Österreich stellt sich seiner Geschichte

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

1938, sprach Adolf Hitler von der Rampe der Wiener Hofburg.. Heute erinnert Österreich an den "Anschluss" an Nazi-Deutschland vor 80 Jahren.. [ADN-ZB/Archiv]

„Die Geschichte lehrt ständig, findet aber keine Schüler“. Dieses Zitat der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann hat sich die politische Führung Österreichs zu Herzen genommen und zelebriert geradezu die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte.

Anlass sind der 85. Jahrestag der Ausschaltung des Parlaments und damit der Beginn eines fünf Jahre währenden „Austrofaschismus“ sowie der 80. Jahrestag der Auslöschung Österreichs auf der Landkarte aufgrund der De-Facto-Annexion durch Hitler-Deutschland. Für Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka sind die Gedenkveranstaltungen eine Möglichkeit zur Schärfung des Bewusstseins, die bis zu den „Niederungen des politischen, des allgemeinen Alltags“ reicht. Und eine Möglichkeit so manches Bild über Österreich zurecht zu rücken.

Seine Botschaft: „Eine starke Demokratie braucht einen starken Parlamentarismus, begleitet und gestützt von starken Institutionen und klaren Spielregeln, einer unabhängigen Justiz in einem rechtsstaatlichen Rahmen, wo sich das Recht auch gegen Widerstand durchsetzen lässt. Das sind die Voraussetzungen dafür, dass politische Konflikte nicht auf der Straße ausgetragen werden.“ Das wiederum setzt eine Grundhaltung voraus, „die sich heute als demokratisches Prinzip durch alle Bereiche unserer Gesellschaft zieht, im täglichen Leben, in der Familie, in der Schule, in den Vereinen, in den Gemeinden – bis hin zum Parlament.“

Hitlers Geburtshaus wird Sozialeinrichtung

Der jahrelange Streit um Adolf Hitlers Geburtshaus hat nun ein Ende gefunden. Die Enteignung durch die österreichische Republik ist durch die Verfassung gedeckt.

Eine Dokumentation der „Gesellschaft für Landesverteidigung und Sicherheitspolitik“ versucht die Geschichte Österreichs in den letzten 100 Jahren im Zeitraffer verständlich und erklärbar zu machen.

Von 53 auf 6 Millionen geschrumpft

Zunächst: Um den 4. März 1933 und den 11. März 1938 besser zu begreifen, muss man bis ins Jahr 1918. Damals, am 3. November unterzeichnet Kaiser Karl in der Villa Giusti bei Padua den Waffenstillstand, am 11. November verzichtet er auf jegliche Teilnahme an den Staatsgeschäften, am Tag darauf wird in Wien die Republik „Deutsch-Österreich“ ausgerufen. Ein Name, in dem sich die Hoffnungslosigkeit widerspiegelt, als ein von fast 53 auf sechs Millionen geschrumpfter Kleinstaat zu überleben, der aber mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages von St. Germain verboten wird, sodass ab Oktober 1919 nur noch von der „Republik Österreich“ die Rede ist. Mit dem Eintritt der USA und der Sowjetunion in den Ersten Weltkrieg sind zwei neue Weltmächte aufgetreten, die zunächst das alte Europa abgelöst haben, schließlich aber auch zur West-Ostkonfrontation führen sollen. Für Österreich beginnt mit dem Zerfall der Monarchie, die 636 Jahre das Land, den Kontinent und seine Menschen prägte, ein Überlebenskampf, der auch zu einer innenpolitischen Konfrontation führt.

Von der Radikalisierung zur Parlamentsausschaltung

Ein Gipfelpunkt dieser Entwicklung ist zunächst der 4. März 1933. Sechs Jahre nach dem Brand des Wiener Justizpalastes wird eine tragende Säule der demokratischen Ordnung ihrer Funktion beraubt. Ein Streit über das Streikrecht im März 1933 führt zum Rücktritt der drei Natio­nalratspräsidenten und damit zur Selbst­ausschaltung des Parlaments. Mit eine Rolle, dass es dazu kam, spielte nach Ansicht vieler Historiker auch die Radikalisierung eines Flügels der Sozialdemokraten, der eine kommunistische Diktatur nach sowjetischen Vorbild anstrebte. Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, noch 1932 in einem demokratischen Wahlgang gewählt, ergreift die Macht, lässt die Regierung mit Notver­ordnungen weiterarbeiten und proklamiert schließlich eine neue Verfassung. Die Parteien werden aufgelöst, ein sogenannter Ständestaat wird gegründet. Das Land wird au­toritär regiert. Die Zeit des „Austrofaschismus“ ist angebrochen.

Die Vorgeschichte zur Katastrophe

Ludwig Jedlicka, einer der profiliertesten Zeithistoriker: „Die Entwicklung des Jahres 1933 in Österreich kann nur aus der Vorgeschichte dieses europäischen Schicksalsjahres verstanden werden.“ Und tatsächlich, die gravierenden sozialen Folgeer­scheinungen der ersten globalen Wirtschaftskrise sind der Nährboden für radikale politische Strömungen, lassen Bewegungen, wie den Natio­nalsozialismus, entstehen und anwachsen. Durch ganz Europa geht eine faschistische Welle. In Italien tritt Benito Mussolini mit seiner faschistischenPartei zum „Marsch auf Rom“ an. In Spanien kommt es zum Bürger­krieg zwischen Links und Rechts. In Deutschland gründet Adolf Hitler die NSDAP, die Nationalsozialisti­sche Arbeiterpartei. Die Weltöffentlichkeit verkennt die Gefahr. Die Zersplitterung der Parteienlandschaft, die Verkennung des Ernstes der Situation, auf die das Land zusteuert, begünstigt die Machtergreifung. Hitler wird am 30. Jänner 1933 Reichskanzler und schafft innerhalb von zwei Monaten eine Ein-Partei-Diktatur.

Österreich weicht der Gewalt

Der erste Versuch Hitlers, einen Umsturz in Österreich herbeizuführen scheitert. Am 25. Juli 1934 unternehmen die Nazis einen Putschversuch und be­setzen das Bundeskanzleramt. Bun­deskanzler Engelbert Dollfuß wird erschossen. Die Revolte aber niedergeschlagen. Kurt Schuschniggübernimmt die Regierungsgeschäfte im autoritär regierten Österreich. Mit der Zeit sucht er das Gespräch mit den Sozial­demokraten und versucht vor allem die „braune Gefahr“ abzuwehren. Zu spät und nicht entschlossen genug. Österreich kann dem Druck von Nazi-Deutschland nicht mehr standhalten und muss eine kurzfristig anberaumte Volksabstimmung absagen. Der amtierende Bundeskanzler Kurt Schuschnigg schließt das Kapitel der Ersten Republik in seiner Radioansprache mit den legendären Worten: „Gott schütze Österreich“. Am Tag darauf, es ist der 12. März, lässt Adolf Hitler seine Truppen einmarschieren. Hunderttausende jubeln ihnen zu. Viele, zu viele haben über Nacht das Hemd gewechselt. Nicht wenige ahnen aber auch, dass eine noch unvorstellbare Leidensgeschichte beginnt. Diese wird etwas mehr als sieben Jahre dauern.

Es gab Opfer, aber auch Täter

Vor 75 Jahren – am 30. Oktober 1943 – wird mit der Moskauer Deklaration Österreich zugestanden, erstes Opfer des Nationalsozialismus zu sein. Allzu lange vergisst man hierzulande den Folgesatz, nämlich, dass das Land nicht nur Opfer war sondern auch Täter stellte. Die Wiederauferstehung Österreichs nach dem Krieg, die Wiedererlangung von Freiheit und Souveränität, das Erwachen eines neuen Nationalbewusstseins, der Aufstieg von einem kaum überlebensfähigen Land nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Wohlstands- und Wohlfahrtsstaat, führt zu Vergessen und Verdrängen der jüngeren Vergangenheit.

Kurt Waldheim, angesehener und auch von der SP-Ikone Bruno Kreisky geschätzter UNO-Generalsekretär, dessen 100ster Geburtstag am 21. Dezember dieses Jahres ansteht, bekommt im Präsidentschaftswahlkampf 1986 die ganze Last der Aufarbeitung der Vergangenheit zu spüren. Er, der sich wie hunderttausende nicht wehren konnte in den Krieg gezwungen zu werden, wird mit der Frage „Warum habt ihr das zugelassen“ konfrontiert. Und muss die Antwort schuldig bleiben.

Der Sprung über den Schatten

Auslösendes Moment ist innenpolitischer Hader. Seine von der Volkspartei unterstützte Kandidatur für das höchste Amt im Staat macht den Weg frei, dass erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik kein Kandidat der SPÖ in die Hofburg einzieht. Das will man so nicht hinnehmen und legt ihm in einer inszenierten Kampagne zur Last, in seinen beiden Büchern über seine UN-Tätigkeit die Kriegsvergangenheit verschwiegen zu haben. Eine internationale Historikerkommission spricht ihn frei von Schuld. Was nichts daran ändert, dass er zur Symbolfigur für eine Generation wird, der man vorwirft, Mitläufer gewesen zu sein, nicht Widerstand geleistet, die Wahrheit schubladisiert zu haben.

Waldheim springt, was in Vergessenheit geraten ist, über den vermeintlichen Schatten. In seiner Neujahrsansprache als Bundespräsident am 1. Januar 1988 stellt er als erster Spitzenpolitiker unmissverständlich klar: „Es gibt Österreicher, die Opfer, und andere, die Täter waren. Erwecken wir nicht den Eindruck als hätten wir damit nichts zu tun.“

Europa braucht eine gemeinsame Erinnerungskultur

Die Ausbeutung der Geschichte geschieht im Guten, wie im Schlechten, meint Petra Erler.

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