„Grüne Welle“ überrollt Europa

Auch in Frankreich haben die Grünen um Yannick Jadot einen Überraschungserfolg feiern können. [EPA-EFE/ETIENNE LAURENT]

Die Mobilisierung junger Menschen im Kampf gegen den Klimawandel und die zunehmende Wahrnehmung der Brisanz des Themas hat sich am Sonntag an den Wahlurnen in mehreren europäischen Ländern niedergeschlagen. EURACTIV Frankreich berichtet.

Mit zweistelligen Werten in vielen großen europäischen Ländern – darunter beeindruckende 20,5 Prozent in Deutschland – erzielten die Grünen Rekordgewinne bei den EU-Wahlen. Insbesondere jüngere Wählerinnen und Wähler dürften mit ihren Forderungen nach Maßnahmen zur Eindämmung der globalen Erwärmung zu diesem Erfolg beigetragen haben.

Im Vergleich zu den letzten EU-Wahlen 2014 hat die Umweltpartei ihre Ergebnisse in Deutschland praktisch verdoppelt und die Sozialdemokraten vom zweiten Platz verdrängt.

In Frankreich waren die Grünen mit 13 Prozent die Nummer drei, während sie auch in Österreich, Irland und den Niederlanden zweistellige Werte erreichten.

In Großbritannien lagen sie mit 12,4 Prozent ebenfalls fast doppelt so hoch wie zuvor und verwiesen die regierenden Konservativen auf Platz fünf.

Deutschland: Grüne in ungeahnten Höhen

Die Grünen sind die klaren Gewinner der Europawahlen in Deutschland. Die Partei konnte ihr Wahlergebnis im Vergleich zu 2014 praktisch verdoppeln.

Überraschungserfolg in Frankreich

Die französische Grüne Partei „Europe Ecologie les Verts“ (EELV) belegte bei der Wahl mit 13,1 Prozent der Stimmen überraschend den dritten Platz hinter dem rechtsextremen Rassemblement National (23,5 Prozent) und Emmanuel Macrons „Renaissance“ (22,5 Prozent).

Die Grünen verzeichneten damit einen Anstieg von vier Prozentpunkten im Vergleich zu 2014. 12 oder 13 französische Grünen-Abgeordnete werden somit ins Europäische Parlament einziehen.

„Auch nach dem Sieg des Rassemblement National werden wir weiterhin zeigen, dass umweltfreundliche Lösungen Lösungen für alle Menschen sind, auch diejenigen, die sich aktuell nicht vertreten fühlen,“ sagte die Europaabgeordnete Karima Delli von der EELV gegenüber France 2 unmittelbar nach Bekanntgabe der Ergebnisse.

„Ich bin sehr froh, dass vor allem junge Menschen zur Wahl gegangen sind; und es ist gut möglich, dass die Ökologie die wichtigste politische Macht ist, die junge Menschen mobilisiert. Das ist eine wunderbare Botschaft für die Zukunft,“ zeigte sich auch Yannick Jadot, Listenführer der EELV, zufrieden. „Heute Abend gehen wir eine feierliche Verpflichtung ein, einen Bürgerausschuss einzurichten, der Europa in dieser Hinsicht überwachen wird,“ fügte Jadot hinzu.

Deutsche Schüler präsentieren Klimaforderungen an Bundesregierung

Seit Monaten protestieren Schüler europaweit unter dem Motto „Fridays for Future“ für mehr politischen Einsatz in der Klimapolitik. Heute hat der deutsche Zweig der Bewegung erstmals ein politisches Forderungspapier präsentiert.

Am Freitag waren mehr als eine Million Jugendliche, SchülerInnen und Studierende zum zweiten globalen Klimastreik in 120 Ländern auf den Straßen. Die „Fridays for Future“-Bewegung, die von der jungen Schwedin Greta Thunberg initiiert wurde, forderte die politischen Führer damit erneut auf, mehr gegen den Klimawandel zu unternehmen.

„Wir haben das Gefühl, dass viele Erwachsene noch nicht ganz verstanden haben, dass wir jungen Leute die Klimakrise nicht alleine aufhalten können,“ betonten Thunberg und ihre deutsche Mitstreiterin Luisa Neubauer am vergangenen Donnerstag in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung.

Wahlerfolge in Irland, den Niederlanden, Deutschland, Belgien…

Dieser Aufruf wurde in mehreren anderen europäischen Ländern gehört: Die Grünen erzielten zum Teil beispiellose Durchbrüche und Wahlerfolge.

In Irland belegten sie mit 15 Prozent den dritten Platz – verglichen mit 4,9 Prozent bei den letzten Wahlen zum Europäischen Parlament im Jahr 2014. „Die grüne Welle hat die irische Küste erfasst,“ so der grüne Spitzenkandidat für die EU-Kommissionspräsidentschaft, Bas Eickhout, euphorisch.

Mit ihren gut 20,5 Prozent der Stimmen erreichten die Grünen auch in Deutschland ein historisch herausragendes Ergebnis.

Wie die Grünen zur Volkspartei werden wollen

Die Grünen wollen ihren Höhenflug verstetigen, sie formulieren neuen Grundsätze. Was wollen sie anders machen? Fragen und Antworten zum Thema.

In Belgien verdoppelten sie ihr Ergebnis in der Wallonie ebenfalls auf rund 20 Prozent, womit sie der liberalen Partei von Premierminister Charles Michel auf die Pelle rücken, die im Vergleich zum Mai 2014 bis zu sieben Prozentpunkte verlieren könnte.

In der Hauptstadt Brüssel entwickelt sich die „Ecolo-Groen“-Partei, die sich in den letzten Monaten für eine starke Klimamobilisierung eingesetzt hat, zur führenden politischen Kraft. Sie könnte sogar die Sozialdemokratische Partei „entthronen“ und künftig das Zepter in der Hauptstadtregion führen.

In den Niederlanden kam nach dem erbitterten Duell zwischen der regierenden liberalen Partei und der extremen Rechten der Sieg der sozialdemokratischen PvdA überraschend. Doch auch hier gewannen die Grünen einen weiteren Sitz im EU-Parlament (jetzt drei MEPs) und erreichten 10,5 Prozent der Stimmen (gegenüber sieben Prozent im Jahr 2014).

Insgesamt wird erwartet, dass die Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament künftig 71 Mitglieder zählen wird. Das geht aus den aktuellen Prognosen des Europäischen Parlaments hervor.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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