Grönland: Unabhängigkeitsstreben ohne wirtschaftliche Grundlage

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Anlässlich der morgigen Parlamentswahlen in Grönland haben sich Tobias Etzold und Christian Opitz mit der Situation im Land, insbesondere den dortigen Unabhängigkeitsbestrebungen befasst. [shutterstock/Francesco Dazzi]

Die Unabhängigkeit Grönlands ist eines der Themen des dortigen Parlamentswahlkampfs. Doch angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Situation halten viele Grönländer eine baldige Loslösung vom Dänischen Königreich für weltfremd, analysieren Tobias Etzold und Christian Opitz.

Mit der Parlamentswahl am 24. April geht in Grönland ein Wahlkampf zu Ende, der von drei großen Themen geprägt war: Unabhängigkeit, wirtschaftliche Entwicklung des Landes und zukünftige Ausrichtung seines Fischereisektors. Alle drei Themen sind mit Blick auf die politische Zukunft der Insel mit seinen ca. 56.000 Einwohnern eng miteinander verknüpft. Denn bislang ist Grönland wirtschaftlich allein kaum überlebensfähig. Seine Ökonomie ist einseitig auf den Export von Fischereiprodukten ausgerichtet. Zudem ist die Regierung in der Hauptstadt Nuuk von üppigen Subventionen vom dänischen Festland abhängig: Die jährliche Bezuschussung von 500 Millionen Euro macht mehr als ein Drittel der gesamten Haushaltseinnahmen aus. Ohne wirtschaftliche Diversifizierung und Investitionen fehlen die Grundvoraussetzungen für eine Unabhängigkeit Grönlands.

Mit dem 2009 in Kraft getretenen Selbstregierungsstatut zwischen Kopenhagen und Nuuk ist Grönland autonomer geworden. Zu den Zuständigkeiten gehören seitdem unter anderem Rechtsfragen, das Polizeiwesen und die Verwaltung seiner natürlichen Ressourcen. Demgegenüber behielt Dänemark die Hoheit in der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Währungs- und Fiskalpolitik sowie bei der Staatsbürgerschaft und obersten Gerichtsbarkeit.

Außerdem enthält das Statut grundlegende Festlegungen, die eine potentielle Loslösung Grönlands von Dänemark regeln. Startpunkt wäre demnach ein Beschluss des grönländischen Volkes. Daraufhin würden Nuuk und Kopenhagen über einen Unabhängigkeitsvertrag verhandeln. Eine solche Vereinbarung müsste von den Parlamenten beider Länder sowie im Rahmen einer abschließenden Volksabstimmung in Grönland angenommen werden. Eine mögliche Unabhängigkeit Grönlands kann also weder einseitig noch überstürzt vollzogen werden.

Kaum Zweifel an Unabhängigkeit – aber das Wann und Wie ist umstritten

Gleichwohl ist die Unabhängigkeit ein wiederkehrendes Thema in der grönländischen Bevölkerung. In einer Umfrage sagten 2016 zwei Drittel der Befragten, dass Grönlands volle Souveränität für sie wichtig oder sehr wichtig sei. Für diese Sehnsucht gibt es verschiedene Motive: Zum einen bedingt die große Entfernung von Kopenhagen, dass man sich an Entscheidungen wenig gebunden fühlt. Des Weiteren sieht sich die Bevölkerung ganz überwiegend als Nachfahren der Thule-Ureinwohner mit eigener Sprache und eigenem Lebensstil. Insbesondere politisch wird seit den 1960er Jahren die grönländische Identität oftmals als unvereinbar mit der dänischen konstruiert.

Auch in der gegenwärtigen politischen Elite herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass das Land ein unabhängiger Staat werden solle. Uneins sind sich die Akteure indes über den Weg dahin und den Zeitpunkt. Die beiden größten Regierungsparteien, die sozialdemokratische Siumut von Ministerpräsident Kim Kielsen und die sozialistische Inuit Ataqatiggit, betonen, dass innerhalb der nächsten zwei bis drei Generationen erst die notwendigen wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen erfüllt sein müssen. In ihren Augen würden aus einem schnellen Unabhängigkeitsprozess, der auf Illusionen beruht, negative Konsequenzen folgen. So kündigte die dänische Regierung an, im Falle einer Unabhängigkeit Grönlands ihre finanzielle Unterstützung einzustellen. Sie steht dem grönländischen Unabhängigkeitsstreben gleichsam offen und pragmatisch gegenüber.

Dagegen drängen andere Parteien wie etwa die neugegründete nationalistische Nunatta Quitornai auf einen schnelleren Unabhängigkeitsprozess; die kleine Zentrumspartei Naleraq fordert sogar eine Unabhängigkeit bis zum Jahr 2021. Dieses Jahr steht für sie symbolisch für die dreihundertjährige Fremdherrschaft Grönlands, die mit der Ankunft des dänisch-norwegischen Missionars Hans Egede 1721 begonnen habe.

Es bedarf wirtschaftlicher Reformen und besserer Bildung

Inmitten dieser Gemengelage setzte die Regierung im April 2017 eine Kommission ein, die innerhalb von zwei Jahren Vorschläge für die Verfassung eines unabhängigen Grönlands erarbeiten soll. Mit politischen Vorarbeiten wie dem Aufbau eines effektiveren Verwaltungsapparats aber sind die Voraussetzungen für die Unabhängigkeit längst nicht erfüllt; vor allem bedarf es dringend grundlegender wirtschaftlicher Reformen. Zunächst muss die Fischereiindustrie modernisiert und nachhaltiger ausgerichtet werden. Zudem muss die Regierung Investitionen in neue lukrative Wirtschaftszeige tätigen, die das Potenzial haben, die grönländische Wirtschaft zu diversifizieren. Beispielsweise könnte ein nachhaltiger Arktistourismus intensiviert werden, für dessen Ausbau jedoch große Investitionen in die Infrastruktur z.B. des Flughafens vonnöten wären. Ein weiterer noch ausbaufähiger Sektor sind die erneuerbaren Energien wie Wasserkraft, die sich aus der großen Menge an Schmelzwasser speist.

Durch den Rückgang des Eispanzers in Folge des Klimawandels werden auch die reichen Bodenschätze der Insel zunehmend erschließbar. Das beträchtliche Reservoir an Gold, Eisenerz und Seltenen Erden birgt zweifelsohne großes Potenzial für die wirtschaftliche Entwicklung. Jedoch muss der Mineralabbau mit großer Vorsicht vor drohenden Umweltschäden betrieben werden, die deren Förderung trotz der Verlockungen auch bei vielen Einheimischen umstritten macht. Deshalb sollte darauf geachtet werden, dass nicht nur große internationale Unternehmen, sondern auch und insbesondere die lokale Bevölkerung von dieser Entwicklung profitiert.

Um aber die Grönländer selbst in den Mittelpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung zu stellen, ist es unerlässlich, deren hierfür notwendige Fähigkeiten und Kenntnisse zu verbessern. So leidet Grönland noch immer unter einer hohen Quote von Schulabbrüchen und geringen Studierendenzahlen. Viele junge Leute kritisieren angesichts dessen die lauten Unabhängigkeitsrufe als weltfremd.

Losgelöst von der Frage der Unabhängigkeit kann die Europäische Union (EU) eine große Rolle bei der Förderung der sozialen Entwicklung des Landes spielen. Zwar trat Grönland 1985 aus der EU aus. Seitdem sind beide jedoch eng miteinander verbunden. Als Ausgleich für Fischfangrechte in grönländischen Gewässern unterstützt die EU das dortige Bildungs- und Ausbildungssystem finanziell. Bestehende Förderprogramme könnten gleichwohl noch stärker auf die neuen Anforderungen zugeschnitten werden, die sich etwa im Rohstoffsektor, in der Verwaltung oder bei der Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien stellen.

 

Die Autoren

Dr. Tobias Etzold ist Wissenschaftler, Christian Opitz Forschungsassistent in der Forschungsgruppe EU/Europa der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die vorliegende Publikation entstand im Rahmen des »Research Centre Norden« (RENOR), das finanziell vom Nordischen Ministerrat gefördert wird. Die Stiftung berät Bundestag und Bundesregierung in allen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Der Text ist auch auf der SWP-Website in der Rubrik „Kurz gesagt“ veröffentlicht worden.

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