Wie viel Europa steckt in de Maizières „deutscher Leitkultur“?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Nach dem Lesen der Grundsätze für eine deutsche Leitkultur von de Maizière ist man versucht, unseren Partnern in Europa zuzurufen: macht Euch bloß keine Sorgen! So sind wir nicht, meint Petra Erler. [Pabak Sarkar/flickr]

Nach dem Lesen der Grundsätze für eine deutsche Leitkultur von de Maizière ist man versucht, unseren Partnern in Europa zuzurufen: macht Euch bloß keine Sorgen! So sind wir nicht. Dieses Pamphlet hat unser Minister wahrscheinlich gar nicht gelesen, nur abgezeichnet.

Zu den vorgeschlagen Grundsätzen gehört, dass Deutschland das „wahrscheinlich europäischste Land in Europa“ sei, weil – so die Begründung – wir die meisten Nachbarn hätten. Wenn das stimmen würde, wäre Russland das „wahrscheinlich europäischste Land in Europa“. Es hat insgesamt 14 Nachbarländer (darunter 10 europäische), während Deutschland es gerade mal auf schlappe 9 angrenzende Staaten bringt.  Umgekehrt wären dann Großbritannien, Irland, Island, Malta und Zypern die wahrscheinlich am wenigsten europäischen Länder in Europa. In dem Fall könnten wir froh sein, dass die EU die Briten loswird. Wer braucht schon ein Land, das so wenig europäisch ist?  Und man beginnt zu ahnen, warum (dem Hörensagen nach) der deutsche Kabinettchef des Kommissionspräsidenten die ohnehin gespannten Beziehungen der EU27 zu Großbritannien regelrecht zu vergiften versuchte.

Im besten Fall kann man die verquere Logik als Resultat mangelnder Allgemeinbildung ansehen, dann allerdings mit bedenklichen Folgen für die Antwort auf die Frage, ob das Haus de Maizière den eigenen Ansprüchen an das leitende kulturelle Bild von uns Deutschen genügt.  Was aber, wenn die unsichtbare Hand des Kremls dahintersteckte, der, wie die Verfassungsschützer von de Maizière fürchten, unsere Wahlen beeinflussen möchte? Welches Thema eignete sich besser zur Einflussnahme als die alles bewegende  Frage „was uns im Innersten zusammenhält“? Genauso so steht es im Text. So verengt sich das Bestreben des Faust, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, auf uns selbst und wer, wenn nicht die Russen, könnten ein Interesse daran haben, unsere Weltsicht ganz auf uns zu konzentrieren?  Darauf, was uns von anderen unterscheidet. Was Deutschsein ausmacht.

Wessen Geistes Kind war der Schreiberling, der uns zum „wahrscheinlich europäischste Land Europas“ erhob? Wie verträgt sich das mit dem Gedanken, dass wir „nicht über und nicht unter anderen Völkern“ sein wollen, wie es in der Kinderhymne von Bertold Brecht heißt.  Denn die wird auch im Text bemüht, allerdings mit einem anderen Zitat, um festzustellen, dass wir „aufgeklärte Patrioten“ sind, sein dürfen. Dass jedoch die Kinderhymne überhaupt ins Spiel gebracht wurde,  hat etwas subtil Subversives.  Schließlich gab es im Zuge der deutschen Einigung die Ansicht,  dass dem geeinten Deutschland eine neue Nationalhymne gut zu Gesicht stünde: die Kinderhymne.  Aber die alte Hymne ist sakrosant, wie man an anderer Stelle erfährt. Was soll also diese Übung?

Auch ist zu lesen, dass  (wir) „als Deutsche immer auch Europäer (sind). Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen“.  Welches Europa? Die EU, der Europarat oder der Kontinent? Und wieso wird dieses diffuse „Europa“ nur als Transmissionsriemen deutscher Interessenpolitik betrachtet? Diesem „Europa“, dem ein starkes Deutschland gut tut. Wodurch unterscheidet sich diese Sichtweise von der längst in der EU  vorhandenen Befürchtung, die Deutschen sähen die Integration nicht mehr als Wert an sich, nicht mehr als den einzig möglichen, friedlichen Weg,  der das deutsche Gewicht in Europa für seine Nachbarn und Partner erträglich macht?  Waren beim Schreiben etwa Putins „trojanische Pferde“ am Werk? Das erste Ziel der europäischen Integration jedenfalls ist, ein für alle Mal sicherzustellen, dass Deutschland nicht noch einmal zur Gefahr für sich und andere wird.

A la Bundesinnenministerium gehört zu unserer Leitkultur auch, dass wir wissen, dass Deutschland „tiefste Tiefen“ durchlebte. Dieser erbärmlich verklausulierte Hinweis auf  barbarischste Verbrechen, die Deutsche im Namen Deutschlands begangen haben,  ist allerdings fein säuberlich getrennt vom Anspruch „Wir sind eine Kulturnation“. Die „Kulturnation“, die sich zur Herrenrasse erklärte, die Welt in Brand setzte und den Holocaust gebar – wie leben wir heute damit?  Auch dazu gibt das Papier  eine Antwort, die in ihrer Schlichtheit kaum zu übertreffen ist: „Die geo­gra­fi­sche Mit­tel­la­ge hat uns über Jahr­hun­der­te mit un­se­ren Nach­barn ge­formt, frü­her im Schwie­ri­gen, jetzt im Guten.“ Es war also die geographische Mittellage, die früher an allem schuld war. Wie gut für uns, dass diese Mittellage sich jetzt als einsichtig erweist.

Überhaupt: Was bedeuten die Leitkulturthesen für das Zusammenleben der Deutschen mit den Völkern in der Europäischen Union oder im weiteren Sinne auf diesem Planeten?

Also wir sind ein Volk, das sich mit Namen vorstellt und zur Begrüßung die Hand gibt. Richtig: wie hieß gleich der Präsident der Europäischen Kommission, der sich nie vorstellt, und alle umarmt und abküsst, auch die Kanzlerin?

Allgemeinbildung hat bei uns einen Wert.  Warum die besten Universitäten in Großbritannien liegen, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass das bereits elitäre Bildung ist.

Wir sind stolz auf Leistung.  Demzufolge gehen wir davon aus, dass Leistung uns auszeichnet. Während die Griechen etwa , so Bild.de  „an allen Ecken und Enden das Geld verprassen!“

.Wir sind Erben unserer Geschichte.  So wie jedes Volk seine Geschichte erbt. Nur das die „tiefsten Tiefen“ (man spürt regelrecht, wie einen das Land der Dichter und Denker anweht) in der Geschichte sehr vieler anderer Völker durch Deutsche verursacht wurden.

Wir sind eine Kulturnation und bei uns wird zu festlichen Begegnungen Musik gespielt. Diese Feststellung wird gewiss weltweit mit Freude aufgenommen worden sein. Gut, dass wenigstens in einem Land musiziert wird!

Bei uns herrscht eine strikte Trennung von Kirche und Staat, aber kirchliche Feiertage prägen unser Land.  Tatsächlich ist die Regelung von Feiertagen in der EU ein echter Albtraum, weil es überall so viele verschiedene geschichtlich und religiös motivierte Feiertage gibt.

Wir sind eine konsensorientierte Gesellschaft und aufgeklärte Patrioten. Weswegen dann zum Beispiel der Herr Bundesminister der Finanzen auch, so berichtet der ehemalige griechischen Finanzminister G. Papaconstantinou in seinem Buch „Game Over“ (ebook, Position 1717), die Kollegen zur Ordnung rufen muss, indem er erklärt, dass über eine bestimmte Frage nicht mehr diskutiert werden könne, da der Deutsche Bundestag dies schon anders entschieden habe.  Und siehe, es ward Konsens!

Wir sind Teil des Westens, auch der NATO. Was die NATO angeht, sind die armen Österreicher einfach hinter dem Mond.

Wir haben ein kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen, wie etwa das Brandenburger Tor, den 9. November. Oder den Gewinn einer Fußball-WM.  Das sind Orte und Daten, an die sich die ganze Welt erinnert. An den 9. November in sehr zwiespältiger Art und Weise. An den 8. Mai 1945 erinnern wir Deutschen uns lieber nicht. Auch nicht, dass und wann wir Polen überfallen haben, oder Frankreich, oder Großbritannien oder Griechenland oder die Russen. Denn irgendwann muss es ja auch mal gut sein, oder?

Der aufmerksame Leser der Leitkulturthesen vermisst allerdings das Wort „Exportnation“. Wurde das schlicht vergessen?

Die Dringlichkeit der neuerlichen Leitkulturdebatte drängt ebenfalls die Frage auf, was eigentlich die Frau Bundeskanzlerin in Sachen deutscher Leitkultur in Europa unternimmt: in Sotschi schüttelt sie Putin die Hand, in Saudi-Arabien den Saudis, in der EU aber gibt es Küsschen hier und Küsschen da. Man erinnere sich nur der innigen Szenen mit Sarkozy!

Und höret, liebe Miteuropäer: wir sind nicht Burka – Ihr vielleicht, wir nicht! Wir schauen einem jedem von Euch gerade ins Gesicht und wissen ganz genau, was wir von Euch zu halten haben: Eher nichts. Aber in dem Punkt seid Ihr nicht allein, siehe Präsident Trump, der das medial auch ständig von uns zu hören kriegt. Nur dann nicht, wenn er „zur Vergeltung“ Bomben schmeißen lässt,  auch wenn er dazu nicht von der UN ermächtigt wurde.  Wir finden das „verständlich“.

Je suis Charlie“? Nun, das wiederum kann nicht Teil der deutschen Leitkultur sein,  denn das ist französisch.  Zudem bejahend, solidarisch, dem Terror trotzend.

Kurz: Wenn der Text unter dem Namen de Maizières nicht bei dem führenden deutschen Medium für Politik, Kultur und Geschichte, der Bild am Sonntag,  erschienen, sondern über das „russische Wikileaks“  (Frau Clinton) in die Öffentlichkeit gelangt wäre, wäre die Sachlage eindeutig:  ein Beweis für den Informationskrieg, mit dem der Kreml unsere demokratische Verfasstheit und die europäische Integration auszuhöhlen versucht.

Aber vielleicht ist es auch einfach nur so, dass das Bundesinnenministerium europapolitisch recht unbedarft ist, allerdings sehr viel davon versteht, was manche in Deutschland leider nur zu gerne hören: wir, die wir deutschen Blutes sind,  sind schlicht und einfach die Besten und ergo das europäischste europäische Land.  Und überhaupt ein Segen für Europa, ach was, für die Welt. Das waren wir, das sind wir, das werden wir sein. Amen.

Dr. Petra Erler ist Geschäftsführerin der „The European Experience Company GmbH“ in Potsdam und ehemalige Kabinettschefin des damaligen EU-Kommissars Günter Verheugen in Brüssel.

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