Sicht auf die EU: Frankreichs Bürger sind differenzierter als ihre Politiker

Die Franzosen scheinen insgesamt optimistischer auf die Zukunft Europas als auf die Zukunft Frankreichs zu schauen. [Shutterstock]

Frankreichs Bürger haben eine differenzierte Sicht auf die EU, zeigt eine Umfrage: Die Franzosen seien weder völlig für noch gegen die EU; sie seien oft von Brüssel enttäuscht, verbinden mit der EU aber auch viele Hoffnungen. 59 Prozent der Befragten gaben an, sich mit der EU „verbunden“ zu fühlen. EURACTIV Frankreich berichtet.

Die Franzosen gelten gemeinhin als desillusioniert und oft uninteressiert an der EU. In Wirklichkeit scheinen sie hingegen gut informiert und kritisch zu sein, zeigt eine Umfrage. „Die Franzosen zeigen eine gewisse Sensibilität und Reife in ihrer Sicht auf die EU,“ glaubt auch Isabelle Jégouzo, Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Frankreich.

Während Politiker dazu neigen, eindeutige Positionen für oder gegen Europa vorzubringen, haben die Bürger eine deutlich differenziertere Sichtweise, so die Analyse von Kantar Europe, für die französische Staatsbürger über ihr Verhältnis zur Europäischen Union befragt wurden.

Zustimmung zu Europa, Misstrauen gegenüber EU-Institutionen

Die Zustimmung der jungen Europäer zur Europäischen Integration wächst. Zugleich misstrauen zwei Dritte der Befragten den EU-Institutionen.

„Eindeutig für oder gegen Europa zu sein, ist eine eher theoretische Position. Diese wird durch die politische Debatte vermittelt. Die französischen Bürger sind in ihrer Haltung hingegen weniger eindeutig: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung nimmt eine ambivalente Haltung ein,“ betont Emmanuel Rivière, der für die Studie von Kantar verantwortlich zeichnet.

Tatsächlich gab ein Viertel der Befragten an, „gegen Europa“ zu sein; ein Drittel erklärte, man unterstütze Europa. Die übrigen Meinungen waren weniger eindeutig.

Franzosen fühlen sich Europa verbunden, aber weniger der EU

Es zeigte sich allerdings dass die Franzosen grundsätzlich eine recht positive Einstellung zu „Europa“ an sich haben: „Bei der Schlüsselfrage, ob sie zu Europa gehören, schloss sich die Gruppe mit ambivalenten Aussagen zur EU den Pro-Europäern an,“ stellt Rivière fest.

62 Prozent der befragten Franzosen gaben an, Bürger der Europäischen Union zu sein. Doch nur 59 Prozent sagten, sie fühlten sich der EU „verbunden“. Dieses Niveau liegt unter dem europäischen Durchschnitt von 65 Prozent, aber höher als in Italien, Griechenland und Kroatien.

Es fällt darüber hinaus auf, dass die Verbundenheit mit der EU über die Zeit changiert. So sei dieses Gefühl bisher bei jeder Präsidentschaftswahl in Frankreich gestiegen. Vor allem bei den letzten Wahlen, als Emmanuel Macron einen dezidiert proeuropäischen Wahlkampf führte, sei die EU-Zustimmung in die Höhe geschnellt.

Studie: EU-Regionalpolitik beeinflusst Wahlverhalten

Wähler, die von der EU-Förderung in ihrer Region wissen, stimmen häufiger für pro-europäische Politiker, hat eine Studie herausgefunden. Dennoch bleiben EU-Strukturfonds weitgehend unbekannt – und oft ineffizient.

Die Vorbehalte der Franzosen lassen sich hingegen möglicherweise mit der Enttäuschung über das Scheitern der EU in einigen Bereichen erklären. Dies gilt insbesondere für Migration und Einwanderung, die 33 Prozent der Befragten für eines der Hauptthemen der EU halten.

Doch gerade die oftmals widersprüchliche Kommunikation des Europäischen Rates (also der EU-Mitgliedstaaten) könnte der Grund für diese Einschätzung sein.

Klima und Umwelt als Prioritäten

In der Umfrage wurden neben der Migration vor allem Klima und Umwelt als weitere Schlüsselthemen angegeben. Dies zeigt, dass sich die Themen seit den Europawahlen 2014, bei denen es vor allem um Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung ging, erheblich verändert haben.

Was die Vorteile des EU-Projekts betrifft, so lobten die Befragten vor allem Errungenschaften wie Reisefreiheit, die gemeinsame Währung, Frieden und kulturelle Vielfalt.

Darüber hinaus zeigten sich die Franzosen insgesamt optimistischer für die Zukunft Europas (51 Prozent) als für die Zukunft Frankreichs: Demnach glauben 70 Prozent der Bevölkerung, dass „die Dinge in Frankreich nicht in die richtige Richtung gehen“. Die einzigen Länder, in denen die nationale Situation noch schlechter eingeschätzt wird, sind Kroatien und Griechenland.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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