Sonneborn und Meuthen Spitzenreiter in sozialen Medien

Martin Sonneborn und Jörg Meuthen sind die beiden deutschen Spitzenkandidaten mit den meisten Followern auf sozialen Medien. Das spiegelt nicht unbedingt die aktuellen Wahlprognosen wieder. [Foto: Twitter]

Es sind nicht unbedingt die politischen Schwergewichtige, die auf den sozialen Medien große Fangemeinden um sich scharen. Das zeigt eine neue Analyse. Was sagt das über die Chancen der Influencer im Wahlkampf aus?

Er scheint nichts ernst zu nehmen und gibt sich im EU-Wahlkampf betont lustlos – trotzdem ist der Europaabgeordnete und Satiriker Martin Sonneborn der wohl einflussreichste Influencer unter den deutschen Spitzenkandidaten. Zu diesem Schluss kommt eine am 22. Mai veröffentlichte Analyse der Firma Vico, die auf Social Media-Monitoring spezialisiert ist. Wenige Tage vor der Wahl hat sie die Aktivitäten von 18 deutschen und europäischen Spitzenkandidaten auf Facebook, Instagram und Twitter verglichen.

Demnach ist es ausgerechnet der fraktionslose Sonneborn, der mit knapp 540.000 Fans mehr als alle anderen deutschen Spitzenkandidaten hat. Damit hat er auch mehr Follower als die meisten europäischen Spitzenkandidaten, bis auf Oriol Junqueras, den inhaftierten katalanischen Spitzenkandidaten der EFA.

Es zeigt sich, dass die Fangemeinden in sozialen Medien kaum mit den Prognosen zum Ausgang der EU-Wahl einhergehen. Denn unter den Kandidaten auf das Amt des Kommissionspräsidenten kommt EVP-Chef Manfred Weber, dem die größten Siegeschancen eingeräumt werden, nur auf Platz fünf– nach Junqueras, Frans Timmermans (SPE), Margrethe Vestager und Ska Keller (Grüne/EFA).

Schaut man auf die Kandidaten der deutschen Parteien, kommt bei Weitem keiner an Sonneborns Followergemeinde heran. Auf Platz zwei mit 160.000 Followern folgt AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen. Dahinter liegen Justizministerin Katharina Barley (SPD) und Guido Reil, ebenfalls von der AfD.

Followerzahlen korrelieren kaum mit Wahlerfolgen

Soziale Medien sind längst zu einem zentralen Instrument im Wahlkampf geworden. Parteien investieren erhebliche Geldsummen in den Online-Wahlkampf, ein Politikerprofil wird in der Regel von einem ganzen Team von Spezialisten und Assistenten geführt.

Wieviel Arbeit in die Internetpräsenz der Kandidaten geht, ist relativ unterschiedlich. Mit über elf Posts täglich ist Sonneborn einer der aktivsten Spitzenkandidaten in den sozialen Medien. Unter den deutschen Kandidaten schlägt ihn nur Nicola Beer von der FDP mit doppelt so vielen Meldungen.

Doch so hoch die Followerzahlen einiger Politiker sind, so korrelieren sie kaum mit dessen Wahlerfolgen, sagt Orestis Papakyriakopoulos, politischer Datenanalyst an der Technischen Universität München. Zusammen mit anderen Forschern hat er an einer Studie zur Rolle sozialer Medien in der Bundestagswahl 2017 gearbeitet. Derzeit betreibt er eine Webseite, welche die Aktivitäten deutscher Parteien im EU-Wahlkampf verfolgt.

„Man darf bei solchen Analysen nicht vergessen, dass gerade Twitter nicht repräsentativ für die Bevölkerung ist. Die Plattform wird vor allem von politisch involvierten Menschen, von Wissenschaftlern oder Journalisten benutzt“, sagt er im Interview. Was im derzeitigen EU-Wahlkampf auffalle: Die Parteien investierten deutlich weniger in Wahlwerbung als noch zur Bundestagswahl. Damals stellten die Wissenschaftler fest, dass Parteien ihre Aktivitäten auf Onlineplattformen „sehr deutlich erhöht hatten”, schreiben sie in der Studie von 2018.

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AfD ist besonders aktiv

Eine Partei fiel in den Analysen immer wieder auf: „Die Dominanz der AfD auf Twitter ist erstaunlich, wenn man die Anzahl der Follower der Parteien vergleicht“, heißt es in der Untersuchung. Posts der Partei würden von ihren Followern überdurchschnittlich viel geteilt werden, da die Partei immer wieder dazu aufruft. Die überraschend starke Verbreitung von AfD-Inhalten im Netz könnte als Indiz interpretiert werden, dass die Inhalte der AfD populärer sind als die Partei selber, mutmaßen die Forscher.

Außerdem stellten sie fest, dass die unter AfD-Followern am häufigsten verwendete Reaktion auf geteilte Inhalte Wut war, bei anderen Parteien dominierten zumeist Belustigung und das „Liebe“-Icon. „Das muss nicht heißen, dass Anhänger der AfD wütender sind als andere“, erklärt Papakyriakopoulos. „Es bedeutet schlicht, dass viele Beiträge der Partei wütende Reaktionen hervorrufen. Gerade diese Polarisierung ist es ja, auf die viele Politiker setzen.“

Facebook hat Einfluss auf Wahlbeteiligung

Zurück zum Europawalkampf: Die Onlinepräsenz von Sonnenborn zu anderen Politikern wie Manfred Weber zu vergleichen, sei natürlich nicht ganz fair, merkt Marc Trömel, Geschäftsführer der Monitoringfirma an, welche die Analyse durchgeführt hat. „Sonneborn möchte vor allem unangenehm sein und unterhalten, Weber gehört einer Volkspartei an und muss bei einer breiten Masse mit seinem Wahlprogramm punkten. Das sind völlig unterschiedliche Positionen.“ Trotzdem könnten sich andere Politiker vom Satiriker auch etwas abschauen und das Ergebnis als „Anreiz nehmen, es doch auch mal mit etwas mehr Humor zu probieren”.

Inwiefern die Bemühungen der Spitzenkandidaten auf Twitter und Co bessere Wahlerfolge versprechen, ist schwer abzuschätzen. Einerseits steht die Reichweite der Followergemeinde nicht in Zusammenhang mit den Wahlprognosen. Andererseits haben Studien gezeigt, dass soziale Medien durchaus das Potential haben, Wählerverhalten zu beeinflussen. Das zeigte auch ein 2010 von Facebook durchgeführtes Experiment zur Kongresswahl in den USA. Nachdem 61 Millionen Facebook-Nutzern ein Banner angezeigt wurde, auf dem ein „Ich habe gewählt“ Button zu sehen war, informierten sich nicht nur mehr Facebooknutzer über die Wahl, auch die Wahlbeteiligung stieg an. Vielleicht lohnt sich das fleißige posten und tweeten der Kandidaten also durchaus.

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