20 Jahre Euro: Erfolge und Schwachstellen

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, unterzeichnet die neue 20-Euro-Banknote in Frankfurt am Main, Deutschland, 27. November 2019. [Armando Babani EPA-EFE]

Obwohl der Euro offiziell am 1. Januar 1999 eingeführt wurde, wurde seine Verwendung erst am 1. Januar 2002 – als die ersten Euro-Münzen und -Banknoten in Umlauf gebracht wurden auch zur Alltäglichkeit.

Die folgenden sechs Grafiken geben einen Einblick in die Geschichte der europäischen Währung mit einigen ihrer Erfolge, Schwächen und Absurditäten.

1. Wie viele Euro-Banknoten gibt es eigentlich?

Im November 2021 waren nach Angaben der Europäischen Zentralbank (EZB) insgesamt 27.640.019.753 Euro-Banknoten mit einem Gesamtwert von 1.519 Milliarden Euro im Umlauf. Zusätzlich zirkulierten 141 Milliarden Münzen im Gesamtwert von 31 Milliarden Euro in Brieftaschen, Supermarktkassen, Hosentaschen und unter Sofakissen.

Obwohl immer mehr Verbraucher bargeldlos zahlen, ist die Zahl der im Umlauf befindlichen Euro-Banknoten gestiegen, und der Zuwachs hat in den letzten zwei Jahren sogar noch zugenommen. Forscher der Europäischen Zentralbank wiesen darauf hin, dass Euro-Banknoten zunehmend als Wertaufbewahrungsmittel verwendet werden, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Eurozone. Dies könnte vor allem während der durch die Pandemie verursachten Krise von Bedeutung sein.

„Eine mögliche Erklärung […] ist, dass sich die Menschen während der Krise dem Bargeld zugewandt haben, um mit der Unsicherheit umzugehen“, argumentiert Fabio Panetta, Mitglied des Direktoriums der EZB.

„Die schnellere Digitalisierung bedeutet nicht das baldige Ende des Bargelds“, fügte er hinzu.

Sogar die Anzahl der im Umlauf befindlichen Euro-Münzen steigt weiter an. Die zahlreichste Münze ist die 1-Cent-Münze, von der 38 Milliarden Münzen im Wert von 380 Millionen Euro im Umlauf sind. Wenn man sie alle aufeinander stapeln würde, würde dieser dünne Turm 63.460 km in den Weltraum reichen, etwa ein Sechstel des Weges zum Mond.

2. Die EZB-Bilanz als Geschichtsbuch

Die Geschichte des Euro ist zwar kurz, aber dafür turbulent: Die große Rezession von 2008, die Euro-Krise von 2010, der deflationäre Druck von 2015-2019 und die Pandemie haben alle ihre Spuren in der Bilanz der EZB hinterlassen.

Die KumulativWirkung der Reaktionen der EZB auf diese Ereignisse führte zu einer Verneunfachung der Aktiva in der EZB-Bilanz von 1999 bis 2021.

Darüber hinaus zeigt die sich verändernde Zusammensetzung der EZB-Bilanz, auf welch unterschiedliche Weise die Hüterin des Euro auf die Herausforderungen der Zeit reagiert hat.

Die Kategorie „Kredite an Kreditinstitute im Euro-Währungsgebiet in Euro“ (blauer Bereich in der Grafik) zeigt beispielsweise, wie die EZB in Krisenzeiten von den langfristigen Refinanzierungsgeschäften (LRGs) Gebrauch gemacht hat. In den Jahren 2008, 2012 und 2020 versorgte die EZB die europäischen Banken mit billigen Krediten durch diese LRGs, damit die Banken weiterhin Kredite an die Realwirtschaft vergeben.

Der Anstieg der Kategorie „Wertpapiere von Ansässigen im Euroraum“ (grüner Bereich in der Grafik) zeigt den Beginn des Programms zur quantitativen Lockerung (QL) Anfang 2015.

Da die Eurozone in eine Deflation abzurutschen drohte, begann die EZB unter ihrem damaligen Präsidenten Mario Draghi mit dem massiven Ankauf von Staatsanleihen und Unternehmenspapieren. Ziel war es, die Finanzierungsbedingungen für produktive Investitionen attraktiv zu halten, damit eine angeheizte europäische Wirtschaft dem deflationären Druck entgegenwirken konnte.

Die Ankäufe von Vermögenswerten wurden 2019 für einige Zeit gestoppt, dann aber wieder aufgenommen, um Ende 2021 einen Gesamtbetrag von mehr als 3,2 Billionen Euro zu erreichen.

EZB-Direktoriumsmitglied: Die Politik der Bank kann zu Ungleichheit führen

Isabel Schnabel argumentierte, dass die EZB-Geldpolitik zwar zu einem Rückgang der Ungleichheit bei den Arbeitseinkommen geführt hat, ihre Programme zum Ankauf von Vermögenswerten jedoch zu einer Vermögensungleichheit führen würden.

3. Die anhaltende Dominanz des US-Dollars

Eines der Ziele des Euro war es, die globale Dominanz des US-Dollars als Reservewährung anzufechten. Obwohl sich der Euro schnell als zweitwichtigste Währung etabliert hat und heute etwa 21% der weltweiten Devisenreserven auf Euro lauten, ist er noch weit davon entfernt, die Rolle des USD herauszufordern.

Dabei scheint der Euro sogar an Bedeutung zu verlieren. Denn  Anfang 2010 beliefen sich die in Euro gehaltenen Reserven noch auf 27% der weltweiten Devisenreserven.

Außerdem wird ein Großteil des internationalen Handels, der nicht zwischen EU-Ländern stattfindet, in USD abgewickelt. Dies verleiht den USA einen geopolitischen Druckmittel, da sie Ländern, Unternehmen oder Einzelpersonen verbieten können, Transaktionen in USD zu tätigen oder auf USD lautende Vermögenswerte zu halten. Somit sind die betroffenen Personen und Unternehmen im Wesentlichen aus dem globalen Handelssystem ausgeschlossen.

Die EU hat diese anhaltende Dominanz der USA zu spüren bekommen, als die USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran ausgestiegen sind und einseitig harte Wirtschaftssanktionen gegen den Iran verhängt haben. Eine stärkere internationale Rolle des Euro ist daher eine der Voraussetzungen für mehr „strategische Autonomie“ der EU.

4. Wie Deutschland sich durchsetzte, Teil 1

Überlegungen zu den politischen Konsequenzen von Währungen standen in Frankreich schon immer im Vordergrund der Überlegungen zum Euro. Die französische Regierung wollte weniger abhängig von den USA sein und auch der deutschen Dominanz in Europa entgegenwirken.

Als Deutschland die Wiedervereinigung anstrebte, stimmte dem die französische Regierung zu, allerdings unter der Bedingung, dass eine gemeinsame Währung eingeführt wird, mit dem Ziel, die deutsche Dominanz einzudämmen.

Viele Deutsche befürchteten, dass sie eine unabhängige Zentralbank als wichtigste Währungsinstitution verlieren könnten, was dann zu Inflation führen könnte. Da der Geist der Hyperinflation aus der Weimarer Zeit noch immer in den Köpfen der Deutschen herumspukte, stellte die Berliner Regierung sicher, dass die Preisstabilität als einziges vorrangiges Ziel einer unabhängigen Europäischen Zentralbank verankert wurde.

Und aus deutscher Sicht scheint der Plan aufgegangen zu sein. Denn die Infalationsrate in Deutschalnd blieb auch nach der Einführung des Euro auf niedrigen Niveau.

Im Jahr 2021 hat ein steiler Anstieg der Inflation (in der obigen Grafik nicht sichtbar) zu erneuten Befürchtungen geführt, dass die Inflation außer Kontrolle geraten könnte. In Deutschland waren die Politiker schnell dabei, die niedrigen Zinsen der EZB dafür verantwortlich zu machen. Die aktuelle pandemiebedingte Inflation hat ihren Ursprung jedoch in hohen Energiepreisen und anderen Schwierigkeiten in der Lieferkette, die die EZB nicht direkt beeinflussen kann.

Was sollte die Europäische Zentralbank gegen Inflation tun?

Angesichts zunehmender Inflationsängste warnen Analyst:innen, dass solange Energiekosten und Lieferkettenprobleme die Inflation antreiben, die Europäische Zentralbank außer Kommunikation nicht viel mehr gegen das Problem tun kann. 

5. Wie sich Deutschland durchsetzte, Teil 2

Wenn sich Deutschland in Bezug auf die Unabhängigkeit der Zentralbank und die kontrollierte Inflation durchgesetzt hat, hat Frankreich dann wenigstens eine Neugewichtung der wirtschaftlichen Kräfte in Europa erreicht?

Nicht wirklich.

Ohne den Euro hätte die deutsche D-Mark aufgrund der starken Wirtschaftsleistung in Deutschland aufgewertet werden müssen. Als Mitglied des Euro profitierte die deutsche Exportindustrie jedoch von einer relativ preisgünstigen Währung.

Genau andersherum verhielt es sich jedoch in anderen, insbesondere südlichen Mitgliedsstaaten. Dort hatte der für ihre Wirtschaftsleistung zu teure Euro, einen dämpfenden Effekt auf ihre globale Wettbewerbsfähigkeit.

Dieses Ungleichgewicht zeigt sich am deutlichsten in der Leistungsbilanz der Länder der Eurozone. Deutschland hatte selbst im Jahr 2020, als die Pandemie den Welthandel störte, einen Leistungsbilanzüberschuss von 230 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass Deutschland viel mehr Waren exportierte als es importierte.

Frankreich verzeichnete unterdessen ein Leistungsbilanzdefizit von 44 Milliarden Euro. Die Tatsache, dass weniger produktive Länder ihre Währung nicht abwerten können, um den Wettbewerbsnachteil auszugleichen, führte zu sozialen Problemen, vor allem in Südeuropa. Die Länder der Eurozone konnten nur hoffen, wettbewerbsfähig zu bleiben, indem sie die Arbeitskosten senkten, was niedrigere Löhne oder einen geringeren sozialen Schutz bedeutete.

Das Problem wird noch dadurch verschärft, dass Deutschland seinen Überschuss nicht investiert oder ausgegeben hat, was die Wirtschaft in der gesamten Eurozone gestützt hätte.

6 – Wo sind die Brücken auf den Euro-Banknoten?

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie die auf den Euro-Banknoten abgebildeten Brücken noch nie überquert haben?

Der Grund ist, dass sie fiktiv sind. Oder zumindest waren sie das einmal.

Ursprünglich schlug der Designer der Banknoten vor, echte Brücken abzubilden, wie die Rialto-Brücke in Venedig. Um jedoch politischen Streit darüber zu vermeiden, welche Brücken eines Landes auf der Banknote abgebildet werden sollten, entschied sich die EZB für stilisierte Modellbrücken, die für eine bestimmte architektonische Epoche stehen, statt für echte Exemplare.

Im Jahr 2011 ergriff die niederländische Stadt Spijkenisse jedoch die Marketingchance, als einzige europäische Stadt auf den Euro-Banknoten vertreten zu sein, indem sie die sieben Brücken über ihre Grachten tatsächlich baute.

Die Wirkung der nachträglichen Aneignung der Brücken auf den Banknoten durch Spijkenisse könnte jedoch bald verpuffen. Im vergangenen Dezember gab die EZB bekannt, dass sie an einem neuen Design für die Euro-Banknoten arbeitet. Eine Entscheidung über das neue Design wird für das Jahr 2024 erwartet.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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