Nicht nur die EU, auch die Kirchen ringen um Einigkeit

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

Von der Ökumene wäre im Luther-Jahr mehr zu erwarten gewesen, meint Herbert Vytiska. [Foto: dpa]

 

Das Martin-Luther-Gedenkjahr hätte mehr Fortschritte in Bezug auf die Ökumene, also für einer „Völkerverständigung“ auf Kirchenebene erwarten lassen.

In Rom sitzt mit Papst Franziskus ein Oberhaupt der katholischen Kirche, das offen für Reformen und neue Wege ist. Anlässlich der Feierlichkeiten zum sechzigsten Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge sprach der Heilige Vater den Vertretern der EU ins Gewissen und sagte wörtlich: „Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich der Zukunft öffnet“.

Diese Botschaft sollte aber auch für so manche Kirchenvertreter gelten. Denn In Bezug auf die Überwindung der Spaltung des christlichen Lagers heißt es vorerst nur, dass es zwar Fortschritte gäbe, es aber schneller gehen könnte. „500 Jahre nach Luthers Thesen ist die Theologie weiter als die Kirchenleitungen“, formulierten es zwei führende Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche in Österreich.

Interessant ist ein Blick in die Statistik. Nicht der Islam, sondern das Christentum – ist laut einer Studie des Research Centers aus dem Jahr 2015 – mit rund 2,28 Milliarden Anhängern die größte Weltreligion. Rund 1,75 Milliarden Anhänger zählt der Islam, 1,01 Milliarden der Hinduismus sowie 0,5 Milliarden der Buddhismus. Etwa 1,17 Milliarden Menschen gelten als konfessionslos.

In Europa steigt die Zahl der Konfessionslosen

Weltweit verzeichnet im Übrigen die katholische Kirche den stärksten Zuwachs, während die Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes von Stagnation gekennzeichnet sind. Es fällt außerdem auf, dass in Europa, dem so genannten christlichen Abendland, die Zahl der Konfessionslosen vor allem seit den 1970er Jahren im Steigen begriffen war. Mit dem Effekt, dass die so genannte „Alte Welt“ im Vergleich zum Rest der Welt zu einem säkularisierten Kontinent geworden ist.

Auch die aktuellen Zahlen für Deutschland, Österreich, die Schweiz und die Niederlande zeigen, dass die katholische und evangelische in den letzten 50 Jahren an Terrain in der Bevölkerung verloren haben. So kommen beide Kirchen gemeinsam auf einen Bevölkerungsanteil von 56 Prozent in Deutschland, 62,2 Prozent in Österreich ebenso wie in der Schweiz und 39 Prozent in den Niederlanden. Generell verzeichnet die katholische Kirche, die in den genannten Ländern zwei Drittel der Anhänger stellt, derzeit aber eine gewisse Festigung. Vor allem für reformatorische Kräfte ist das ein Anlass, die Ökumene noch stärker zu forcieren.

Die Basis wünscht Reformen

Die Bischöfe Dr. Helmut Krätzl (für die katholische Kirche) und Dr. Michael Bünker (für die Evangelischen) brachten bei einer Diskussionsveranstaltung der Österreichischen Gesellschaft für Völkerverständigung die Situation auf den Punkt. Seit dem Zweiten Vatikanum (1962 bis 1965) sei in Sachen Verständnis füreinander und Annäherung von katholischer und evangelischer Kirche zwar einiges weitergegangen, es bleibe aber noch genug zu tun, und es könnte und sollte alles sehr viel schneller gehen.

Für Weihbischof Krätzl, der immer zu den Reformatoren innerhalb der österreichischen Kirche zählte, ist „die Theologie bei der Ökumene viel weiter als die Kirchenleitungen“. Eine Kritik, die nicht nur an Dorfpfarrer sondern auch an höchste Würdenträger gerichtet ist und in der Umgebung des Papstes durchaus geteilt wird: „Es geht mir noch zu langsam! Die Basis drängt danach!“. Tatsächlich spiegelt auch das Leben vieler Pfarrer wider, dass überall dort, wo Aufgeschlossenheit und Lebendigkeit praktiziert wird, von einer Kirchenkrise keine Rede sein könne.

Nicht was trennt, was verbindet ist entscheidend

Wie sehr sich die Situation in den letzten Jahrzehnten gewandelt habe, zeige sich daran, so Krätzl, dass er „als Schüler nur gelernt habe, was uns Katholische von den Evangelischen trennt.“ Von daher ist auch für Bischof Bünker wichtig zu betonen, dass Martin Luther keinesfalls die Kirche spalten, keine neue Kirche gründen, sondern „die liebe alte Kirche“ reformieren wollte. Dem pflichtet auch sein katholisches Pendant bei, was nur zeigt, dass der Brückenschlag bereits im Gange ist. „Es stehe außer Streit, dass es zur Zeit Luthers Missstände in der katholischen Kirche gegeben habe“, klingt bereits wie ein Mea Culpa.

Wenn es zum Schluss der Veranstaltung hieß, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten wie etwa beim Amts- und Kirchenverständnis gäbe, diese aber nicht mehr wie früher kirchentrennend seien, so ist dies immerhin eine positive Zukunftsperspektive. Und die wiederum weist gewisse Parallelen auch zum laufenden politischen Diskussionsprozess innerhalb der Europäischen Union auf.

 

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