Das Rezo-Video zeigt, was junge Menschen an der Politik nervt

Rezos Video verbreitete sich so stark, dass die CDU es nicht ignorieren konnte. [Foto: JuliusKielaitis/shutterstock]

Kritik an zu wenig Klimaschutz, Ungleichheit und Inkompetenz: Auch wenn das Video des Youtubers Rezo zuspitzt und verkürzt, kann die CDU daraus etwas lernen. EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel berichtet.

Normalerweise kennen seine Fans den Youtube-Star Rezo von Videos wie „Die dümmsten Anmachsprüche“, „Crazy Schleim in Amazon-Überraschungsbox“ oder „Instagram Pärchen Fotos nachstellen“. Politische Relevanz: in der Regel gleich null. Am Samstag aber veröffentlichte der 26-Jährige mit den blauen Haaren ein Video, das nun die Führungsriege der CDU auf den Plan gerufen hat. Der Titel: „Zerstörung der CDU“. 55 Minuten, am Mittwoch schon mehr als 3,5 Millionen Mal aufgerufen.

Rezo sitzt in knallorangenem Pulli und mit ernster Mine vor der Kamera. Er habe sich mal angeschaut, was die CDU so mache. „Und ich muss ehrlich sagen: Fuck, ist das heftig, ich hab nicht gewusst, wie heftig das ist.“ Er werde in dem Video zeigen, „wie CDU-Leute lügen, wie ihnen die Kompetenzen für ihren Job fehlen, wie sie gegen Expertenmeinung Politik machen.“ Er werde zeigen, dass die CDU „unser Leben und unsere Zukunft zerstört.“

In der Regel nimmt die Politik von Youtubern wie Rezo kaum Notiz. Das letzte Mal, dass einer groß Schlagzeilen machte, war als der Youtuber LeFloid die Kanzlerin interviewen durfte und für seine eher unkritischen Fragen kritisiert wurde. Doch Rezos Video verbreitete sich so stark, dass die CDU es nicht ignorieren konnte. Generalsekretär Paul Ziemiak schimpfte am Mittwoch: „Rezo tut so, als gäbe es überhaupt nur eine einzige richtige Meinung, nämlich seine. Das ist gefährlich.“

Marian Bracht, der Büroleiter von Ex-CDU-Generalsekretär Peter Tauber, twitterte: „Ich sehe 1 Stunde unsaubere Recherche, einseitige Darstellung & viel Clickbaiting.“ Auch Journalisten kritisierten, Rezo treffe zwar zum Teil ins Schwarze, spitze aber zu und greife sich nur bestimmte Fakten heraus.

CDU und SPD tun sich bei jungen Wählern schwer

Am Mittwoch kündigte die CDU nach den ersten Reaktionen schließlich eine Videobotschaft von Philipp Amthor an – dem jüngsten CDU-Abgeordneten im Bundestag. Amthor ist genauso alt wie Rezo, aber politisch meilenweit von ihm entfernt. Offenbar hat sich in der CDU die Einsicht durchgesetzt, dass man den Youtuber nicht einfach so abkanzeln, sondern auch auf ihn eingehen sollte. Die Replik ist allerdings bislang nicht erschienen.

Tatsächlich könnte die CDU in dem Video sogar Antworten finden auf die Frage, warum sich die Union bei jungen Wählern so schwer tut. Bei den U18-Wahlen zur Europawahl, also einer Erhebung von Parteipräferenzen von Jugendlichen, kommt die CDU nur auf 13 Prozent. Bei der SPD sieht es nicht viel besser aus: 15 Prozent. Dazu passt, dass die Sozialdemokraten in Rezos Video ebenfalls nicht gut wegkommen. Deutlicher Gewinner bei den Wählern von morgen: die Grünen mit 29 Prozent. Für die spricht Rezo am Ende seines Video dann auch am Ende seines Videos indirekt eine Wahlempfehlung aus.

Dass die CDU bei jungen Wählern ein Problem hat, zeigte sich schon in der Debatte um die EU-Urheberrechtsreform – und speziell die darin enthaltene de facto Pflicht für Uploadfilter. Das heißt, dass Plattformen alle hochgeladenen Inhalte auf Urheberrechtsverletzungen überprüfen müssen. Youtuber gingen auf die Barrikaden, junge Menschen demonstrierten zu Tausenden dagegen. Die Kritiker befürchten Zensur im Internet.

Im Zentrum der Kritik: der CDU-Abgeordnete Axel Voss, der im Europaparlament Berichterstatter für die Reform war und mit zum Teil unbedarften Äußerungen über das Internet auffiel. Der Hashtag #niewiederCDU machte die Runde. Aber auch von der SPD waren viele Gegner der Reform enttäuscht. Justizministerin Katarina Barley hatte sich zwar gegen Uploadfilter ausgesprochen, stimmte im Rat aber trotzdem für die Reform.

Der Grund warum Youtuber Rezo der CDU unterstellt, sie zerstöre „unsere Zukunft“ liegt im Klimaschutz – beziehungsweise in der Nicht-Einhaltung der Klimaziele. Der Youtuber schimpft: „Ziele setzen und nicht einhalten, ist doch kein Verhalten für ’ne fucking Bundesregierung. Ziele setzen und nicht einhalten ist was für Leute, die abnehmen wollen.“

„Wenn dein Vadda reich ist, dann wirst du auch reich“

Vor allem die Fridays-for-Future-Demonstrationen der letzten Monate haben gezeigt, wie sehr die Klimakrise junge Menschen umtreibt – und dass sie offensichtlich nicht zufrieden damit sind, wie die Bundesregierung das Problem angeht. Youtuber Rezo, der eine CO2-Steuer fordert, widmet dem Klimathema in seinem Video fast ein Drittel der Zeit.

Ein weiteres großes Thema aus der Sicht des 26-Jährigen: die soziale Ungleichheit in Deutschland. „In den letzten Jahrzehnten hatte die CDU die meiste Macht. Und das Ergebnis davon ist, dass sich viele Sachen für die Reichen ziemlich geil entwickelt haben und für alle anderen nicht so.“ Rezo kritisiert die mangelnde Chancengleichheit. „Aufstiegschancen durch Bildung ist in Deutschland viel geringer als in den meisten anderen Industrieländern.“ In Deutschland sei es immer noch so, dass „wenn dein Vadda reich ist, dann wirst du auch reich.“

Zusätzlich nervt ihn die „krasse Inkompetenz“ von Politikern beim Thema Urheberrecht und Drogenpolitik. In dem Video zeigt Rezo Ausschnitte aus einem Interview des Journalisten Tilo Jung mit der Drogenbeauftragten Marlene Mortler. Darin macht die CSU-Politikerin eine sehr schlechte Figur. Auf die Frage, warum Cannabis verboten sei, sagt sie: „Weil Cannabis eine illegale Droge ist. Punkt.“ Auch kennt sie sich beispielsweise nicht damit aus, welche Erfahrungen Portugal mit der Entkriminalisierung von Drogen gemacht hat.

Eigenen Angaben zufolge hat der Youtuber mit seinen Mitarbeitern Hunderte Stunden in die Recherche und Produktion des Videos investiert. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Analyse und Polemik. Rezo sucht Negativbeispiele heraus und lässt seinem Ärger zum Teil freien Lauf. Dennoch zeigt er ziemlich genau, an welchen Stellen junge Menschen wie er von der Politik der Bundesregierung enttäuscht sind. Die ersten Reaktionen der CDU auf das Video kommentiert er bitter: „Dass die CDU mit belegloser Diskreditierung auf inhaltliche Kritik antwortet, ist natürlich nichts Überraschendes.“

 

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