Spitzenkandidaten-Debatte: Der Sieger heißt Twitter

Twitter-Nutzer des Hashtags #EUdebate2014 während der Maastrichter Debatte Foto: EURACTIV.com

Während der Debatte der EU-Spitzenkandidaten am Montag (28. April) in Maastricht wurde rege getwittert. Offen ist, wie groß der Einfluss von social media im Wahlkampf ist. EURACTIV Brüssel berichtet.

Insgesamt wurden 45.000 Twitter-Nachrichten während der Debatte abgesetzt. Die Zuschauer beteiligten sich an der Diskussion, indem sie dem Hashtag #EUdebate2014 des Events folgten.

Wer die Debatte gewonnen hat, ist offen. Aber alle Parteien zeigten sich beeindruckt vom Online-Interesse an der Diskussion. „Ich habe die Aufmerksamkeit in den sozialen Medien angeschaut, und es scheint, als ob die Menschen zugeschaut und zugehört hätten“, sagte Martin Schulz im Anschluss an die Debatte. „Wir waren unter den beliebtesten Hashtags in mehreren Ländern in ganz Europa. Das ist ziemlich beeindruckend“, sagt Giuseppe Porcaro vom European Youth Forum. 

Die Organisatoren der Debatte bestätigen in einem Statement, dass der Hashtag in sieben europäischen Ländern zu den gefragtesten gehörte: in Belgien, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, den Niederlanden und Österreich. Nach Angaben von Euronews verfolgten 70.000 Menschen die Debatte über Livestream.

Südeuropa goes Twitter

Die Debatte, die von der Universität Maastricht in Zusammenarbeit mit Euronews und dem European Youth Forum organisiert wurde, wollte insbesondere die Ansichten der Kandidaten zur Jugendarbeitslosigkeit beleuchten.  Was gegen die Rekordjugendarbeitslosigkeit getan werden könne und wie man gute Arbeitsplätze für junge Menschen schaffen könnte, das waren dann auch die ersten Fragen, die die vier Spitzenkandidaten erreichten. Die Europakarte zeigt, dass vor allem Südeuropäer die Debatte in den sozialen Medien verfolgten. Länder wie Griechenland, Italien und Spanien sind am Stärksten von Jugendarbeitslosigkeit betroffen. 

Gebrauch des Hashtags #EUdebate2014 während der Maastrichter Debatte. Quelle: EURACTIVc.comGebrauch des Hashtags #EUdebate2014 während der Maastrichter Debatte. Quelle: EURACTIVc.com

Kandidaten aus Deutschland und den Benelux-Ländern

Eine Analyse der gesendeten Tweets zeigt, dass die Kandidaten vor allem in ihren Heimatländern und deren Nachbarländern erwähnt wurden. Guy Verhofstadts Name tauchte meistens in Tweets aus den Benelux-Ländern und Frankreich auf. Jean-Claude Juncker und Ska Keller wurden sehr oft von Followern aus Deutschland, Frankreich und Luxemburg erwähnt. Martin Schulz hingegen wurde nicht nur von Followern aus Deutschland erwähnt. Twitterer aus Italien und Spanien zitierten und erwähnten ihn ebenso häufig. 

Die Erwähnung der Spitzenkandidaten in Tweets nach Mitgliedsstaaten. Foto: EURACTIV.comDie Erwähnung der Spitzenkandidaten in Tweets nach Mitgliedsstaaten. Foto: EURACTIV.com

Bei der weiteren Analyse der Tweets aus den EU-Mitgliedsstaaten zeigt sich, dass das größte Twitter-Interesse aus deren Hauptstädten kam. Ob Athen, Dublin, London oder Rom, die Bewohner dieser Städte zeigten mehr Interesse als der Rest des Landes. 

Die sozialen Medien als zentrales Wahlkampfelement

Viele europäische Parteien führen zum ersten Mal einen Wahlkampf, der den sozialen Medien einen wichtigen Platz einräumt. Die Europäische Volkspartei (EVP) hat einen digitalen „war room“ eingerichtet. Junge Mitarbeiter der Partei versuchen, online die Aufmerksamkeit potenzieller Wähler zu bekommen. Die Grünen verkündeten bereits im Herbst 2013, dass sie die ersten Online-Vorwahlen in Europa abhalten würden. Auch die Sozialdemokraten und Liberalen stecken eine beträchtliche Summe Geld in den Online-Wahlkampf.

Allerdings ist das die große Herausforderung für die EU-Politik. Wie können Bürger auf diese Art erreichen werden, denen Informationen zur EU fehlen? Nach Angaben einer Umfrage zum Medienkonsum in Europa bevorzugen 75 Prozent der Bürger das Fernsehen als Informationsquelle für Europapolitik. Auch die Printmedien stehen hoch im Kurs. 40 Prozent aller Befragten geben an, dass diese eine ihrer beiden Hauptquellen für Informationen seien. Zwei von zehn Europäern sagen, dass sie das Internet überhaupt nicht nutzen.

Von den sozialen Medien erhofft man sich außerdem einen Anstieg der Wahlbeteiligung. Diese ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gesunken. Bei den letzten Europawahlen 2009 lag sie bei lediglich 43 Prozent. „Die Wahlbeteiligung war gering in den letzten Jahren. Aber als 2009 in Europa zum letzten Mal Wahlen stattfanden, hatte Facebook 100 Millionen Nutzer. Heute haben wir 1,2 Milliarden Nutzer“, sagt Elizabeth Linder, Europapolitik-Expertin bei Facebook gegenüber EURACTIV. „Anhand unserer Daten checken Smartphone-Nutzer ihre Handys 150 Mal pro Tag. Das ist eine große Chance für die Menschen um sich aktiv mit Politik zu befassen. Und ich versuche die Politiker dazu zu bewegen, diese Leute zu erreichen.“

Nach Angaben einer vom Meinungsforschungsinstitut Gallup durchgeführten Umfrage vom 29. April benutzt die überwiegende Mehrheit der US-Nutzer ihr Handy nicht für politische Kommunikation. „Die mobile Kommunikation als Verbindung zwischen potenziellen Wählern und der Politik ist ausbaufähig“, so Gallup.

Das Fernsehen zieht noch immer

Die Präsidentschaftsdebatten werden alle zusammen mit Fernsehmedien organisiert. Die Debatte zur Lage der Union wird auf RaiNews 24 übertragen. Am 15. Mai werden bis zu 20 landesübergreifende TV-Sender die „TellEurope“-Debatte übertragen. Dies sei sehr wichtig um den Durchschnittsbürger zu erreichen, meinen Beobachter der Europawahlkämpfe. Matthias Lüfkens vom Public Relations-Unternehmen Burson-Marsteller sagt gegenüber EURACTIV, dass man Wahlen immer noch am besten über das Fernsehen gewinnen könne. Andrew Keen äußert sich kritischer gegenüber der Fokussierung der EU-Institutionen und Parteien auf die sozialen Medien. „Wir sind dem ausgesetzt, was wir bereits gut finden. Das ist das, was [Internetaktivist] Eli Pariser als ‚Filterblase‘ bezeichnet“, sagte der amerikanische Internetunternehmer gegenüber EURACTIV in einem früheren Interview.

Für die Diskussion am Montag stellt sich deshalb die Frage, wer die aktiven Twitter-Nutzer sind. Wie viele der 45.000 Tweets gehen auf die Social-Media-Teams der Parteien, die Accounts der Kandidaten oder die Parteimitglieder zurück?

Subscribe to our newsletters

Subscribe
UNTERSTÜTZEN