Warum Europa? Über Zweck und Macht Europas

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Stakeholder Opinion

Europa ist in erheblichem Maße einer größeren Vielfalt von Risiken ausgesetzt und zudem Schock anfällig. Nichtsdestotrotz könnte es keinen besseren Zeitpunkt geben, um europäische Ideen und Werte in die Gestaltung der Zukunft einzubringen. [Alexandros Michailidis]

Die Welt ist zersplittert und die Zukunft ist ungewiss. Es entstehen neue Paradigmen und Erzählungen. Warum sollte Europa dann die Antwort sein? Und was genau macht Europa „europäisch“? Europa lässt sich am besten durch seine Geschichte, seine Leiden und Revolutionen, die Ideen von Freiheit und Menschlichkeit, die Aufklärung und seine Kraft der Vergebung und Versöhnung verstehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen die europäischen Nationen, auf den Trümmern stehend, zu vergeben, ohne zu vergessen, um einer besseren gemeinsamen Zukunft willen.

Henning Vöpel ist der Direktor des Centrums für Europäische Politik.

Wenn man sich vorstellt, dass die Tatsache, auf welchem Kontinent man geboren wurde, eine Lotterie ist, so gibt es in Bezug auf Wohlstand, Gerechtigkeit und Freiheit immer noch kein besseres Los als „Europa“. Das Europa von heute ist nicht mehr nur ein Projekt für Frieden und Freiheit, aber die europäische Integration zu einem unumkehrbaren Prozess zu gestalten, der eine Wiederkehr von Nationalismus und Krieg verhindert, bleibt so wichtig wie eh und je. Dies ist Insbesondere der Fall in einer Zeit, in der die Feinde einer offenen Gesellschaft immer stärker zu werden scheinen und eine Bedrohung für die liberale Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit darstellen.

Was sind wir einander schuldig? – aus dieser kantischen Frage lässt sich das ethische Fundament Europas ableiten: Einander zuhören, weil der andere Recht haben könnte, einander respektieren, weil der andere eine andere Perspektive haben könnte, den Menschen eine Stimme und eine Wahlmöglichkeit geben – das kann als die gemeinsame Grundlage Europas angesehen werden. Es ist die Überzeugung, dass Freiheit und Verantwortung, Wahrheit und Toleranz, Würde und Solidarität, Fortschritt und Gerechtigkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Diese Werte inspirieren uns weiterhin bei der Gestaltung der Zukunft, gleichzeitig werden jedoch das Prinzip der liberalen Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit gefährdet.

Die geopolitische Verschiebung hat zu einer Krise des Multilateralismus und einem Kampf der politischen Systeme und Ideen zwischen den USA, China und Europa geführt. Dies geht einher mit einer Neuverteilung der Macht beim Übergang zu einer multipolaren Weltordnung. Nach Charles Kindleberger, der die vielfältigen Übergänge von einer alten zu einer neuen Weltordnung im Laufe der Geschichte beschrieben hat, legt die sogenannte „Thukydides-Falle“ nahe, dass militärische Konflikte während eines solchen Übergangs wahrscheinlicher werden. Die Konflikte in der Ukraine und in Taiwan sind die Elefanten im Raum.

Derweil ist Europa im Westen durch ein brüchiges transatlantisches Bündnis mit den USA geschwächt und im Osten durch den wachsenden Einfluss Russlands und Chinas auf den osteuropäischen Raum bedroht. Interne Bedrohungen gehen von neonationalistischen und populistischen Bewegungen aus, die in Polen, Ungarn, aber auch in Frankreich, Italien und sogar Deutschland immer noch stark sind. In gewisser Weise zwischen diesen beiden Seiten gefangen, leidet Europa zunehmend unter einem Mangel an Führung (Souveränität) und Governance (Legitimität), was eine trilaterale Initiative als offenen „Club der Willigen“ (Frankreich, Italien, Deutschland) erforderlich machen könnte.

Außerdem werden die Pandemie, der Klimawandel und die neuen Technologien die Welt, in der wir leben, radikal verändern. Der Schutz der Menschen und des Planeten, der verantwortungsvolle Umgang mit künstlicher Intelligenz und Daten, die Gewährleistung des Zugangs zu Ressourcen, die Sicherung globaler Lieferketten – all diese Themen haben gezeigt, dass Europa Schock anfällig und in erheblichem Maße einer größeren Vielfalt von Risiken ausgesetzt ist.

Andererseits verfügt Europa über alle Voraussetzungen, um daraus eine bessere Welt zu machen. Die Europäische Kommission hat viele wichtige Gesetze auf den Weg gebracht, wie z.B. den Data Governance Act und das Green-Deal-Programm. Aber durch Cyberangriffe, extraterritoriale Bedrohungen, regionale Konflikte und globale Krisen werden Sicherheit und Widerstandsfähigkeit systemisch immer wichtiger. Europas Handlungsfähigkeit und -freiheit ist der entscheidende Faktor für seine Souveränität.

In einer Welt der Unsicherheit und Komplexität ist es wichtig, Vertrauen in die Institutionen und die Glaubwürdigkeit der Politik zu schaffen, damit die liberale Demokratie den Verlockungen des Autoritarismus widerstehen kann. Gleichzeitig bietet die Zukunft hervorragende neue Möglichkeiten. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt geben, um europäische Ideen und Werte in die Gestaltung der Zukunft einzubringen.

Ein innovatives europäisches Unternehmertum, Spitzenleistungen in der Wissenschaft und eine Führungsrolle in Forschung und Entwicklung werden entscheidend sein. Der Psychologe Joseph Henrich hat nachgewiesen, dass im Laufe der Geschichte Nonkonformität und Kooperation der Schlüssel zum kulturellen Fortschritt waren. Die wertvollsten Ressourcen Europas sind seine Vielfalt und Kreativität. Mit Entschlossenheit und Kraft kann Europa sein enormes Potenzial freisetzen und die Zukunft in Angriff nehmen. Wenn also die Frage lautet, wie wir in Zukunft leben wollen, sollte die Antwort Europa lauten.

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