Das umgedrehte B und die Erinnerung

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV Media network.

Wenige Relikte symbolisieren den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der nationalsozialistischen Verbrechen und des Holocaust so sehr wie die berüchtigte schmiedeeiserne Inschrift über dem Eingangstor des Vernichtungslagers Auschwitz. [Wikipedia WikiCommons]

Die Coronavirus-Pandemie hat auch Auswirkungen auf das Weltkriegsgedenken: Viele Veranstaltungen morgen und am Wochenende fallen aus oder finden in anderer Form statt. Dies gibt Anlass, über das Erinnern und das Lernen aus der Geschichte nachzudenken, schreibt Claire Stam.

Morgen jährt sich zum 75. Mal der Tag des Endes eines verheerenden Weltkonflikts, dessen Auswirkungen auf dem europäischen Kontinent bis heute spürbar sind.

Wenige Relikte symbolisieren den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, der nationalsozialistischen Verbrechen und des Holocaust so sehr wie die berüchtigte schmiedeeiserne Inschrift über dem Eingangstor des Vernichtungslagers Auschwitz.

Das Tor selbst wurde von polnischen politischen Häftlingen errichtet, die Ende 1940 und Anfang 1941 in das Konzentrationslager kamen. Als die SS ihnen befahl, die „Überschrift“ für das Lager herzustellen, zeigten diese Häftlinge unglaublichen Mut: Sie kehrten den Buchstaben „B“ in dem abscheulich-zynischen Arbeit macht frei auf den Kopf.

Diese Tat sollte nicht auf den Rang einer kleinen Anekdote degradiert werden. Im Gegenteil, sie symbolisiert einen mutigen Akt des Widerstands gegen die menschenverachtende und die Menschenwürde zerstörende Maschinerie, die Auschwitz war. Denn das war der Hauptzweck des Vernichtungslagers: Den Häftlingen jegliche Menschenwürde zu nehmen und sie dann zu vernichten.

Den Buchstaben „B“ auf den Kopf zu stellen, bedeutet somit auch, die Angst zu überwinden. Es war ein Akt des Trotzes gegen die täglichen Demütigungen, Schläge, Hass und Mord, die die KZ-Insassen mit ansehen mussten. Durch ihren Mut zeigen die Häftlinge der Welt die menschenverachtende Logik auf, die die Grundlage der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bildete.

Das umgekehrte „B“ symbolisiert all dies. Und es appelliert an unsere Pflicht zur Erinnerung. Denn wir dürfen nicht vergessen oder in Gleichgültigkeit verfallen.

Die diesjährigen Gedenkfeiern können wegen der Coronavirus-Pandemie nicht wie geplant stattfinden. Für viele Auschwitz-Überlebende könnte dieser Jahrestag die letzte Gelegenheit gewesen sein, an solchen Gedenkfeiern teilzunehmen.

Und in einer Zeit, in der Gedenken nicht gleichbedeutend mit Rückblick sein, sondern vielmehr auch eine Reflexion über die Gegenwart und die Zukunft darstellen sollte, hätten die Veranstaltungen im politischen Sinne wichtige Signale setzen können. Gerade heute, da uns das Wiederaufleben des Nationalismus in Europa vor Augen geführt wird.

Doch nicht nur das.

Die aktuelle Gesundheitskrise zwingt uns außerdem umso energischer, uns eine zentrale Frage zu stellen, die sich in den letzten Jahren immer dringlicher abzeichnet: Wie können wir die Erinnerung wach halten, während der Kreis der Überlebenden des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts immer kleiner wird? Und im weiteren Sinne: Was bedeutet dies für unser Demokratieverständnis? Wie kann diese Erinnerung dazu beitragen, die Diskussion über die Demokratie und ihre Bedeutung für unsere Gesellschaften weiterzuführen?

Denn dies ist genau das, was wir weiterhin tun sollten und tun müssen: Uns selbst fragen, uns selbst hinterfragen.

Das ist es, was „Gedenken“ bedeutet. Das ist es, was „gegen Gleichgültigkeit ankämpfen“ bedeutet.

Und in dieser Übung in Demokratie kann uns das umgedrehte „B“ enorm helfen: Es sendet eine Botschaft aus, die Generationen, geografische Grenzen und verschiedene Krisen überwindet. Es erinnert an die KZ-Insassen, die uns bitten, angesichts von Verfolgung und Diskriminierung nicht gleichgültig zu bleiben.

Im besten Fall kann dieser kurze Text zur Übermittlung dieser wichtigen Botschaft beitragen, und sei es in noch so begrenztem Ausmaße.

"Das umgedrehte B" beim Internationalen Auschwitz Komitee

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