschaftet.

Gleichzeitig ist der Anteil Afrikas an Bio-Exporten mit einem jährlichen Wert von rund 34 Milliarden Euro im Jahr 2017 immer noch marginal, obwohl die Nachfrage in Europa stark wächst.

Dies könnte sich jedoch nach Ansicht afrikanischer landwirtschaftlicher Interessenvertreter:innen ändern, wenn die EU den ökologischen Landbau weiter vorantreibt.

Gabriel Uri, ein kenianischer Agrarwissenschaftler und Landwirt, betonte die großen Auswirkungen der EU-Politik auf den Kontinent und erklärte gegenüber EURACTIV, dass er den Vorstoß der EU für den ökologischen Landbau als eine „sehr gute Sache“ betrachte.

„Es gibt hier noch viel Raum für Expansion“, sagte er und wies darauf hin, dass ein großer Teil des Bodens auf dem Kontinent immer noch ungenutzt sei.

Der ökologische Landbau sei zwar eine „gute Nachricht“, bleibe aber im Moment „eher theoretisch als praktisch“, mahnte er.

Dies sei auf eine Reihe von Einschränkungen zurückzuführen, nicht zuletzt auf die Besorgnis über Ertragsverluste.

„In der Praxis habe ich noch nicht gesehen, dass [der ökologische Landbau] hier so gut funktioniert“, sagte Uri und fügte hinzu, dass Landwirt:innen derzeit bis zu 50% ihrer Erträge verlieren können, wenn sie auf ökologischen Landbau umstellen.

Daher erzielen afrikanische Landwirt:innen oft „höhere Kosten, aber keine höheren Selbstkosten“, sagte er.

Dennoch seien viele Landwirt:innen an einer Umstellung auf den ökologischen Landbau interessiert – vorausgesetzt, der Preis stimmt.

„Bei den Landwirt:innen stellt man fest, dass sie bereit sind, die Extrameile zu gehen, solange sie die Vorteile sehen. Wenn das Thema also vorangetrieben wird, werden sich mehr Landwirt:innen dafür entscheiden“, sagte er.

Dies könne aber nur mit einem garantierten Markt geschehen, warnte er.

„Wenn ihnen der Markt garantiert ist, machen ihnen die zusätzlichen Investitionen nichts aus“, betonte er.

Auch Elizabeth Nsimadala, Präsidentin der Panafrikanischen Bauernorganisation (PAFO) und Leiterin des Ostafrikanischen Bauernverbandes (EAFF), die beide Millionen afrikanischer Landwirt:innen vertreten, erklärte gegenüber EURACTIV, dass der ökologische Landbau zu einem „neuen Kernstück“ der Beziehungen zwischen der EU und Afrika werden könnte.

Sie betonte jedoch, dass die afrikanischen Landwirt:innen immer noch eine „faire Verhandlungsposition benötigen, um einen gleichberechtigten Zugang zum europäischen Markt zu erhalten“, und wies darauf hin, dass der europäische Markt derzeit von China und lateinamerikanischen Ländern dominiert werde.

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Kleinbäuer:innen könnten den Anschluss verlieren

Es gibt jedoch auch Befürchtungen, dass vor allem kleine landwirtschaftliche Betriebe nicht in der Lage sein könnten, von dieser Chance zu profitieren.

Ein Grund dafür ist, dass die Landwirt:innen nachweisen müssen, dass sie nach EU-Standards wirtschaften, um Zugang zum EU-Markt zu erhalten und die höheren Preise für Bioprodukte zu erzielen.

Die Zertifizierung kann jedoch für Kleinbäuer:innen unerschwinglich sein, wie Uri betonte.

„Es ist nicht einfach, ganz und gar nicht einfach, deshalb schaffen es die Kleinbäuer:innen nicht. Großbäuer:innen hingegen können es schaffen, weil sie höhere Preise erzielen“, sagte er und fügte hinzu, dass die einzige Möglichkeit darin bestehe, sich in Gruppen für den Export von Bioprodukten zu organisieren.

Nsimadala von der PAFO wies darauf hin, dass es in vielen afrikanischen Ländern keine formellen Systeme zur finanziellen Unterstützung der Landwirt:innen gibt, die es ihnen ermöglichen würden, ihre landwirtschaftliche Produktion zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Der Zugang zu Finanzmitteln, die den Kleinbäuer:innen helfen würden, zusätzliche Kosten zu decken, ist ebenfalls knapp.

„Obwohl es inzwischen mehrere Mikrofinanzgruppen gibt, die in diesem Bereich tätig sind, haben nur sehr wenige Landwirt:innen Zugang zu ihren Finanzdienstleistungen, und wenn doch, dann sind die Kreditzinsen für die meisten sehr hoch“, sagte sie.

„All diese Hindernisse hindern afrikanische Landwirt:innen, insbesondere Kleinbäuer:innen, daran, die erforderliche Zertifizierung zu erhalten und die EU-Bio-Verordnungen einzuhalten“, betonte sie.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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