Sefcovic: Blockchain kann Wahlen sicherer machen

Maroš Šefčovič, Vize-Präsident der EU-Kommission. [EPA-EFE/OLIVIER HOSLET]

EU-Energiekommissar Maroš Šefčovič hat auf einer Konferenz die Zukunft der Blockchain-Technologie in Europa gepriesen und dabei vor allem auf die Bedeutung verwiesen, die sie bei künftigen Wahlen haben könnte. Cybersicherheitsexperten warnen vor der Anfälligkeit der derzeitigen digitalen Wahlsysteme.

„Blockchain kann die Abstimmungssysteme eines Tages stärken“, zeigte sich der Kommissar überzeugt. Die Technologie verspreche „weniger Fehler und weniger Betrug.“

Šefčovič hielt seine Rede vergangene Woche Mittwoch auf der Blockwalks-Konferenz in Bratislava, auf der diverse Beiträgen von Regierungsvertretern, Investoren, Professoren und Entwicklern aus der gesamten Technologiebranche gehalten wurden.

Experten warnen vor Cyberattacken auf EU-Wahlen 2019

Die EU-Parlamentswahlen 2019 könnten zum Ziel von Cyber-Attacken werden, warnt unter anderem die estnische IT-Sicherheitsagentur RIA.

In den vergangenen Jahren sind digitale Wahlsysteme auf der ganzen Welt vermehrt kritisiert worden. Cybersicherheitsexperten haben die Unzuverlässigkeit von Hardware sowie unsicher Datenbanken als die Hauptfaktoren genannt, die Hackern den Zugriff auf Wahldaten ermöglichen.

Stark anfällig für Hacks

Max Kaye, CTO für SecureVote aus Australien, das eine Blockchain-basierte Abstimmungsplattform anbietet, sagte auf der Veranstaltung, Europa müsse seine Wahlsysteme modernisieren, wenn es die Sicherheit der Wahlen gewährleisten wolle: „Herkömmliche Wahlsysteme sind praktisch nur durch Zufall gesichert. Es gibt keine vernünftige Möglichkeit, mit einer potenziellen Unterwanderung fertig zu werden – wenn diese überhaupt erkannt wird.“

Kaye erklärte weiter: „Das größte Problem für die Integrität von Wahlen ist die Tatsache, dass sie [die Hacks] nicht immer nachprüfbar sind. Wahlkommissionen können somit ihre eigenen Ergebnisse nicht garantieren.“

Anfang des Jahres war es auf der weltgrößten Hackerkonferenz DEFCON in Las Vegas einem Elfjährigen innerhalb von zehn Minuten gelungen, eine nachgeahmte Wahl-Website des US-Bundesstaates Florida zu infiltrieren und die Ergebnisse einer simulierten Wahl zu ändern.

„Es gibt einfach keine Möglichkeit, in Echtzeit zu reagieren,“ fügte Kaye hinzu. „Wenn ein System beschädigt ist, erfährt man davon zu spät – wenn man es erfährt.“ Mit einem auf Blockchain basierenden Wahlsystem würden mögliche Angriffe hingegen sofort erkannt und „mit der Bedrohung kann umgegangen werden, sobald sie erkannt wird“, zeigte sich der Australier überzeugt.

Vollständiges Vertrauen in das System

„Blockchain“ bezeichnet ein Paket aus mehreren digitalen Datensätzen, die verschlüsselt miteinander verbunden sind. Jeder Datenblock enthält dabei einen individuellen und einzigartigen „Stempel“, der den Block vor direkter Veränderung schützt.

Experten gehen davon aus, dass die Technologie in einer Vielzahl von Sektoren – von Finanzdienstleistungen über das Gesundheitswesen bis hin zu intelligenten Geräten – vielseitig einsetzbar sein wird. Beim angedachten Einsatz in Wahlsystemen würde eine Blockchain-Kette die abgegebenen Stimmen verschlüsseln und dadurch ein absolut sicheres und nachprüfbares Gesamtsystem bieten.

Kommission will Datenmissbrauch vor den Europawahlen bekämpfen

Die Europäische Kommission will demnächst Pläne zur Bekämpfung des Missbrauchs von personenbezogenen Daten im Vorfeld der Europawahlen 2019 vorlegen.

Laut Kaye würde ein solches Blockchain-Wahlsystem nicht nur die Integrität des demokratischen Prozesses garantieren, sondern auch eine Reihe weiterer Sicherheits-Vorteile bieten: „Sie können ihre Wahlabstimmung dann auf Ihrem iPhone überprüfen. Sie müssen sich auch keine Sorgen machen, dass Ihre Daten an Dritte weitergegeben werden können. Man kann diesem System hundertprozentig vertrauen.“

Europa hinkt hinterher, will aber aufholen

Beim Aufbau einer umfassenden Blockchain-Infrastruktur liegt Europa derzeit hinter China und den USA zurück. Die EU macht aber Fortschritte beim Versuch, diese Lücke zu schließen.

Im Rahmen ihrer Bemühungen um die Blockchain-Weiterentwicklung hat die Europäische Kommission Anfang des Jahres das EU Blockchain Observatorium and Forum eingerichtet, das unter anderem die Nutzung der Technologie auf dem Kontinent fördern soll.

Im April wurde auch die Erklärung zur Europäischen Blockchain-Partnerschaft unterzeichnet, die darauf abzielt, bei der Entwicklung einer Blockchain-Infrastruktur zusammenzuarbeiten. Diese könne „wertbasierte, vertrauenswürdige und benutzerorientierte digitale Dienste über Grenzen hinweg im digitalen Binnenmarkt verbessern“.

Bruno Alves, politischer Berater bei der Generaldirektion Connect der Europäischen Kommission, sprach in Bratislava darüber, wie wichtig es sei, Vertrauen in vernetzte Infrastrukturen zu schaffen. „Blockchain ist eine Technologie, die das Vertrauen in digitale öffentliche Dienste unterstützen kann“, sagte er. Dieses Vertrauen werde „zu einem immer wichtigeren Gut“.

Mit Blick darauf versucht die Kommission auch, eine europäische Infrastruktur für Blockchain-dienste zu schaffen, die „die Einhaltung höchster Sicherheits-, Vertraulichkeits- und Datenschutzstandards“ gewährleistet.

Meltdown und Spectre: Wie Deutschland mit IT-Schwachstellen umgehen sollte

Anstatt die gängige Praxis von Sicherheitsbehörden, Sicherheitslücken für Spionagezwecke auszunutzen, sollten sie eher für ihre Schließung zu sorgen, meint Matthias Schulze.

Sicherheit bei den EU-Wahlen

Das Vertrauen in die Integrität der Wahlsysteme war auch ein zentrales Thema bei den Gesprächen vergangener Woche im Rahmen der hochrangigen Konferenz der Kommission zum Thema „Wahlintervention im digitalen Zeitalter“.

Sicherheitskommissar Julian King bezeichnete „Angriffe, die auf Systeme und Daten abzielen, um den Wahlprozess und die Wahltechnologie zu stören“ als „schädlich für das Vertrauen der Bürger“.

Auch wenn die Kommission mit Blick auf die anstehenden EU-Wahlen in einem anderen sensiblen Bereich konkrete Schritte unternommen hat (indem sie einen Verhaltenskodex gegen Desinformation und Fake News schuf), sind viele Experten der Meinung, bisher sei nicht genug getan worden, um sicherzustellen, dass die in den Wahlgeräten verwendete Technologie wirklich lückenlos sicher ist.

Die EU übt den Fall Cyber-Angriff

Die EU-Verteidigungsminister halten erstmals eine Übung zu einem Cyber-Angriff ab. Die Simulation soll bei ihrem Treffen im September in Estland stattfinden.

Auf dem Gipfeltreffen des Europäischen Rates vergangene Woche zeigten die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten ebenfalls erste Ansätze, sich in diesem Bereich bewegen zu wollen.

In einem Gespräch mit Reportern am Donnerstag kündigte der Ratsvorsitzende Donald Tusk eine gemeinsame Vereinbarung zur Bekämpfung illegaler Cyberaktivitäten an. „Wir bitten die zuständigen Minister, an einem Sanktionssystem zu arbeiten, das speziell auf Cyberangriffe ausgerichtet ist,“ so Tusk.

Ein solches System solle dazu beitragen, „unsere Bürger, Unternehmen und Institutionen vor allen Arten von Cyber-Bedrohungen zu schützen.“

In den Schlussfolgerungen des Gipfels werden demtentsprechend Maßnahmen zur „Bekämpfung illegaler und bösartiger Aktivitäten, die Cyberangriffe ermöglichen“, aber auch Initiativen zum „Schutz der demokratischen Systeme der Union […] auch im Zusammenhang mit den bevorstehenden Europawahlen“ gefordert.

In der Gipfel-Mitteilung des EU-Rates wird außerdem gefordert, dass die von der Kommission vorgelegten Pläne für „Netze zur Zusammenarbeit bei Wahlen, Online-Transparenz, Schutz bei Vorfällen der Cybersicherheit, unrechtmäßige Datenmanipulation und Bekämpfung von Desinformationskampagnen“ rasch vorangebracht werden müssten.

Mit dem ausgegebenen Ziel, dafür zu sorgen, dass Wahlautomaten europaweit ausreichend sicher sind, und somit das höchste Maß an öffentlichem Vertrauen zu gewährleisten, dürfte der Reiz von Blockchain-basierten Systemen schwer zu ignorieren sein.

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