Zum 9. November:  Der Mauerfall und die Hoffnungen, die sich damit verbanden. Bilanz eines großen Scheiterns.

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Mit dem Mauerfall am 9. November vor 30 Jahren erfolgte eine Zeitenwende, die eine alte Ordnung unter sich begrub und die Chance zu einem völligen Neubeginn eröffnete. [epa]

Mit dem Mauerfall am 9. November vor 30 Jahren erfolgte eine Zeitenwende, die eine alte Ordnung unter sich begrub und die Chance zu einem völligen Neubeginn eröffnete. Aber die Freude und die Hoffnungen auf eine bessere und friedvollere Weltneuordnung sind zerstoben. Es war nicht alles gut, was damals aufeinander traf und sich daraus entwickelte.

Gerhard Losher war von 2008-2017 Leiter der Europaredaktion des Bayerischen Rundfunks, Fernsehen und ARD Europakorrespondent vertretungsweise. Danach Wechsel in unternehmensstrategische Funktion.

Die Lebenslügen der deutschen Vereinigung

1989: Da gab es eine selbstverliebte, erfolgreiche BRD, die die DDR schon längst abgeschrieben hatte. Kaum einer glaubte wirklich ernsthaft noch an eine „Wiedervereinigung“. Und es gab eine DDR, die nach fast 50-jährigem Bestehen trotz  Systemzwang und Verfolgung ebenfalls eine Eigenstaatsidentität hervorgebracht hatte, die bis heute –  wenn auch nur von einem Teil der Bevölkerung geteilt – in dem Satz gipfelt: „Es war nicht alles schlecht, was in der DDR war …“

Nicht erfolgte Vergangenheitsbewältigung I: Nazi Diktatur

Genau dieser Satz, aber unter anderen Vorzeichen, war auch in der frühen BRD immer wieder zu hören: „Es war nicht alles schlecht was unter Hitler war“. Es hat schwerster Auseinandersetzungen bedurft, dass in Westdeutschland die Widersinnigkeit der Hitlerkriege, die rassistische Verblendung und als Gipfel die Menschenvernichtung nicht nur der Soldaten, sondern Nachbarn, Mitbürgern, vor allem Juden, endlich thematisiert und vergegenwärtig wurde. In der DDR ist das nicht geschehen.

Im Staatsnarrativ der DDR fand der Nationalsozialismus nicht statt, denn der war ja Bestandteil des Klassenfeinds BRD. Aber die „Denke“, oder der „rassistische Bodensatz“, wie man heute angesichts des Erstarkens der AfD wieder sagen darf, lebte unvermindert weiter. In der DDR drückte er sich aus in massiven Skinhead Bewegungen der 1970er und 80er Jahre, die, weil nicht staatsgefährdend, stirnrunzelnd und z.T. sogar wohlwollend in Kauf genommen wurden.  So hat ein illiberales, geschlossenes Weltbild mit Wurzeln in der NS-Ideologie im DDR-Staat weitergeschlummert. Aber den hat das nicht gestört. Viel schlimmer war, dass sich abzeichnete, dass im Systemwettlauf der Ost- und der Weststaaten das östliche Plansystem dem westlichen Marktwirtschaftssystem hoffnungslos unterlegen war.

Nicht erfolgte Vergangenheitsbewältigung II: DDR Systemversagen

Nun wurden alle Register gezogen, um diese Unterlegenheit ideologisch zu überspielen: Propaganda, Bespitzelung, Unterdrückungssysteme, Menschenrechtsverletzungen, – alles wurde in Bewegung gesetzt, um eine anfangs noch willige Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Aber am Ende funktionierte es nicht mehr. Das Ergebnis war eine „Abstimmung mit den Füßen“. Neuere Forschungen sprechen von  570.000 DDR Bürgern, die seit dem Mauerbau 1961 in die Bundesrepublik gelangt sind. Darunter die todesmutigen Mauerflüchtlinge, vor allem aber die Abertausende von der Bundesrepublik freigekauften Ausreisewilligen, zumeist inhaftiert.

Menschenhandel als staatliches Geschäftsmodell – „Reißleine 1989“:

Dieser Menschenhandel war es, der der ewig klammen und siechen DDR seit dem von Franz Joseph Strauß 1983 eingefädelten Milliardenkredit noch über weitere 6 Jahre ein Überleben sicherte. 1989 aber zogen die DDR Bürger die „Reißleine“: Es waren nicht die Montagsdemonstrationen, die dem System den Garaus bereiteten, sondern die Tatsache, dass die eigene Bevölkerung ihrem Land den Rücken kehrte. Allein im Jahr 1989  haben 300.000 Menschen ihr Land, ihre Heimat, ihr familiäres und soziales Umfeld verlassen. Das waren knapp 2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Erst ging es über die grüne Grenze: Ungarn – Paneuropäisches Frühstück, durchschneiden des Eisernen Vorhangs durch Gyula Horn. Dann,  nachdem das ungarische Loch durch Visumspflicht gestopft wurde, die Ausreise über die Tschechoslowakei. In den Zufahrts- und Nebenstraßen zur Deutschen Botschaft in Prag stauten sich Hunderte, wenn nicht Tausende von Trabbis, deren früher stolze Besitzer dieses DDR-Wohlstandssymbol einfach weggeworfen, den Schlüssel stecken lassen haben, um ihrem Land den Rücken zu kehren. Bedrückende Szenen. Was muss passieren, dass ein so großer Teil des Volkes das eigene Land verlässt? Wie kann man da heute noch – unterstellt im Vollbesitz der eigenen geistigen Kräfte zu sein -, die Frage aufwerfen, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht.

Und dann, nachdem auch der Weg über die CSSR behördlich abgeschnitten wurde, bekamen die Montagsdemonstrationen noch eine besondere Dynamik.

Nicht erfolgte Vergangenheitsbewältigung III: Abwicklung, Treuhand, Aufspaltung in Gewinner und Verlierer

Die DDR, und mit ihr der gesamte Ostblock, ist nicht aus ideellen, freiheitlich oder sonstwie idealistischen Gründen zusammengebrochen, sondern schlicht und einfach, weil die dem System zugrundeliegende Wirtschaftsordnung (RGW) nicht mehr funktionierte. Es war eine Implosion, keine Revolution. Das System war kaputt, nicht mehr lebensfähig. Aber die Menschen hatten sich darin eingerichtet und, soweit sie sich zum Bleiben entschieden hatten, ihr eigenes Soziotop und gesellschaftliches Narrativ entwickelt. Und dieses Soziotop wurde abgewickelt: Wiedervereinigung, Treuhand, Inklusion in den Westen.

In dieser Phase wurde Willy Brandts Satz „es wächst zusammen, was zusammengehört“ umgemünzt in die Devise „Es wächst zusammen, was dem Investor gehört“.

Dies hat zu unglaublichen und eigentlich vermeidbaren Verwerfungen geführt.

Fehler gab es auf beiden Seiten:

  • Helmut Kohls Versprechen „In 5 Jahren blühende Landschaften“ war unverantwortlich. Es erzeugte die Assoziation, dass die starke und reiche BRD mit einem Fingerschnipsen die DDR dahin führen könnte, wo sich das „Mutterland“ bereits befand.
  • Die Arroganz, mit der westliche Glücksritter den „neokolonialen Osten“, wie Sie es empfanden, überschwemmten, hat tiefe Furchen und Wunden gerissen.
  • Aber die Grundsituation war eine andere: Die DDR-Wirtschaft war buchstäblich am Ende. Die großen Industriebetriebe „Leuna“, „Trabant-Zwickau“, „Jena“ waren Industrieruinen. Wer damals in eine „moderne“ Fabrikhalle der Noch-DDR schaute, erblickte finsterstes industrielles Mittelalter. Die Trabantwerke in Zwickau kannten noch nicht einmal ein durchgehendes Förderband. Plötzlich war das Band zu Ende. Die bis dahin montierte Karosse musste umgehoben werden, weil irgendein Hallenerweiterungsbau nicht in gerader Linie, sondern um Meter nach links oder rechts versetzt war. Es war damals, 1989/90, ein belustigendes Bild, durch ganz Zwickau immer wieder LKWs und Güterzüge mit halbfertigen Trabbikarosserien rauschen zu sehen, weil sie von einer Fertigungsstätte zur anderen transportiert wurden.

Das ist die Tatsache, der wir hätten ins Auge sehen sollen: Der Staat war wirtschaftlich produktiv am Ende. Aber darüber wurde hinweggeschwurbelt. Von Zig Milliarden Produktivvermögen der DDR war die Rede. Wer diesen Unsinn glauben wollte, obwohl die heruntergekommene Straßenfassade vor seinem eigenen Hauseingang noch an die Kriegsruinen des 2. Weltkriegs erinnerte und ihm das Gegenteil vor Augen führte, der hat es eben geglaubt. Legendenbildung.

Nicht erfolgte Vergangenheitsbewältigung IV: Heldenerklärung und die Mär von der „Friedlichen Revolution“

Jetzt sind wir gerade dabei, eine Vierte Legende oder Lebenslüge zu stricken: Die Mär von der „Friedlichen Revolution“: Wenn man den Begriff „Revolution“ rein wörtlich, als „Umwälzung“ nimmt, dann mag das ja so sein. Aber wenn man ihn in eine Reihe stellt mit der französischen Revolutionen von 1789 – man beachte die Zahlenmystik –  den deutschen Revolutionen von 1848 oder 1918, dann ist der Heldenmythos für 1989 fehl am Platz. Ja, die Montagsdemonstranten hatten Mut gebraucht, auf die Straße zu gehen. Ja, Gorbatschows Spruch gegenüber Honnecker „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ hatte zwar schon auf eine gewisse Öffnung hingewiesen; aber dass Egon Krenz bei einem Besuch in Moskau am 1. November vom russischen Geheimdienstchef auf bevorstehende Großdemonstrationen in der DDR hingewiesen wurde, und klar war, dass Russland dazu keinen Finger rühren würde, das konnten sie nicht wissen. Auch nicht, dass Egon Krenz daraufhin, wie er behauptet, ein Schusswaffenverbot erlassen hatte. Zweifellos gehörte damals Mut dazu, auf die Straße zu gehen, aber die Dynamik des 9. Novembers war eine andere: Es war die Implosion eines Systems, und wenn jetzt in unserer „offiziellen“ Berichterstattung die, die damals auf die Straße gingen, den Heldenstatus erlangen, dann ist das nichts anderes als der hilflose Versuch, einem abdriftenden, AfD wählenden Bevölkerungsteil populistisch nach dem Mund zu reden.

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